Auf Druck des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wird die umstrittene Plakataktion für das Holocaust-Mahnmal vorzeitig beendet. Die Plakate mit dem Slogan "Den Holocaust hat es nie gegeben", werden nur noch bis Mitte des Monats zu sehen sein. Auch innerhalb der Werbebranche wurde Kritik an Sinn und Zweck der Provokation laut. Die "Berliner Zeitung" sprach mit dem Düsseldorfer Werber Michael Schirner, der unter anderem für IBM, Pfanni und die Grünen geworben hat. Auch in Berlin ist er für politische Werbe-Aktionen bekannt: Er entwickelte eine Kampagne für die gescheiterte Olympia-Bewerbung der Hauptstadt.
Mit dem Slogan "Den Holocaust hat es nie gegeben" sollen Spenden für das Holocaust-Denkmal eingeworben werden. Was halten Sie von dem Plakat?
Gar nichts. Werbung wird in kürzester Zeit wahrgenommen. Man hat für die Wahrnehmung eines Plakats nur die Zeit, die ein Autofahrer braucht, um daran vorbeizufahren - das heißt: eine Sekunde. Da sollte man sich hüten, Aussagen zu machen, die man eigentlich nicht so meint. Hier ist ja wohl genau das passiert. Wenn man solche Negativaussagen zur Hauptaussage macht, besteht die Gefahr, dass sie wörtlich genommen werden...
...und hängen bleiben?
Ja. Die Leute sagen: "Ich habe gedacht, den Holocaust hätte es gegeben, aber anscheinend hat es ihn doch nicht gegeben." Man hat ja auch schon gehört, dass Leute den Holocaust geleugnet haben. Darum finde ich das sehr gefährlich.
Könnte so ein Plakat nicht auch zu einer kreativen Verwirrung beitragen?
Es hat zur Verwirrung beigetragen, denn nicht nur der Text, auch das Bild ist falsch. Man darf nicht die heile Welt abbilden, die mit diesem Thema nichts zu tun hat. Was zeigt das Motiv überhaupt, den Obersalzberg etwa? Das Bild müsste die falschen Aussagen richtig stellen. Da wäre ein Berg von KZ-Leichen am naheliegendsten. Wenn darüber steht "Den Holocaust hat es nicht gegeben", würde so ein Bild dieser Aussage widersprechen.
Lea Rosh argumentiert ja, dass dieses Plakat eine Provokation ist, die zum Nachdenken anregen soll...
Werbung, die sich im politischen Bereich bewegt, wird äußerst sensibel wahrgenommen. Wenn ich provokante Werbung für ein Stück Margarine mache, geht das. Benetton hat das ja versucht, und selbst bei denen hat es heftige Diskussionen gegeben. Aber wenn es um politisch hochsensible Themen geht, würde ich nicht zum Mittel der Provokation raten - zumal der Zweck des Plakats ist, Spenden zu akquirieren, und das kann man nicht mit Provokationen.
Der Förderkreis für das geplante Holocaust-Mahnmal wollte natürlich Aufmerksamkeit für sein Anliegen. Ist so ein Plakat da nicht ein Mittel, das durch den Zweck geheiligt ist?
Da hätte es viel intelligentere Varianten gegeben. Ich glaube, hier ist Frau Rosh der vermeintlichen Pfiffigkeit der Agentur aufgesessen.
Lea Rosh sagt, mit dem Plakat sei erreicht worden, dass die Diskussion, die vorher nur im Feuilleton stattgefunden hat, jetzt auch die "Internet-Generation" erreicht...
Nein. Die erreicht man nicht mit Plakaten, die erreicht man über das Internet. Das sind Erklärungsversuche, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Plötzlich ist das dann gut, weil alle drüber reden. Das stimmt nicht. Unter dem Aspekt der Kommunikation ist dieses Plakat einfach nicht richtig und nicht gut gemacht. Ich frage mich bei diesem Plakat auch: warum soll ein Bürger für dieses äußerst umstrittene Mahnmal jetzt auch noch spenden? Das Ganze ist ja finanziert, und wird vom Bund und vom Land Berlin bezahlt. Jetzt wollen die Initiatoren noch etwas draufsetzen. Eigentlich sollen die Spenden gar nicht dem Denkmal zugute kommen, sondern einem Dokumentationszentrum. Dann muss man das auch sagen. Die Leute, die einigermaßen informiert sind, sind sonst verwirrt. Denen müsste man mitteilen: die Spenden sind nicht für das Denkmal selbst, sondern für das Dokumentationszentrum, in dem sich die Leute die Hintergründe erarbeiten können.
Wie hätten Sie denn für Spenden für das Holocaust-Denkmal geworben?
Ich würde zeigen, wofür man Geld haben will. Das Denkmal ist, glaube ich, nicht bei allen bekannt. Ich würde ein herrliches Bild von dem Modell dieses Denkmals machen und eine animierende Aufforderung, doch für diesen Zweck zu spenden. Also nicht provozierend, nicht witzig, nicht verrückt, nicht kreativ. Denn das hat bei diesem Thema nichts zu suchen.
Das Gespräch führte Tilman Baumgärtel.