Lasst das World Wide Web in Ruhe. Es ist eins der wenigen Dinge auf der Welt, das noch nicht vollkommen zu Grunde reguliert ist, und nun wollt ihr auch das zerstören? Verdammt, euch geht es doch nur um Dollars, verneigt euch und betet ihn an..." So machte sich ein Internet-User in einem Diskussionsforum des World Wide Web Consortiums Luft.

Der scharfe Ton ist ungewohnt in der Diskussion über die technischen Standards des Webs. Bisher definierten die Informatiker des World Wide Web Consortiums (W3C) still und unbeachtet, nach welchen Regeln das Web funktioniert. Die Institution, die ihren Sitz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat, ist eine Art globale Verkehrspolizei für das WWW: Sie entscheidet, wie eine Website programmiert werden muss, damit sie korrekt angezeigt wird und auf welcher Diese Feinheiten sind den meisten Netznutzern egal, ohne sie würde das Web aber nicht funktionieren.

Ihrer Aufgabe sind die W3C-Informatiker bisher stets im Hintergrund nachgegangen. Mit wütenden E-Mails überschüttet zu werden, in denen man sie unter anderem mit Zuhältern oder der Russenmafia vergleicht, dürfte für sie eine neue Erfahrung sein. Einige empörte Netznutzer werfen ihnen sogar vor, das Internet zerstören zu wollen, andere gleich einen Generalangriff auf die freie Meinungsäußerung oder wenigstens vollkommene Korruption.

Patent aufs Web?

Der Streit dreht sich um die Einführung von patentgeschützten Standards für das Web. Bisher sind alle Web-Technologien - wie zum Beispiel HTML, der Code, in dem Webseiten geschrieben werden - nicht patentiert und können gratis benutzt werden. Das hat auch zum Erfolg des WWW beigetragen. Wenn nun patentierte Standards eingeführt werden, könnte das dazu führen, dass User für die Benutzung des Webs Gebühren an die Inhaber dieser Patente zahlen müssen. Das befürchten jedenfalls die hunderte von Internet-Nutzern, die seit einigen Tagen das W3C mit E-Mails bombardieren.

Henning Fischer, Mitarbeiter beim deutschen Büro des World Wide Web Consortiums wiegelt ab: "Grundkonsens bei uns ist natürlich, dass wir keine Standards einführen, die mit den Patenten von Firmen kollidieren." Aber allein ein Unternehmen wie Siemens hielte 200 000 Software-Patente. Da könne man nicht ausschließen, dass eine technische Neuerung im Internet nicht vielleicht schon von irgendjemand patentiert sei.

In der Tat ist es durch Software-Patente schon zu absurden Situationen gekommen. Denn patentieren lassen kann man nicht nur ein Computerprogramm, sondern auch logische Abläufe und sogar Ideen. So entdeckte die British Telecom im vergangenen Jahr, dass sie seit 1989 ein Patent auf das Prinzip des "Hyperlinks" hat - die "Absprungs-punkte", von denen aus man sich per Maus-Klick durchs Web bewegt. British Telecom verklagte eine Reihe von amerikanischen Internet-Unternehmen wegen angeblicher Patentverletzung. Wenn sich British Telecom vor Gericht durchsetzen würde, müssten Unternehmen wie AOL oder T-Online bald Lizenzgebühren für ihre Webangebote an British Telecom zahlen - und diese Kosten an ihre Kunden weitergeben.

Bisher hofft man beim W3C zu einer Lösung des Konflikts zu kommen. Die Periode, in der über den neuen Vorschlag diskutiert wird, wurde erstmal bis zum 15. Oktober verlängert. Danach will das Gremium entscheiden, ob es in Zukunft auch patentierte Verfahren zu einem Teil der Webtechnologie macht.