Die Gegner der Gegner
Internetaktivisten schlagen Coronaleugner mit ihren eigenen medialen Waffen
Von Tilman Baumgärtel
Als ein Autokorso von Coronaleugnern am 12. April auf der Kleiststrasse durch die Berliner City West fährt, können sie ihre Parolen nicht ungestört verbreiten. Während von einem Transporter über Grundrechtsverletzungen und Regierungslügen salbadert wird, fährt Mounib Ayoub mit seinem Crossbike neben der Wagenreihe her. Er trägt ein Headset und einen daran angeschlossenen, kleinen Lautsprecher, mit dem er den Passanten auf dem Bürgersteig zuruft: „Glaubt denen nicht!“ „Das sind Lügner!“ „Das sind Coronaleugner!“ Weil er kräftig in die Pedale treten muss, um mit den Autos mitzuhalten, sind seine Kommentare etwas atemlos. Manche Leute bleiben stehen, andere winken ihm zu oder machen Drohgebärden in Richtung Autokorso.
Aber auch wer an diesem Montagnachmittag nicht zwischen Wittenbergplatz und Nollendorfplatz unterwegs war, kann die Szene sehen. Ayoub veröffentlicht kurze Videoclips von seinen Einsätzen bei Twitter unter dem Namen @AnsarBerlin, wo ihm inzwischen über 4000 Menschen folgen. Dort bekommen sie zu sehen, was er mit seinem Smartphone filmt – zu Beispiel bei der regelmäßigen Begleitung von Autodemos in Berlin, bei denen er sich beim Radeln Wortgefechte mit den Rednern liefert oder den Passanten zuruft: „Lass Euch impfen! Impfen macht sexy.“
Ayoub gehört zu einer kleinen, lose organisierten Szene von Aktivisten, die der Präsenz der Coronaleugner in den Sozialen Medien etwas entgegen zu setzen versuchen. Denn von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt haben die sogenannten „Querdenker“ im vergangenen Jahr regelrechte Medienimperien aufgebaut, die über Facebook, YouTube, aber vor allem über den unmoderierten Messengerdienst Telegram ihre immergleichen Botschaften von „Merkeldiktatur“, angeblicher „Impfpflicht“ oder falsche Fallzahlen und Inzidenzien verbreiten.
Die Szene hat ihre eigenen Influencer, die sich online durch immer aggressivere Kommentare und Hetztiraden zu überbieten versuchen oder sich in Videokonferenzen zu faktenfreien Diskussionsrunden zusammenschalten. Aber es sind vor allem die Live-Streams, die von der Schwurblerszene in den vergangenen Monaten als ein potentes Mittel für Propaganda und Mobilisierung entdeckt worden sind. Per Smartphone werden bei YouTube und Streamingdiensten wie Twitch oder Dlive stundenlange Live-Übertragungen von Demonstrationen und Kundgebungen verbreitet. Streamer wie der rechtsextreme Verschwörungsideologe Stefan Bauer, der in seinen Übertragungen regelmäßig die Corona-Maßnahmen mit den Verbrechen des Dritten Reichs vergleicht, sind mittlerweile mit ganzen Teams bei den Veranstaltungen der Szene unterwegs und können wie bei der Live-Berichterstattung im Fernsehen zwischen verschiedenen Kamerastandpunkten hin- und herschalten.
Wer in diesen medialen Sumpf abgeglitten ist, braucht kein Fernsehen mehr, sondern kann 24 Stunden pro Tag Schwurbel-Content konsumieren, der das eigene Weltbild festigt. Aber indem sie ihre Aktionen ungeschnitten aufzeichnen, liefern die Querdenker auch oft genug visuelle Beweise gegen sich selbst. Ein ganzer Internet-Schwarm von Gegnern der Masken-, Maßnahmen- und Impfgegner beobachtet die einschlägigen Kanäle in Echtzeit, schneidet Lügen, Beleidigungen und Gesetzesverstöße mit und verbreitet die Clips im Netz.
Auch Ayoub Mounib betreibt diese neue Art des Internet-Videoaktivismus. Doch es sind vor allem seine Live-Aufnahmen von den Veranstaltungen der Querdenker, welche die zunehmend aggressive Rhetorik und die Umsturz-Fantasien dieser Szene unwiderlegbar festhalten. Dabei ist Ayoub kein politischer Aktivist und schon gar nicht „Antifa“, wie ihm von Schwurbeldemonstranten immer wieder unterstellt wird.
Der 29jährige medizinische Fachangestellte arbeitet seit Ende 2020 im mobilen Impfteam in Berlin und bezeichnet sich selbst als „eigentlich unpolitisch“. Doch Anfang diesen Jahres entdeckte er im Internet die Live-Streams der Coronaleugner, die er mit wachsender Fassungslosigkeit verfolgte. Besonders empört war er von einem Auftritt eines damaligen Wortführers der Szene: der frühere HNO-Arzt Bodo Schiffmann, der sich inzwischen nach Tansania abgesetzt hat, verglich Impfhelfer wie ihn mit dem KZ-Arzt Mengele. „Ich wollte, dass diese Leute ihren Schmutz nicht ohne Widerspruch verbreiten können“, erinnert Ayoub. Also kaufte er sich Mikrophon und Lautsprecher und begann, bei Veranstaltungen der Querdenker in Berlin lautstark seinen Standpunkt kund zu tun. Mittlerweile verbringt er den größten Teil seiner Freizeit damit.
Andere Gegendemonstranten empfahlen ihm, seine Aktionen auf Video festzuhalten und sie online zu verbreiten. Bis dahin hatte er Soziale Medien wie Twitter kaum genutzt, mittlerweile postet er fast täglich. „Ich bin ein Amateur. Ich habe kein Konzept und kein Sendungsbewusstsein, und ich will auch niemand brandmarken“, sagt er heute. „Aber ich will auf solche Lügen reagieren.“ Weil er immer freundlich bleibt und mit Humor auftritt, bleiben direkte oder gar handgreifliche Konfrontationen mit den Querdenkern meistens aus. Bloß als der verschwörungsideologische Demagoge Thorsten Schulte ihn auf offener Bühne vor dem Brandenburger Tor als ISIS-Unterstützer beschimpfte, wurde es ihm zu viel und er erstattete Anzeige.
Wie brachial Coronaleugner gegen ihre Gegner vorgehen, musste auch der YouTuber erfahren, der unter dem Namen „Schlauchbootfan“ Videos gegen die Coronaleugner veröffentlicht. Im Februar forderte Bodo Schiffmann bei Telegram seine Follower dazu auf, Schlauchbootfan zu „doxen“, also private Informationen auszuspionieren und zu veröffentlichen. Schon wenige Stunden später konnte er Klarnamen, Arbeitgeber und andere private Daten im Netz bekannt geben. Schiffmanns Anhänger begannen in Massen, angebliche „Hassbotschaften“ bei dem Kanal „Schlauchbootfan“ bei YouTube zu melden und pöbelten in der Kommentarspalte. Aber vor allem bombardierten sie seinen Arbeitgeber mit Emails, Faxe und Anrufern, offensichtlich um seine Entlassung herbeizuführen.
Auch „Schlauchbootfan“ - der seinen Namen nun mehr nicht in der Zeitung lesen will – war bis vor kurzem kein Internetaktivist. Als Bodo Schiffmann im Frühjahr 2020 bei YouTube seine ersten Video veröffentlichte, in denen er wissenschaftliche Fakten über Corona leugnete, schrieb er ihn an, um ihn auf Falschaussagen hinzuweisen. Schiffmann wimmelte ihn pampig ab. Als Reaktion machte Schlauchbootfan mit einer Gratis-Smartphone-App sein erstes Video für den YouTube-Kanal, den er lange vorher für private Aufnahmen eingerichtet hatte – daher auch das merkwürdige Pseudonym.
„Ich habe nichts dagegen, wenn diese Leute die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kritisieren“, sagt der 60jährige, der in der Immobilienbranche arbeitet und sich selbst als „eher konservativ“ bezeichnet. „Aber wenn sie behaupten, dass wir in einer Diktatur leben und es in Deutschland keine freie Meinungsäußerung mehr gibt, muss ich widersprechen.“ Einen positiven Nebeneffekt hatte Bodo Schiffmanns Kampagne gegen ihn: Seine Abonnenten und die Abrufe seiner Videos haben sich seither mehr als verdoppelt. Trotzdem hat er gegen Schiffmann Strafanzeige gestellt: „Wenn er je nach Deutschland zurück kommt, sieht er dann, dass der Rechtsstaats funktioniert, was er ja bezweifelt hat.“
Auch der Osnabrücker Musiklehrer Gerhard Torges nutzt die Mittel des Rechtsstaats, um sich gegen Übergriffe von Coronagegner zur Wehr zu setzen: Er zeigt sie an, wenn er in ihren Streams Gesetzesverstöße beobachtet. Über hundert Anzeigen hat er schon, komplett mit Zeugenangaben, Videomitschnitten und anderen Beweisen, verschickt. Zwar erfährt er selten, ob seine Anzeigen weiter verfolgt werden: „Aber manchmal sehe ich dann schon in den Streams, dass die darüber jammern, dass sie eine Anzeige oder ein Hausverbot am Hals haben.“
Als Denunziantentum betrachtet er das nicht: „Es ist mein Recht, die Strafverfolgungsbehörden auf Gesetzesverstöße hinzuweisen. Die können ja nicht alles beobachten. Sonst würden wir wirklich in einem Polizeistaat leben.“ Auch als „Clicktivismus“, bei dem vom Sofa aus in den Sozialen Medien risikolos Politik gemacht wird, sieht das ehemalige Mitglied der Piratenpartei seine Aktivitäten nicht. „Ich kann nicht zu jeder Demo gehen, weil ich eine Arbeit und Familie habe. Jeder tut eben, was er kann.“
Dazu gehört es auch, die Leichtgläubigkeit der angeblich so kritischen Corona-Leugnern vorzuführen. Zusammen mit Mitstreitern, die er über Twitter und andere soziale Medien kennengelernt hat, bietet er bei Telegram unter Pseudonym Mitfahrgelegenheiten zu Corona-Demonstrationen an. Wer das Angebot annimmt, wartet dann an Raststätten oder Bushaltestellen vergeblich auf einen Fahrer. Dass die Geprellten in Zukunft kritischer hinterfragen, was da so alles bei Telegram geschrieben wird, bezweifelt er zwar selbst- Aber er findet: „Jeder Teilnehmer weniger an den Demonstrationen, bei denen systematisch die Corona-Regeln gebrochen werden, ist schon ein Erfolg.“