Oder blau. Das Smartphone-Spiel “Ingress” verwandelt die Alltagswirklichkeit in ein kollektive Halluzination

Von Tilman Baumgärtel

Auf dem Weg zur Arbeit nimmt Philipp Kotsch immer gerne ein paar Portale ein. Unterwegs zückt er seinen Scanner. Richtet ihn auf die Öffnung, aus der die bläulich schimmernde, exotische Materie austritt. Die neutralisiert er und löst den Hackvorgang aus. Er steckt Resonatoren in den Durchlass. Dann verschließt er ihn mit einem Schutzschild. Und weiter zur S-Bahn.

Über den Ursprung der exotischen Materie weiß man immer noch wenig, Bekannt ist nur, dass sie aus dem Weltraum stammt. Aber als Erleuchteter glaubt Philipp Kotsch, dass sie eine positive Kraft ist, die man im Dienste der Menschheit nutzen kann. Wenn das nur endlich auch die Widerstandskämpfer einsehen würden! Nicht auszuschließen, dass das Portal, das Kotsch am Morgen eingenommen hat, am Abend, wenn er von der Arbeit kommt, schon wieder blau strahlt, weil es von einem Widerstandskämpfer zurück erobert wurde. Dann heißt es dann wieder: Scanner zücken! Eliminieren! Hacken! Resonatoren einführen! Verschließen! Und ab nach Hause.

Wer auf dem Weg zur Arbeit keine kosmische Materie aus der Wand quellen sieht, kennt das Smartphone-Spiel Ingress nicht. Die App verwandelt das gewohnte Alltags-Umfeld in ein Schlachtfeld, auf dem ein nicht enden wollender Kampf tobt. Wer nicht Ingress spielt, mag die Teilnehmer an diesem Kampf für normale Passanten halten, die mit starrem Blick auf ihr Telefon durch die Stadt gehen. Wie das viele Passanten heute eben so tun. Doch für die Ingress-Spieler wird der Monitor ihres Handys zum Tor in ein Paralleluniversum, in dem sie mit Energieimpuls-Waffen abenteuerliche Missionen bestehen und dabei die Welt retten.

Wenn man es einfach erklären will, ist Ingress eine Hightech-Schnitzeljagd. Doch für die Initiierten ist das Spiel eine Art kollektiver Halluzination, an der man per Smartphone teilnimmt. Und wenn man Spielern zuhört, die mit wachsender Begeisterung über ihren Ingress-Lebensstil berichten, glaubt man irgendwann, dass die App viel mehr ist als bloß ein Computerspiel. Es soll nicht nur gegen Langeweile helfen, sondern auch gegen Einsamkeit. Ingress kann ein Mittel gegen Unkenntnis der eigenen Stadt und gegen mangelnde Fitness sein. Auch bei der Suche nach einem vernünftigen Steuerberater oder dem besten Döner in unbekannter Nachbarschaft soll Ingress gute Dienste leisten. Sogar zu einem Schlafplatz in einer fremden Stadt hat es manchen seiner leidenschaftlichsten Spielern schon verholfen.

Aber der Reihe nach: Zunächst einmal ist Ingress schlicht eine App, die auf Google Maps basiert. Spieler müssen sich bei der Anmeldung einer von zwei Fraktionen anschließen, entweder den Erleuchteten (die glauben, dass die Energie-ausstoßenden Portale von Aliens eingerichtet worden sind, um die Menschheit auf eine höhere Entwicklungsstufe zu erheben), oder dem Widerstand (die von den Aliens gerne gefragt worden wären, ob sie diese exotische Materie in der Nachbarschaft haben möchten). Diese beiden Gruppen kämpfen um Portale, die es rund um den Globus gibt. Dann verbinden sie mit ihrem Smartphone von ihnen eroberte Portale miteinander, wodurch ganze Territorien entstehen, die von ihnen kontrolliert werden. Dafür bekommen sie Punkte und Gegenstände, die ihnen bei der nächsten Mission helfen können.

Im Gegensatz zu anderen Computerspielen, die einen vor den PC oder die Konsole zwingen, muss man bei Ingress die Stube verlassen und sich durch die Nachbarschaft bewegen. Regelmäßige Spieler behaupten sogar, abgenommen zu haben, seit sie Ingress entdeckt haben. Die Portale sind meist an Stellen platziert, die von historischem oder sonstigem Interesse sind: Denkmäler, Brunnen, historische Gebäude oder öffentliche Einrichtungen. Der Kampf um sie findet ununterbrochen und auf der ganze Welt statt. Die Eingangshalle der Humboldt-Universität oder des Alten Museums hat heute wahrscheinlich schon mehrfach den Besitzer gewechselt. Das Rathaus von Hongkong auch.

Berlin zählt international zu den Ingress-Hochburgen: 5000 Portale soll es alleine innerhalb des S-Bahn-Rings geben. Auch wenn keine offiziellen Zahlen existieren, wird geschätzt, dass es zur Zeit 2000 aktive Spieler in Berlin gibt. Und Zehntausende, die schon wieder ausgestiegen sind.

“Durch Ingress habe ich Ecken von Berlin kennen gelernt, in die ich sonst nie gekommen wäre”, sagt Philipp Kotsch. Er ist Ingress-Spieler der ersten Stunde. Als Niantic, eine Tochterfirma von Google, Ende 2012 eine Testversion der App veröffentlichte, ergatterte er auf der Website des Unternehmens einen Freischaltcode, und gehörte zu den ersten, die in Berlin ganze Stadtviertel “grün färbten”, also für die Erleuchteten eroberten.

An einem sonnigen Vorfrühlings-Samstagmittag sitzt der bärtige Diplomingenieur in einem Cafe am Helmholtzplatz an einem Tisch neben Torsten Kirmse, der Widerstand-Kämpfer ist und daher eigentlich sein Todfeind sein müsste. Aber heute ist “Ingress First Saturday”: Auf der ganzen Welt ziehen an diesem Tag blaue und grüne Teams gemeinsam los, um für ihre Stadt so viele Punkte wie möglich zu sammeln. Am Abend wird ausgerechnet, wer gewonnen hat. “Berlin gehört immer zu den Top Ten”, sagt Kirmse. “Aber in der letzten Zeit haben eine Reihe von asiatischen Städten stark aufgeholt.”

Um ein Uhr soll es losgehen, aber vorher wird erst mal gemeinsam gefrühstückt. Die etwa 40 Leute, die das Café in Prenzlauer Berg unangekündigt mehr oder weniger übernommen haben und nun vor Tellern mit Brötchen, Rührei und Pfannkuchen sitzen, entsprechen nicht der Vorstellung, die man sich von Computerspiel-Nerds macht. Einige sind in auffallenden Blau- oder Grüntönen gekleidet, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren. Aber ansonsten sieht das hier aus wie eine ganz normaler Wochenend-Brunch. Zwar sind Männer klar in der Mehrheit. Aber es gibt auch weibliche Ingress-Spieler, und sogar einige Kinder mümmeln an ihren Stullen. “Die Leute, die Ingress spielen, sind keine Technikfreaks”, sagt Kirmse. “Wir haben hier Lehrer, Kindergärtner, Apothekerinnen, Anwälte, Hausfrauen und Designer.”

“Am Anfang ist Ingress ein Spiel, das einen hohen Suchtfaktor hat”, sagt einer von ihnen. “Wenn man extra zwei Stunden früher zur Arbeit geht, um auf dem Weg Portale zu übernehmen, und dann doch eine Stunde zu spät kommt, wird es gefährlich.” Die ersten Aufgaben, mit denen einen das Spiel konfrontiert, kann man allein lösen. Aber wer komplexere Missionen übernehmen will, um in die höheren Level des Spiels aufzusteigen, tut sich leichter, wenn er mit anderen zusammenarbeitet. So wird das Computerspiel zum Mannschaftsport. Und die Mitspieler zum sozialen Netzwerk.

“Wenn man länger als ein halbes Jahr dabei bleibt, ist der Grund nicht mehr das Spiel als solches, sondern die Leute, die man über das Spiel kennenlernt”, sagt Kotsch. “Egal, ob man jemanden sucht, der einem ein T-Shirt druckt oder einen rechtlich berät, unter den Ingress-Spielern findet man eigentlich immer jemand, der einem helfen kann”, erzählt Kotsch.

Als Beispiel für die Kollaboration, die Ingress möglich macht, weist Kotsch auf den Pokal, der auf dem Tisch steht, abwechselnd grün und blau leuchtet, und heute Nachmittag an die erfolgreichste Mannschaft verliehen wird. Entworfen wurde er von einem Team-Mitglied, das Designer ist, produziert von einem anderen, der an seiner Arbeitsstelle einen 3D-Drucker hat. Finanziert werden solche Aktivitäten per Crowdfunding oder mit Geld aus der Sammelbüchse, die gerade herumgereicht wird.

Um die Identifikation mit dem Spiel zu erhöhen, bietet Ingress-Anbieter Niantic wöchentliche Video-Nachrichten auf Youtube an, die über große Aktionen in der ganzen Welt berichten. Rund um den Globus veranstaltet die Firma regelmäßig aufwendige “Anomaly Events”. Wenn die Veranstaltung Ende des Monats nach Stationen in Medellín in Kolumbien und Alexandria in Ägypten in Hannover Station macht, werden mehr als 3000 Teilnehmer erwartet.

Niantic organisiert für diese Events besondere Missionen und eine Clubnacht, bei der die Gewinner bekannt gegeben werden. Die Anreise arrangieren Spieler aus der ganzen Welt selbst. Übernachtet wird oft bei neuen Bekannten, die man via Ingress kennengelernt hat. “Bei diesen Veranstaltungen entdeckt man bei sich selbst ungeahnte Organisationsfähigkeiten”, sagt Philipp Kotsch, der im vergangenen Jahr bei einer Berliner Anomaly mitgeholfen hat. Zu diesen Veranstaltungen schickt Niantic auch Schauspieler, die die aufwendige Hintergrundgeschichte weiterspinnen, die die Firma für das Spiel entwickelt hat. Sie liegt inzwischen auch in Buchform und als Comic vor, um Neulinge in die verzweigt Welt von Ingress einführen.

Bleibt die Frage, wie Niantic mit dem Spiel Geld verdient, denn die App ist umsonst. Sponsoren-Deals mit Vodafon und Axa bezahlen die Rechnungen nicht. Dass Datenkrake Google die Positionsdaten der Spieler auswertet, erscheint Kotsch nicht plausibel: “Was haben die davon, wenn sie wissen, dass ich heute zwanzigmal um den Helmholtz-Platz gelaufen bin? Das sind ja nicht meine typischen Wege.” Er vermutet, dass Google seine Tochterfirma erst mal aus seinen gut gefüllten Kassen finanziert, um zu sehen wie sich das Spiel entwickelt.

In Zukunft will die Firma, wie Google-Marketing-Managerin Anne Beuttenmüller erklärt, die Ingress-Software an Unternehmen verkaufen, die auf dieser Basis eigene Spiele entwickeln können. Im Herbst soll es das erste derartige Game geben, das den Plot auf James Freys Roman-Serie “Endgame” weiterspinnt. Mit der Online-Version der Bücher könnte eine neue Art von interaktivem Erzählen entstehen, in der die User gleichzeitig Konsumenten, Protagonisten und Propagandisten dieser Form von Unterhaltung werden, hofft man bei Google.