Von Tilman Baumgärtel

Am 12. August 2019 veröffentlichte der chinesische Staatssender CCTV im Internet ein bemerkenswertes Video. Der zweieinhalbminütige Clip sollte wohlUnterstützung für die Polizei von Hongkong zum Ausdruck bringen, die zu diesem Zeitpunkt schon seit über zwei Monaten bei den zunehmend aggressiver werdenden Straßenprotesten, Demonstrationen und einem Generalstreik im Einsatz waren. Zu dramatischer Musikwerden Polizisten in Uniform und Zivil bei der Arbeit gezeigt. Alle sehen sehr gut aus, tragen perfekt sitzende Maßkleidung, die Aufnahmen zeichnen sich durch exzellent gesetztes Licht und eindrucksstarkenFarbeinsatz aus. Die ästhetische Qualität gleichtder eines Spielfilms.1混剪爆燃视频:邪不压正!阿Sir,14亿同胞撑你!|小央视频, https://youtu.be/eY8kRNl1zN4

混剪爆燃视频:邪不压正!阿Sir,14亿同胞撑你!|小央视频, https://youtu.be/eY8kRNl1zN4

Kein Wunder - denn all die Szenen, die die Polizei von Hongkong bei der Arbeit zeigen sollten,sindaus Spielfilmen der vergangenen Jahre. Der größte Teil des Videoclips, der in den sozialen Medien Chinas hunderttausende positive Kommentare einsammelte, war aus erfolgreichen Filmen der letzten Jahre zusammengestückelt, aus Kassenschlagern wie “Kill Zone” (2005), “Cold War” (2012), “Firestorm” (2013), “Line Walker” (2014)oder “Shock Wave” (2017). Nur ganz am Endesindkurz richtige Polizisten aus Hongkong in der Auseinandersetzung mit Demonstranten zu sehen, gefolgt von Bildern einer Kundgebung zur Unterstützung der Polizei.

Der Titel des Videos, der von Xiaoyang Video, der Kurzvideoplattform von CCTV produziert wurde: “Sir, 1,4 Milliarden Menschen unterstützen Sie!” Gemeint waren wohl die 1,4 Millionen Festlandchinesen, die nichts von den “Terroristen” und “Aufrührern” – wie die Demonstranten im Videogenannt wurden – halten, die in Hongkong für den Rechtsstaat auf die Straße gehen. (Das “Sir” im Titel war übrigens auch im chinesischen Originaltitel des Videos inlateinischenBuchstaben geschrieben war und verweist auf ein sprachliches Relikt aus der britischen Kolonialzeit bei der Polizei von Hongkong. Dort spricht man nicht nur Vorgesetzte immer noch mit “Sir” an, obwohl man ansonsten auf Kantonesisch miteinander verkehrt.)

Bei den Demonstrationen in Hongkong scheinen Wirklichkeit und mediale Fiktion schon länger durcheinander zu geraten. Wer eine Suchmaschine mit Begriffen wie “Hong Kong Polizei Film Kino” füttert, der bekommt als Ergebnis ein wildes Durcheinander von Treffern, die teilweise vom Kino Hongkongs handeln, teilweise aber auch von den aktuellen Protesten in Hongkong, bei denen Videoaufnahmen eine besonders bedeutsame Rolle spielen. Kurze digitale Clips, die oft mit dem Smartphone aufgenommen wurden, sind bei den Protesten von noch größerer Bedeutung als während des arabischen Frühlings, der lange alsdieparadigmatische “Social MediaRevolte“ galt. Die Aufnahmen, die Passanten und Demonstranten auf den Straßen von Hongkong machen, werden über Twitter und Facebook global verbreitet und sind eine wichtige Informationsquelle über die Proteste in der internationalen Berichterstattung geworden.

Das Found-Footage-Propagandafilmchen von CCTV erinnert aber auch daran, dass Hongkong eine höchst aktive Filmindustrie hat, die auf hohem technischen Niveau Hochglanzbilder produzieren kann. Und für die gerade Polizeifilme ein außerordentlich wichtiges Genre sind. In dem Video von CCTV kann man unter anderem Stars wie Louis Koo, Aaron Kwok und Andy Lau als Polizisten sehen, die mit entschlossenem Gesichtsausdruck, das markante Kinn vorgereckt und die Fäuste geballt dem Verbrechen entgegentreten. Dabei sagen sie Sachen wie“Hong Kong ist kein Ort, an dem man machenkann, was man will.”(In dem Film “Cold War 2” richtet Aaron Kwok diese Worte zwar an zwei pflichtvergessene Polizisten, doch in Kontext des Clips soll man das natürlich auf die Protestierer in Hongkong beziehen.) Das Bild, das in diesen Filmen von der Polizei gezeichnet wird, kollidiert dabei derzeit auf hochinteressante Weise mit dem, was derzeit in den Medien über die Polizei von Hongkong zu lesen und zu sehen ist.

Zugespitzt könnte man sagen: Die Krimis aus Hongkong zeigen die Polizei, die die Demonstranten der chinesischen Sonderverwaltungszone gerne hätten. Die Smartphone-Aufnahmen von dem Demonstrationen zeigen hingegen die Polizei, die siedauerhaftbekommen werden, wenn China seine Einflussnahme in der Stadt weiterhin ausdehnt: eine Polizei, für die Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit zweitrangig sind, die – ausgestattet wie Weltraumkrieger – wehrlose Protestierende zusammenknüppelt und Studenten auf ihrem Campus wie Kriegsgegner bekämpft, die mit der chinesischenTriadenmafiaunter einer Decke zu stecken scheint und wegguckt, wenn deren Schläger Demonstranten verprügeln, die mit Motorrädern in Demonstrantenfährt und aus nächster Nähe mit Gummigeschossen auf Protestierende schießt, die in kritischen Situation ihre Identifikationsnummer verdeckt und statt Tränengas Insektenvernichtungsmittel verspritzt.

Aufnahmen wie die von einer Polizeiaktion in der U-Bahn-Station Prince Edward, bei der Polizisten in Kampfmontur Zivilisten wahllos mit Tränengas und Knüppel traktierte, oder von Gangstern, die in der U-Bahn-Station Yuen Long Fahrgäste verprügelten, ohne dass die Polizei eingriff, lassen die Frage aufkommen, auf welcher Seite die Polizei von Hongkong eigentlich steht. Wenn mit Sturmmaske vermummte Polizisten aus nächster Nähe demokratisch gewählte Politiker mit Pfefferspray besprühen, weil sie zwischen Protestierenden und Polizei vermitteln wollen, wie es Ted Hui von der Demokratischen Partei geschehen ist, mag das in Einzelfällen auch mit der Überlastung der Beamten zu tun haben, die seit einem Dreivierteljahr jede Woche 60 Stunden und mehr Dienst tun müssen.

Aber in der Summe haben solche „Einzelfälle“, die jeweils von einem Schwarm von Smartphone-Besitzern aufgezeichnet und in den sozialen Medien veröffentlicht werden, dem Ruf der Polizei Hongkongs empfindlich geschadet. Laut einer Umfrage der South China Morning Post aus dem Dezember 2019 ist bei fast 45 Prozent der Hongkonger das Vertrauen in die Polizei gesunken – und das gilt ausdrücklich auch für Menschen, die den Kurs von Stadtoberhaupt Carrie Lam politisch unterstützen. 30 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen mehr in die Polizei zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten fanden, dass die Polizei sehr hart oder zu gewalttätig vorgegangen sei; 52 Prozent waren für die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission zum Thema Polizeigewalt – ein Forderung, die zu den „Five Demands“ der Demonstranten gehört, deren Umsetzung Carrie Lam bisher ablehnt.2Jeffie Lam: Police reputation in tatters across the political divide according to online survey of Hong Kong voters, South China Morning Post, 21. 12. 2019„Solche Zahlen kennt man sonst nur aus Diktaturen“,kommentierte das Unternehmen, das die Online-Umfrage für die Zeitung durchgeführt hatte; und in einem Kommentar zu der Umfrage wurde laut darüber nachgedacht, ob man die Polizei der Stadt nicht auflösen und komplett neu aufbauen müsse.3Yonden Lhatoo: Fine then, let’s disband Hong Kong’s police force if that’s what the people want, South China Morning Post, 21. 12. 2019

Jeffie Lam: Police reputation in tatters across the political divide according to online survey of Hong Kong voters, South China Morning Post, 21. 12. 2019

Yonden Lhatoo: Fine then, let’s disband Hong Kong’s police force if that’s what the people want, South China Morning Post, 21. 12. 2019

Wie eng Stadtleben und Kino in Hongkong miteinander verzahnt sind, lässt sich auch daran ablesen, dass die Proteste und die Zusammenstöße von Demonstranten und Polizisten auch direkte Konsequenzen für die Filmindustrie der asiatischen Metropole hat: „Seit die Proteste in Hongkong das Image der Polizei zerstören meidet das Publikum Cop-Thriller“, berichtete die Website Today.4Cop thrillers shunned as Hong Kong protests fuel resentment towards police, Today, 5. Januar 2020Inderzweiten Hälfte des Jahres 2019 sei die Zahlder Kinobesucherim Vergleich zu den ersten sechs Monatenum 10 Prozentzurückgegangen, während der Weihnachtsfeiertage 2019 sei die Zahl der Kinobesucher sogar fast 30 Prozent niedriger gewesen als im Vorjahr berichtet das Blatt, und spekuliert, dass die Hongkonger die Shopping Malls meiden, in denen sich inzwischen fast alle Kinos der Stadt befinden, weil es dort regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten kommt.

Cop thrillers shunned as Hong Kong protests fuel resentment towards police, Today, 5. Januar 2020

Ein Grund für die gesunkenen Einnahmen sei aber auch das Fehlen von erfolgreichen Krimis über die Arbeit der Polizei, die in Hongkong bis vor kurzem zu den beliebtesten Genres gehörten: Die sechs Polizeifilme, die zwischen Februar und Anfang August 2019– als die aktuellen Proteste begannen –veröffentlicht wurdenerzielten noch Einnahmen in Höhe von HK $ 85 Millionen (knapp 10 Millionen Euro). Auch der erfolgreichste Hongkong-Film des Jahres 2019 war ein Policier: "Integrity" mit den Superstars Sean Lau Ching-wan und Nick Cheung Ka-fai, der zu Beginn des Jahres veröffentlicht wurde. Die sechs Polizeifilme, die seit August in die Kinos kamen, seien dagegen alle Flops gewesen; einige geplante Filme gehen darum gar nicht erst in die Produktion – offenbar weil die Filmproduzenten befürchteten, dass in der gegenwärtigen Situation niemand Filme über eine Polizei sehen möchte, die in wenigen Monaten „from Asia´s Finest to Hong Kong´s Most Hated“5Suzanne Sataline: From Asia’s Finest to Hong Kong’s Most Hated, The Atlantic, 1. September 2019geworden ist.

Suzanne Sataline: From Asia’s Finest to Hong Kong’s Most Hated, The Atlantic, 1. September 2019

Dabei hatten Regisseure wie Johnnie To Kei-fung oder Alan Mak in den letzten Jahrzehnten in ihren Filmen die Polizei immer wieder als effektive, engagierte, unkorrumpierbare und dem Allgemeinwohl verpflichtete Institution portraitiert. Seit immer deutlicher wird, dass China versucht, in Hongkong verstärkt ins politische und kulturelle Geschehen einzugreifen, kann man diese Filmeauch als einen Versuch auffassen, die Rechtsstaatlichkeit und das Potenzialdespolitischen ModellsHongkongszu betonen. Rückblickend kann man diese Filme so verstehen, dass in Hongkong trotz seiner eingeschränkten Demokratie auf die grundsätzlicheIntegrität seiner Institutionen Verlass ist, die Gesetzestreue seiner Polizei der Lackmustest einer fairen, regelbasierten öffentlichen Ordnung, die es in China nicht gibt.

So betrachtet sind zum Beispiel schon die drei international höchst erfolgreichenFilme aus der „Infernal Affairs“-Reihe (2002/2003) von Andrew Lau und Alan Mak, die auch die Vorlage für Martin Scorseses Film „The Departed“ (2006) lieferten, geradezu staatsbürgerliche Angelegenheiten.6Gina Marchetti: Andrew Lau and Alan Mak's Infernal Affairs - The Trilogy, Hongkong 2007Schon der englische Titel spielt auf buddhistische Hölle, aber auch auf die „Internal Affairs“-Abteilung der Hongkonger Polizei an, die mögliches Fehlverhalten von Polizisten untersuchen soll, um Amtsmissbrauch zu verhindern.

Gina Marchetti: Andrew Lau and Alan Mak's Infernal Affairs - The Trilogy, Hongkong 2007

In den drei Filmen geht es darum, wie die Polizei von Hongkong die chinesische Triaden-Mafia mit Informanten unterwandert und ausspioniert, während die Triaden dasselbe mit der Polizei tun. Die Hongkong-Superstars Andy Lau Tak-wah und Tony LeungChiu-wai spielen die beiden Maulwürfe, die ins jeweils andere Lager eingeschmuggelt werden. Die ehemaligen Schulfreunde werden schließlich aufeinander angesetzt, nachdem ihre jeweiligen Auftraggeber gleichzeitig darauf aufmerksam werden, dass sie unterwandert wurden. Am Beispiel der beiden Undercover-Spione werden – ähnlich wie in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) – die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Organisation hervorgehoben, die sich hier bekämpfen – aber auch die moralischen Widersprüche, in die sich die beiden Protagonisten in ihren jeweiligen Positionen verstricken. Ganz klar stehen diese Filme auf der Seite von Recht und Ordnung und damit auf der Seite der Polizei von Hongkong, während dievon Festland-Chinesen geführten Triaden als Vertreter der Rechtlosigkeit verstanden werden können, die in China herrscht.

Da die Filmindustrie von Hongkong inzwischen stark auf Koproduktionen mit Filmfirmen aus Festland-China angewiesen ist und sich darum mit den Einschränkungen arrangierenmuss, die für diese Firmen gelten, wäre es heute wohl unmöglich, einen Film mit solchen kritischen Untertönen zu drehen. Weiterhin entstandenin Hongkong jedoch Jahr für Jahr zahlreiche Filme, die die Arbeit der Polizei in den Mittelpunkt stellen. Ihre Zahl blieb in den letzten Jahren stabil. In dieser Zeit wurde immer deutlicher, dass China sich nicht an die Vereinbarung mit den ehemaligen britischen Kolonialherren zu halten gedenkt, dass bis 2046 das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ zu gelten habe.

Immerunübersehbarer wurde die Absicht, Peking-treue Leute in der Stadtregierung und dem Hongkonger Legislativrat zu installieren. Auch die Entführung einiger Buchhändlern aus Hongkong durch den chinesischen Geheimdienst demonstrierte die Absicht Pekings, sichimmer stärker in das politische Leben der Stadt einzumischen und Menschenrechtsaktivisten und politische Gegner einzuschüchtern. Die Hongkonger Bevölkerung setzte sich dagegen immer wieder zur Wehr: zunächst mit den friedlichen „Regenschirm-Protesten“ vorknapp sechs Jahren und nun bei den seitAugust 2019andauernden, wesentlich aggressiverenProtesten.

Bei diesen Demonstrationen zeigt die Polizei von Hongkong plötzlich ein Gesicht, das wenig zu tun hat mit dem Bild, das in den Kriminalfilmen der letzten Jahre von ihr gezeichnet wurde.

Eine Besonderheit des Kinos von Hongkong sinddie große Zahl von Filmen über die Independent Commission Against Corruption (ICAC), einer Behörde zur Untersuchung von Polizeikorruption, die es so nur in Hongkong gibt. 2014 hat der Regisseur David Lam hier eine regelrechte Marktlücke entdeckt. In seinen erfolgreichen „Storm“-Filmen geht es ausschließlich um die Arbeit der ICAC: „Z Storm“ (2014), „S Storm“ (2016), „L Storm“ (2016) und„P Storm“ (2018) (eine fünfte Folge ist derzeit in der Produktion) handeln in immer neuen Variationen von der Rolle der ICAC bei der Aufrechterhaltung von Rechtsstaatlichkeit und öffentlicher Ordnung.7„Z Storm“ und „S Storm“ sind derzeit bei Netflix zufinden.

Auch Alan Mak, der Schöpfer der „Infernal Affairs“-Filme, hat die Arbeit der ICAC in seinem Kassenschlager „Integrity“ (2019), für den zwei Fortsetzungen geplant sind, in den Mittelpunkt gerückt. Der relative Erfolg dieser Filme an den Kinokassenmag nicht nur damit zu tun haben, dass sie die für Polizeifilme aus Hongkong typische Mischung aus spannender Unterhaltung und rasanter Actionchoreographie bieten, sondern auch, dass diese Filme möglicherweise ein Bild von einer öffentlichen Institution zeigt, dass dem Publikum gefällt.

„Z Storm“ und „S Storm“ sind derzeit bei Netflix zufinden.

Dabei war das Kino von Hongkong in der Vergangenheit nicht dafür bekannt, politische Botschaften zu verbreiten. Es ist vielmehr durch und durch kommerziell, und wenn es die sozialen oder politischen Zustände inHongkongthematisiert, dann tut esdas meistim Gewand von Genres wie dem Melodrama, dem Thriller, dem Horrorfilm oder der RomCom. In der Regel muss man zwischen den Zeilen lesen können, um zeitkritischen Kommentar oder Kritik zu finden. Arthouse- und Independent-Regisseure wie Wong-Kar Wai, Ann Hui oder Fruit Chan waren in Hongkong immer nur die Ausnahmen, die die Regel des strikt gewinnorientierten Filmemachens bestätigten. Oft waren sie im Ausland erfolgreicher als zuhause oder mussten Auftragsarbeiten annehmen, um sich über Wasser zu halten.

Auch wenn die Filmindustrie Hongkongs in den letzten Jahren Marktanteile an Hollywood-Produktionen verloren hat, ist sie für die Bürger Hongkongs ihre Filmindustrie nicht nur eine Quelle des Stolzes auf ihre Stadt, sondern immer noch ein identifikationsstiftender, gemeinsamerBezugspunkt. Nach wie vor sind bei Festtagen wie dem chinesischen Neujahrsfest lokale Produktionen verlässliche Publikumsmagneten. Und dann bietet das Hongkong-Kino seinem lokalen Publikum nach wie vor das – wie es der Hongkonger Filmkritiker Perry Lam nennt – „einzigartige und unvergleichliche Vergnügen“, sich auf der Leinwand wiederzuerkennen.8Perry Lam: Once a hero. The Vanishing Hong Kong Cinema, Hongkong 2011, S. 15Die identitätsstiftende Wirkung des Hongkong-Kinos ist von Filmwissenschaftlern wie von Stadthistorikern und -soziologen immer wieder hervorgehoben worden.9Vgl. Petra Rehlinger: Schöner Schmerz: Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und1997-Syndrom, Mainz 2002; Changes in Hong Kong Societey Through Cinema, Katalog der Retrospektive des 12. Hong Kong International Film Festivals, Hongkong 1988Und daher ist es durchaus möglich, Unterhaltungsfilme aus Hongkong politisch zu lesen, auch wennihren Machern sozialer und politischer Kommentar möglicherweise fern liegt.10Stephen Teo: Politics and Social Issues in Hongkong Cinema, in: Changes in Hongkong Cinema Through Cinema,in: Changes in Hong Kong Society Through Cinema, Katalog des 12. International Hong Kong Film Festival, Hong Kong 1985

Perry Lam: Once a hero. The Vanishing Hong Kong Cinema, Hongkong 2011, S. 15

Vgl. Petra Rehlinger: Schöner Schmerz: Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und1997-Syndrom, Mainz 2002; Changes in Hong Kong Societey Through Cinema, Katalog der Retrospektive des 12. Hong Kong International Film Festivals, Hongkong 1988

Stephen Teo: Politics and Social Issues in Hongkong Cinema, in: Changes in Hongkong Cinema Through Cinema,in: Changes in Hong Kong Society Through Cinema, Katalog des 12. International Hong Kong Film Festival, Hong Kong 1985

Womit wir wieder bei der Independent Commission Against Corruption (ICAC) sind, mit der sich in den letzten Jahren so viele Krimis beschäftigt haben. Die Behörde ist ein direktes Resultat der Kolonialgeschichte von Hongkong und in den letzten Jahren ein so wichtiges Element eines neu entstandenen Hongkonger Selbstverständnisses geworden, dass sie sich offenbar als Filmthema empfahl. Bis Anfang der 70er Jahre galten die Ordnungshüter von Hongkong als die korrupteste Polizei in ganz Asien. In der damaligen britischen Kronkolonie wurde die Polizei in regelmäßigen Abständen von Bestechungsskandalen heimgesucht. Die Korruption reichte von einfachen Streifenbeamten, die nur tätig wurden, wenn sie dafür „tea money“ erhielten, bis in die höchste Führungsebene. Die Polizei war dabei nur Teil einer weit verbreiteten Kultur der Bestechlichkeit: Auch die Feuerwehr rückte nur gegen Bezahlung aus („You pay, we spray“, heißt es in dem Filmklassiker „House of 72 Tenants“ von 1973), und wer im Krankenhaus ordentlich versorgt werden wollte, musste sich das ebenfalls mit Sonderzahlungen an das Personal erkaufen.

Nach schweren Ausschreitungen 1967, die sich gegen die sozialen Missstände in Hongkong wendeten, begann die britische Kolonialregierung damit, die Verwaltung der Stadt zu modernisieren.

Anfang der 1970er JahrestartetederPolizeichef Charles Sutcliffe eine Anti-Korruptionskampagne, die dazu führte, dass etwa vierzig Beamte mit illegalen Einnahmen in Millionenhöhe ins Ausland flohen. DochSutcliffe ließ nicht nur schuldige Beamte bestrafen, sondern sorgte auch für bessere Bezahlungen und Arbeitsbedingungen für seine Polizisten. Und er leitete 1974 die Gründung der Independent Commission Against Corruption (ICAC) ein, einer unabhängigen Institution, die Korruption und anderes Fehlverhalten von Polizisten untersuchen und bestrafen sollte. Die ICAC ist nicht in die Polizeiorganisation eingebunden, sondern untersteht direkt dem Regierungschef von Hong Kong. Sie musste sich in ihrer Anfangszeit gegen starke Gegenwehr aus den Reihen der Polizei durchsetzen, die bis hin zu Schlägereien zwischen Polizisten und ICAC-Angehörigen gingen.

Sobegann die Verwandlung von Hongkong von einer asiatischen Metropole der Bestechung zu einem der am wenigsten korrupten Orten der Welt, was ab den 1980er Jahren auch zunehmend von internationalen Institutionen wie der Weltbank oder Transparency International zur Kenntnis genommen und anerkannt wurde. Unter dem Wahlspruch „We serve with pride and care“ entwickelte sich die Polizei von Hongkong zu einer Bürgerpolizei, die sich den Menschenrechten und dem „due process“ verpflichtet sah. Die ICAC hat bei diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt und genießtunter vielen Bürgern von Hongkong darum eine Hochachtung, die eigentlich im Widerspruch zu ihrem Status als bürokratische Kontrollinstitution steht.

Die Arbeit der höchst diskret auftretenden Institution hat etwas Geheimnisvolles, was dazu beiträgt, dassFilme, die einen Blick in ihr Innenleben versprechen, ihre Faszination haben. Wenn diese Institution nun wieder und wieder Gegenstand von Filmplots ist, verweist das aberauch darauf, dass deren Publikum ein Interesse an einem demokratischen Rechtsstaat in Hongkong haben, für das die ICAC in stellvertretend steht. „The rule of law is Hong Kongs most precious core value. If anything goes wrong with any law enforcement agency, Hong Kong is finished“, erklärt Ermittler William Luk (Louis Koo) gleich zu Beginn von „Z Storm“ bei der Verhaftung eines korrupten Polizisten, als müsste er eine Lektion in Staatsbürgerkunde erteilen. Oder als wolle da jemand eine Botschaft an den Teil Chinas senden, der kein Rechtsstaat ist und wo Bestechlichkeit und Machtmissbrauch auch die große Anti-Korruptionskampagne von Staatspräsident Xi Jinping überstanden haben.

„Where there´s corruption, there´s ICAC. If there are political considerations in our investigations, ICAC will only be a political tool“, verkündet Luk an anderer Stelle. Wieder und wieder wird die Bedeutung der Unabhängigkeit der ICAC in den Mittelpunkt gestellt, ebenso wie die Rivalität zwischen der Organisation und der Polizei, die immer wieder zu direkten Konfrontationen führen wie bei „Z Storm“, woPolizeibeamte und ICAC-Mitarbeiter an einer Stelle physisch aufeinander losgehen.

Die Flut von Polizeifilmen in den letzten Jahren wurde von dem außerordentlich erfolgreiche „Cold War“ (2012) von Longman Leung und Sunny Luk ausgelöst, der bereits die Bedeutung der Polizei für die Sicherung der öffentlichen Ordnung im Mittelpunkt stellt. Auch in diesem Film werden immer wieder staatstragende Reden gehalten. Der Innensenator preist in einer Szene Hongkong als liberale Stadt und als Finanzzentrum, für das bürgerliche Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit unerlässlich sind – welche außerdem „eine große Errungenschaft“ seien. Sein Versprechen, dass Hongkong die „sicherste Großstadt Asiens“ sei, wird allerdings in Frage gestellt, als ein Mannschaftswagen der Polizei samt seiner Besatzung entführt wird.

Der Fall ist nicht nur deswegen dramatisch, weil dadurch dem Steuerzahler ein immenser Schaden entstanden ist, wie bei einer Krisenkonferenz der Polizei vorgerechnet wird, sondern auch, weil der mit den neuesten technischen Errungenschaften ausgestattete Transporter eigentlich ein sicheres Ortungssystem haben sollte. Dass er trotzdem verschwinden konnte, stellt die Befähigung der Polizei in Frage, in der Stadt für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Dassdie scheinbare Omnipotenz der Hongkonger Polizei gebrochen wurde, wird durch die Entführer hämisch zelebriert: Als die Polizisten zu einem vermeintlichen Versteck der Entführten gelockt werden, finden sie dort nur einen alten Fernseher. Der zeigt ein Video, in dem der frühere Polizeichef die Sicherheit der Stadt Hongkong preist.

Passend zu einem Bild von Hongkong, in dem die Polizei die ganze Stadt im Blick hat, spielen Überwachungstechnologie und andere Formen von High-Tech im ganzen Film eine große Rolle. Die geschäftigen Straßenszenen, die Märkte und Tempel, die in vielen Hongkong-Filmen die Stadt charakterisieren, fehlen hier fast vollständig. Stattdessen spielt der Filmvorwiegendin sterilen Hochhausbüros und Tiefgaragen, auf blitzsauberen Innenstadtautobahnen und vor der Kulisse von in den letzten Jahren neu erbauten Wolkenkratzern. Die Szenen werden oft im Halbdunkel mit metallisch grauen und blauen Farbschemata gezeigt; die Polizisten sitzen in großzügigen, eleganten Büros und tragen maßgeschneiderte Anzüge und modische Frisuren, die mit viel Brillantine in Form gehalten werden. Dieser visuelle Stil prägtdie Polizeifilme, die auf „Cold War“ folgen sollte. Immer operiert die Polizei in einer Welt aus Glas, Stahl und Beton, die wimmeligen Nachtmärkte, Hafenanlagen, Restaurants und Bürgersteige, die in früheren Hongkong-Filmen Urbanität signalisierten, sind durch stylische Neubauten ersetzt worden

Schon in „Cold War“ spielt auch die ICAC eine entscheidende Rolle. Einer der entführten Polizisten ist der Sohn des stellvertretenden Polizeipräsidenten (Tony Leung Ka-Fai), der aus Sorge um sein Kind seine beruflichen Befugnisse überschreitet. (Der Chef derICAC wird übrigens von einem wirklichen ehemaligenICAC-Beamten gespielt, der 1994 wegeneines Interessenkonflikts gefeuert wurde: Alex Tsui Ka-kit verlor seine Stelle als Einsatzleiter derICAC, weil er die Behörde nicht darüber informierte, dass sie gegen einen Mann ermittelte, mit dem er im Vorstand der Hong Kong Boxing Association saß.) Die ICAC sorgt dafür, dass persönliche Betroffenheit nicht die Ermittlungen beeinträchtigen, denn nicht Familienbande, sondern „die Sicherheit der Bürger steht über allem“, wie der stellvertretende Polizeipräsident an einer Stelle belehrt wird.

Die „Storm“-Filme sind dem visuellen Stil wie auch der Botschaft von „Cold War“ verpflichtet. Wieder ermitteln ICAC-Beamte, die wie Dressmen aussehen, in neonerleuchteten High-Tech-Offices in Bürotürmen hoch über der Stadt. Immer wieder wird die Fassade des echten ICAC-Hochhauses in der Innenstadt von Hongkong in ehrfurchtauslösender Froschperspektive gezeigt. Wie „Cold War“ sind auch diese Filme voll mit Bezügen auf aktuelle Ereignisse in der Stadt; einige Subplots über Immobilienspekulation und Neubauprojekte gehen direkt aufaktuellePresseberichte zurück. Dass in dem Film der Hongkonger Wohltätigkeitsfond Community Care Fund sein Vermögen durch Aktienspekulationen vermehren soll, verweist auch auf die Rolle, die Hongkong für den globalisierten Finanzmarkt spieltwie auch auf die geringe Rolle, die die Regierung bei der sozialen Absicherung ihrer Bürger spielt.

Immer wieder wird betont, dass Hongkong die unabhängige Aufsicht über seine Polizei ernst nimmt und sich diese auch etwas kosten lässt. ICAC-Ermittler William Luk (Louis Koo) verhandelt direkt mit höchsten politischen Kreisen. Die erste Hälfte des Films erscheint streckenweise fast wie eine Einführung in die Arbeit der ICAC: Wir erfahren, dass die Beamten sich regelmäßigen Überprüfungen ihrer Integrität, finanziellen Verhältnissen und anderen persönlichen Lebensumständen unterziehen müssen, denn „we are a law enforcement agency with power. And power is corruptive“, wieICAC-Ermittler Luk sagt.

Als Polizei und ICAC bei einer Korruptionsermittlung doch zusammenarbeiten müssen, versucht Luk diese Kooperation immer wieder zu verhindern, weil sie seinem Verständnis von Unabhängigkeit widerspricht. Erst nach einer Reihe vonerfolglosenVersuchen, den ihm zugeordneten Polizeikommissar kalt zu stellen, bezieht er ihn widerwillig in den Fall ein. Der staunt dann zum Beispielüber die technische Ausstattung des Transporters,ausdem die ICAC-Beamten einen Verdächtigen überwachen: „Ich habe ja schon gehört, dass die ICAC gut ausgestattet ist. Aber das übertrifft meine Erwartungen.“ Als amEnde die Zerstörung des Community Care Funds durch Finanzspekulation verhindert werden konnte, sparen sich die ICAC-Beamten jedes Eigenlob, stattdessen heißt es: „The people did win“, gefolgt von der Warnung: „There´s no end to corruption.“ Ein Glück für Regisseur David Lam und seine Produzenten, denn so konnten sie bisher drei, zunehmendschlechterwerdende Fortsetzungen des Films drehen.

Die „Storm“-Filme sind wahrlich kein großes Kino und scheinen vor allen Dingen für den lokalen Markt gemacht worden zusein.

Auch in Hongkong konnte die Kritik an den Filmen wenig Gutes finden. Die South China Morning Post fand den Film „überflüssig“, und der Rezensent der Website LoveHKfilm.com kritisierteichgar als „Regierungspropaganda“.

Aber dann ist da der Publikumserfolg dieser Filme, in denenimmer wiederin pathetischem Ton erklärt wird, dass „die ICAC immer da sein wird, wo es Korruption gibt“ oder dass „Hongkong untergehen wird, wenn es seine Grundwerte aufgibt“. Das mag Propaganda für ein politisches System sein, aber es sind profitorientierteFilmstudios, die diese Propaganda verbreiten, weil sie sich damit Erfolg beim Publikum versprechen. Es ist keine Regierungspropaganda wie der erwähnte Internetclip des chinesischen Staatsfernsehens. Der übrigens ironischerweise auch einen kurzen Ausschnitt aus „Z Storm“ enthält.