Von Tilman Baumgärtel
Gute Neuigkeiten aus den USA: Die Firma Imagex aus Massachusetts hat einen "Entkopierer" entwickelt, der aus Fotokopien wieder leere Seiten macht. Das Gerät saugt aus den bedruckten Seiten den Toner heraus; übrig bleibt ein leeres Blatt Papier, das wieder beschrieben oder bedruckt werden kann. Der einzige Nachteil der Erfindung: noch kostet der "Decopier" 45.000 Dollar, aber die Firma arbeitet bereits an einer billigeren Version. Auch bei dem derzeitigen Preis schätzt man bei Imagex, daß sich bei einer Firma, die täglich 1000 Seiten recycelt, in 18 Monaten der Kaufpreis amoritisiert hat.
Geräte wie der "Decopier" könnten eine echte Marktlücke bedienen. Die Ausstattung von Büros mit Kopierern, Faxgeräten und Computern hat nicht nur zu einer Vervielfachung des Papierverbrauchs geführt; sie hat vor allem zu einer explosionsartigen Datenvermehrung beigetragen. Jenseits des materiellen Raums, im Computernetzwerk Internet, haben sich die digitalisierten Daten nicht bloß einfach vermehrt, sondern eher potenziert. Auch wenn niemand genaue Zahlen nennen kann, wird geschätzt, daß sich die Menge der Websites im "Netz der Netze" im Augenblick alle 53 Tage verdoppelt Quelle: http://www.netcraft.co.uk/Survey/. Das Internet hat sich von einem akademischen Archiv zu einem unüberschaubaren Informations-Dschungel entwickelt, dessen Angebot auch den geduldigsten Websurfer überfordert. "Einst war Information so rar und so wertvoll wie Kaviar, jetzt ist sie so vielfältig und selbstverständlich geworden wie Kartoffeln", schreibt der amerikanische Journalist David Shenk in seinem 1997 erschienen Buch "Data Smog". Shenk, David: Data Smog - Surviving the Information Glut, London 1997 (Abacus), S. 11
Eine Reihe von neuen Netzkunstprojekten tut mit der Online-Informationsflut das, was der "Unkopierer" von Imagex mit bedrucktem Papier tut: Sie entsorgen und recyceln die überflüssigen und unverdaubar gewordenen Daten. Im folgenden sollen vier Netzkunst-Arbeiten vorgestellt werden, die auf ihre Weise ein ironischer Kommentar zu den wachsenden Mengen von "Data Trash" (Arthur u. Marilouise Kroker) im Informationszeitalter sind, der nicht nur das Internet, sondern auch unsere eigenen Wahrnehmungskanäle verstopft.
"The Landfill" (1998) von Mark Napier Mark Napier: The Landfill (1998), http://www.potatoland.org/landfill/, "Dump your trash" (1998) von Karl Heinz Jeron und Joachim Blank Blank & Jeron: Dump you trash (1998), http://sero.org/sero/dyt/, Amy Alexanders "Multi-Cultural Recycler" (1996) Amy Alexander: The Multi-Cultural Recycler (1997), http://shoko.calarts.edu/~alex/recycler.html. Das Projekt erhielt bei der ars electronica 1997 eine "Honorary Mention" in der Kathegorie Netzkunst. und der "ArchiVirus" (1998) von Manu Luksch, Armin Medosch und Richard Steckel Manu Luksch, Armin Medosch, Richard Stenzel: ArchiVirus (1997), http://www.sil.at/m/AV/ sind Projekte aus dem jungen Genre der Netzkunst, die sich mit dem Thema der Informationsentsorgung beschäftigen. Jede dieser Arbeiten gibt ihrem Betrachter die Möglichkeit, seine eigenen digitalen Dateien auf kreative Weise loszuwerden beziehungsweise (wie es die Macher des ArchiVirus ausdrücken) sich "rituell" von ihnen zu "befreien".
"The Landfill" (Die Müllkippe) von dem New Yorker Künstler Mark Napier lädt den Betrachter dazu ein, seine immateriellen, digitalen Daten online zu entsorgen. Napier hat dazu ein ausgetüfteltes Interface programmiert, in das der User eigene Dateien von fremden Websites hineinkopieren und dadurch "auf den Müll werfen" kann. Innerhalb weniger Sekunden erscheinen diese Daten auf dem Computermonitor, in einer manchmal abenteuerlichen Kombination mit dem Infoschrott anderer Netzsurfer.
Als würde man einen Müllhaufen Schicht für Schicht durchkämmen, kann man sich immer "tiefer" in die vergammelten Informationen hinabgraben. Dabei tauchen in dieser computergenerierten Collage neben unleserlichen Texten immer wieder bekannte Bilder aus dem Netz auf. Das Logo der Suchmaschine Yahoo!, die Homepage des CIAs, Pressemitteilungen von Microsoft und Playmates von der Internet-Site des Playboys lösen sich in einem wüsten digitalen Durcheinander auf, als würden sie tatsächlich langsam auf dem Server-Computer von Napier verrotten wie auf einem Internet-Komposthaufen. Was immer diese Daten uns einmal mitteilen sollten: in "The Landfill" wird ihr "Inhalt" zu grafischem Rohmaterial degradiert.
Wie die besten Netzkunstarbeiten benutzt "The Digital Landfill" durch dieses "visuelle Sampling" das Internet mit seinen spezifischen, medialen Eigenschaften als künstlerisches Material. Napier betont, daß es ihm bei dieser Arbeit weniger um die Beseitigung von Daten geht (und in der Tat verschwinden die Daten nicht wirklich, sondern werden bloß aus ihrem Zusammenhang gelöst), sondern um ihre "Materialität": "Wenn man digitalen Text aus seinem normalen Zusammenhang nimmt, ist er faszinierend anzusehen. Ich will die Aufmerksamkeit des Betrachters auf diese elektronische, textuelle, digitale Materie lenken, und ihn ermutigen, sie aus ihrem Kontext zu nehmen und sich mal genau anzuschauen. Auch für sich genommen kann diese Textinformation wunderschön sein." E-Mail vom 10. Juli 1998 von Mark Napier an den Autor Mit seiner Aneignung von Daten aus dem Netz steht Napiers Kunst-Müllkippe in einer Traditionslinie der Moderne, die bis zurück zu den Ready-Mades Duchamps reicht und zu der die Collagen der deutschen Dadaisten genauso gehören wie die Assemblagen im Fluxus der 60er Jahre oder die Appropriation Art der 80er Jahre.
Man könnte "The Landfill" ein Stück automatisierter Pop Art nennen: Die Aufeinanderschichtung von populärkultureller Ikonographie aus dem Internet erinnert an die Siebdrucke eines Robert Rauschenberg, freilich mit einem wichtigen Unterschied: bei "The Landfill" entscheidet nicht die Setzung eines einzelnen Künstlers über die Auswahl der Motive und deren Plazierung. Vielmehr entsteht die Arbeit aus den Beiträgen aller "Benutzer", die so an einer Art kollektivem Kunstwerk teilnehmen. Napier: "Mir gefällt die zufällige und unvorhersehbare Entwickung dieses Projekts, das von seinen Benutzern gestaltet wird. Jeder kann sich an ´The Landfill´ beteiligen, und jeder bringt seine eigenen Vorstellungen in diese Arbeit ein. Einige Leute haben ihre eigenen digitalen Kunstwerke beigesteuert, andere haben Animationen hinzugefügt, oder simple interaktive Spiele oder einfach nur ihre Emails." E-Mail vom 9. Juli 1998 von Mark Napier an den Autor
Auch das Berliner Künstlerduo Joachim Blank und Karl Heinz Jeron arbeitet an der Wiederverwertung von Internet-Datenmüll. Sie selbst beschreiben ihr künstlerisches Arbeitsfeld mit den Worten "Information-Smog" und "Informationsrecycling", und schon die Adresse des Internet-Servercomputers, auf dem ihre Netzarbeiten zu finden sind, spricht für sich: sero.org. http://sero.org Sero ist die Abkürzung von "Sekundärrohstoff-Verwertung". So hieß in der DDR ein "volkseigener Betrieb", der Papier, Glas und andere wiederverwertbare Materialen sammelte; heute ist Sero ein börsennotiertes Recycling-Unternehmen mit eigener Website. (Und auf die "Kollegen", die für den Müll in der wirklichen, nicht-virtuellen Welt zuständig sind, wird auf der Homepage von Blank und Jeron konsequenterweise auch hingeweisen.)
Mit "Dump your trash" bieten Blank/Jeron eine Dienstleistung an, als wären sie ein Wirtschaftsunternehmen: Netzsurfer können ihre Web-Adresse in ein Formular auf der Sero.org-Site eintragen, und erhalten nach kurzer Zeit per E-Mail einen "elektronischen Abholschein" für ihre recycelte Homepage. Wer sich zu der recycelten Seite klickt, findet dort eine hellgraue, stark verfremdete Kopie der eigenen Site vor, die man sich auf Wunsch auch in Marmor oder Granit meißeln lassen kann; gegen Aufpreis gibt es auch einem Transportwagen, damit man getrost nach hause fahren kann, was man in Stein gehauen besitzt. So wird die Homepage, die eigentlich Mitteilung von dem Leben und der Existenz ihres Schöpfers machen soll, zu einer Art mobilen Grabplatte. "Dump your trash" überführt die immateriellen, digitalen Daten wieder in den "meat space", die wirkliche, materielle Welt, in der Informationen immer noch eines stofflichen Trägermediums bedürfen, um existieren zu können.
Auch andere Arbeiten von Blank/Jeron haben in der Vergangenheit die Sintflut der Informationen thematisiert, die über die Netznutzer hinwegspült. In "without_adresses" Blank & Jeron: without adresses (1997), http://www.icf.de/without_adresses/ , einer Arbeit, die 1997 für die documenta entstand, konnten die User ihren Namen in eine Suchmaschine eingeben, die ihnen sinnlose, graphisch verfremdete Seiten zurückservierte. Gegen Ende der Ausstellung waren so zehntausende von unverständlichen, verzerrten Webpages durch die Netzsurfern generiert worden: ein künstlerischer Kommentar zu der unüberschaubaren Beliebigkeit der Information im Internet, aber auch zu der nur scheinbaren "Interaktivität" von Netzkunst. Obwohl die Arbeit inzwischen "geschlossen" ist, kann man sich die zufällig generierten Seiten immer noch im Netz ansehen. Bis heute haben es freilich noch nicht einmal die Künstler selbst geschafft, sich auch nur einen Bruchteil der "Einsendungen" anzuschauen.
Den Begriff des "Recyclings" wörtlich genommen haben Manu Luksch, Armin Medosch und R.
Steckel mit ihrem "ArchiVirus": Wer ein kleines Programm aus dem Internet auf seinen Computer kopiert, kann alle schriftlichen Dokumente auf der eigenen Festplatte in kürzester Zeit in ihre Bestandteile zerlegen: Alphabetisch sortiert erscheinen alle Buchstaben aus einer Datei, die mit dem "ArchiVirus" behandelt wurde, auf dem Bildschirm - zusammen mit der ironischen Aufforderung, diese "als Rohstoff" für neue Texte zu verwenden. Im Gegensatz zu "The Landfill" und "Dump your trash" ist die "Entsorgung" von Informationen bei diesem "philosophischen Werkzeug" aus der "ArchiVirus Gebrauchsanleitung", http://www.sil.at/m/AV/manual.html nicht symbolisch; eine Datei, die einmal mit dem "ArchiVirus" behandelt wurde, ist tatsächlich ein für alle mal unbrauchbar geworden. An einer Internet-Version in der Programmiersprache Java wird derzeit gearbeitet.
"Spätestens seitdem Gigabyte-Festplatten billiger geworden sind als das simpelste Holzregal schwinden Angst und Zweifel beim Aussortieren, also Löschen von Daten", schreiben die Künstler in einer "Gebrauchsanweisung" für ihre Arbeit. "Wir können es uns leisten, alles aufzubewahren. Unsere Hauptsorge ist hinfort, wie wir das Gespeicherte wiederfinden... Das Bewahren, das Sammeln, das Speichern sind wertvolle Kulturtechniken und werden gesellschaftlich befürwortet. Das Vergessen hingegen gilt als ein Mangel. Dem Erinnern sind große Paläste und Bauwerke geweiht, Museen, Bibliotheken, Archive, öffentlichte und private Sammlungen". a.a.O. Der "ArchiVirus" stellt den Mechanismen des Erinnerns einen Automat des Vergessens entgegen.
Auch Amy Alexanders "Multi-Cultural Recycler" benutzt digitale Daten als Rohstoff für immaterielle Collagen: Auf ihrer Site kann man die Bilder von verschiedenen Web-Kameras zu einem neuen Bild zusammenfügen. Diese Web-Kameras sind eine Netzerfindung, die sich seit 1994 wachsender Beliebtheit erfreut: Sie nehmen ununterbrochen Bilder von einem bestimmten Ort oder vom Arbeitsplatz eines Netznutzers auf und verbreiten diese über das Internet um die ganze Welt. Das kann die Baustelle am Potsdamer Platz in Berlin sein oder das Büro in einer Multimedia-Agentur in London oder auch bloß die Kaffeemaschine in einer amerikanischen Uni. Der "Multi-Cultural Recycler" verfremdet die Bilder von Schreibtischen, Maschinen und Toilettenschüsseln (!!) und generiert aus ihnen nach einem Zufallsprinzip neue Bilder, die zum Teil tatsächlich eine fast malerische Qualität haben.
Für Amy Alexander, die Schöpferin des "Multi-Cultural Recyclers", ist diese Kombination von Bildern aber auch eine Neukombination von Netzkultur und der Nationalkultur verschiedener Länder: "Einerseits sind die Web-Kameras eindeutig ein Element der Netzkultur, aber andererseits reflektieren sie auch individuelle - also zum Beispiel nationale - Kulturen, zu denen die Netzuser gehören." Email vom 2. August 1998 von Amy Alexander an den Autor Indem das Projekt verschiedene, geografisch und kulturell weit von einander entfernte Orte verbindet, erinnert die Arbeit auch an die frühen, weltumspannenden Utopien der Futuristen, in deren "drahtlosen Phantasien" die Aufhebung des physischen Raums durch neue Technologien schon zu Beginn dieses Jahrhunderts eine Rolle spielte.
Die künstlerischen Recycling-Projekte bezeichnen einen neuen Trend in der Netzkunst. Bei vielen der allerfrühsten Netz-Arbeiten von Künstlern, die Mitte der 90er Jahre entstanden, ging es nicht um das Vernichten, sondern im Gegenteil um die Akkumulation von Informationen. Zu dieser Zeit faszinierte das Internet Künstler und Theoretiker gleichermaßen als "endloses Archiv", und wurde oft mit der berühmten "Bibliothek von Babel" verglichen, die Jorge Luis Borges in einer Erzählung beschreibt. Vgl. z.B.: Ippolito, John: http//www, in: (Kat.) Deep Storage, München/New York 1997 (Prestel), 157 - 163 Auch einige der frühesten künstlerischen Netzprojekte beschäftigten sich mit dem Sammeln und Auswerten von Informationen. Im "File Room" (1994) von Antonio Muntadas http://www.cd.sc.ehu.es/FileRoom/documents/TofCont.html, einer der allerersten Arbeiten, die das Internet als künstlerisches Medium nutzten, können die User zum Beispiel Informationen über Fälle von künstlerischer Zensur in eine Datenbank eingeben, die dann online archiviert und abgerufen werden können Vgl. Muntadas, Antoni: The File Room, in: Gerbel, Karl; Peter Weibel (Hrsg): Mythos Information - Welcome to the Wired World, @rs electronica 95, Wien/New York 1995 (Springer), 285 - 289.
Eva Grubingers "C@C - Computer Aided Curating" (1994) http://www.icf.de/CAC/ präsentierte eine Art "selbstverwaltete" Online-Gallerie, in der Künstler ihr Arbeiten unter Umgehung eines Kurators, einer Gallerie oder eines Museums direkt im Internet zeigen konnten. Vgl.: Grubinger, Eva: C@C - computer aided curating, in: Gerbel, Karl; Peter Weibel (Hrsg): Mythos Information - Welcome to the Wired World, @rs electronica 95, Wien/New York 1995 (Springer), 245 - 247 Während es bei diesen Projekten darum ging, die User zu Mitproduzenten zu machen, indem sie eine existierende Netz-Infrastruktur mit Inhalt füllten, beabsichtigen die drei genannten Arbeiten exakt das Gegenteil: nicht noch mehr "Content" anzuhäufen, sondern diesen zu vernichten. Daß die hier beschriebenen neueren Arbeiten nur noch mehr Datenmüll erzeugen, ist dabei von feiner Ironie.
Es ist wohl kein Zufall, daß die vier genannten "Infomüll"-Projekte fast zur gleichen Zeit entstanden (nämlich in der ersten Hälfte des Jahres 1998) — also zu einem Zeitpunkt, zu dem die erste Interneteuphorie, die Anfang der 90er Jahre utopische Spekulationen und idealistischen Phantasien in Gang gesetzt hatte, weitgehend verflogen ist. Allen Arbeiten ist auch gemeinsam, daß sie von Künstlern kommen, die als "Internet-Veteranen" gelten können: Besonders an der künstlerischen Vita von Joachim Blank und Karl Heinz Jeron, die zu den Begründern des Anfang 1998 beendeten Internet-Projekts Internationale Stadt Internationale Stadt, http://www.icf.de gehörten, läßt sich die Entwicklung vom "Internet-Idealismus" der ersten Stunde zu der Desillusionierung der Gegenwart ablesen.
In einer Selbstdarstellung der Internationalen Stadt, die 1995 im Katalog der ars electronica erschien, hieß es: "Der Mensch steht als aktiv Beteiligter und nicht als Verbraucher im Zentrum der Internationalen Stadt... Er findet durch das globale Internet eine bereits vorhandene Infrastruktur vor, die Kommunikation und Informationsaustausch auf internationaler Ebene ermöglicht". Internationale Stadt: Die ideale Stadt im Internet, in: Gerbel, Karl; Peter Weibel (Hrsg): Mythos Information - Welcome to the Wired World, @rs electronica 95, Wien/New York 1995 (Springer), 254 - 257 Drei Jahre später sind für Blank und Jeron "Kommunikation und Informationsaustausch" im Internet nur noch Datenschrott, dem man lediglich mit einer künstlerisch-symbolischen Entsorgung begegnen kann. Da es eine der wichtigsten Leistungen der Internationalen Stadt war, ihren "Bewohnern" die Möglichkeit zu bieten, eine eigene Homepage anzulegen, ist es eine umso sarkastischere Geste, mit "Dump your trash" nun genau solche Homepages virtuell zu "entsorgen".
In einem berühmt gewordenen Interview mit dem Playboy hat Marshall McLuhan 1969 davon gesprochen, daß die "neuen Medien" seit der Erfindung des Buchdrucks, "unser gesellschaftliches Umfeld zu gewalttätig und zu stimulierend gemacht haben, als daß es das menschliche Nervensystem noch ertragen könnte." Während McLuhan daran glaubte, daß man dem Info-Overkill mit mechanischen Prothesen für die Sinnesorgane des Menschen Herr werden könnte, haben Kulturkritiker wie Neil Postman oder Clifford Stoll das Internet in der jüngeren Vergangenheit als eine Anhäufung sinn-, weil kontextloser Information dargestellt: "Our networks can be frustrating, expensive, unreliable connections that get in the way of useful work", schreibt Stoll in seinem Buch "Silicon Snake Oil" (dt. "Die Wüste Internet") "It is a overpromoted hollow world, devoid of warmth and human kindness. The heavily promoted information infrastructure adresses few social needs or business concerns. At the same time, it directly threatens precious parts of our society, including schools, libraries, and social institutions." Stoll, Clifford: Silicon Snake Oil, London/Basingstoke 1996 (Pan), 233
Im Gegensatz zu dem klassischen Kulturpessimismus, der aus solchen Bewertungen spricht, betonen die Arbeiten, die in diesem Artikel vorgestellt werden, jedoch die Macht des Users gegenüber der Info-Entropie des Netzes. Sie kapitulieren nicht vor der Masse der Daten, sondern schlagen sie mit ihren eigenen Waffen und auf ihrem eigenen Terrain. Indem sie ihren BenutzerInnen einen kreativen und eigenständigen Umgang mit der Info-Flut erlauben, entmachtet sie das Archiv Internet. "Dump your trash", "ArchiVirus", "The Multi-Cultural Recycler" und "The Landfill" verweisen auf die Möglichkeit eines selbstbestimmten, souveränen Umgangs mit dem Internet und seinen unüberschaubaren Datenmengen.
Auf die Frage, wie er selbst mit dem Überangebot an Information umgeht, antwortet "Landfill"-Schöpfer Mark Napier: "Ich versuche, so weit es geht, Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen aus dem Weg zu gehen." E-Mail vom 9. Juli 1998 von Mark Napier an den Autor Die Künstler, von denen die hier beschriebenen Arbeiten stammen, gehören alle zu einer Generation, die mit einem Informations-Überangebot aufgewachsen ist, und gelernt hat, sich durch Datenfluten hindurchzumanövrieren. Ihre Netzkunst-Arbeiten zeigen, daß es andere Methoden gibt, mit dem "Info-Overkill" umzugehen, als vor ihm zu kapitulieren oder sich als sein Opfer zu fühlen. Die Daten, die uns aus dem Internet entgegenströmen, können auch als ein Rohstoff für eigene Werke dienen. Und die digitalen Collagen, die aus diesem Rohstoff entstanden sind, besitzen — bei "The Landfill" oder beim "Multi-Cultural Recycler" — sogar eine eigene, idiosynkratische Schönheit.
Nachtrag:
Dieser Artikel war bereits beendet, als ich im Internet auf die Website "Information Super-Collider" Trevor Blackwell: The Information Supercollider (1994), http://www.eecs.harvard.edu/collider.html des Amerikaners Trevor Blackwell stieß. Sein "Kollidierer" vermischt Material von verschiedenen Homepages nach einem Zufallsprinzip miteinander. Aus Daten von HTML-Seiten von den unterschiedlichsten Servern stellt das Programm automatisch neue Pages zusammen - und erinnert damit stark an die vier Kunstprojekte, die in diesem Artikel vorgestellt werden. Doch Blackwell ist kein Künstler, sondern ein Universitätsangestellter, der im Computerzentrum der amerikanischen Elite-Uni Havard arbeitet. Sein "Super-Collider" (der übrigens bei der ars electronica einen Preis in der Kategorie "Netzkunst" erhielt) ist bereits seit 1994 im Netz, entstand also drei Jahre, bevor ein Künstler auf die Idee kam, digitale Daten zu "verschrotten".
Sein technisch ausgefeiltes Projekt zeigt, daß die Fallhöhe zwischen High Art und Low Culture im Internet immer noch sehr gering ist. Was in einem bestimmten Kontext als ein Kunstwerk betrachtet wird, ist in einem anderen Zusammenhang der gelungene Programmiertrick eines computer-besessenen Angestellten in einem Rechenzentrums. Wer die in diesem Artikel vorgestellten Arbeiten in die Kunstgeschichte einrücken will, kann Bezüge herstellen zu den Collagen und Materialassemblage der Dadaisten wie John Heartfield, Hannah Höch und Ernst Schwitters, zu Fluxuskünstlern wie Daniel Spoerri, Wolf Vostell oder Arman, er kann Vergleiche mit so unterschiedlichen Künstlern wie Marcel Duchamp, Andy Warhol, Joseph Kosuth oder Haim Staimbach herstellen.
Aber andererseits sind die "Infomüll"-Projekte, von denen dieser Artikel handelt, auch gelungene "Hacks" — kleine technische Programmiermeisterleistungen. Im Augenblick scheint es immer noch die wichtigste Aufgabe von Kunst im Internet zu sein, die technologischen Paradigmen des Internets zu hinterfragen. Und daher hat Kunst im Internet oft immer noch mehr mit Hacking zu tun als mit dezidierter Kunstproduktion.