Von Tilman Baumgärtel
Auf den verwackelten Handyvideos, die im September 2019 in meiner Twitter-Timeline auftauchen, sieht man einen schwarzen Lamborghini, der sich langsam bei einer nächtliche Demonstration in Hongkong durch die Menschenmenge schiebt. Die Demonstranten ziehen mit gelben Warnwesten und Transparenten durch die Straßen. Im Hintergrund ist ein chinesischer Drachen zu sehen, der hell erleuchtet durch die Menge getragen wird. Jemand schwenkt die rot-weiße Fahne mit der Bauhinia, die das Symbol Hongkong ist.
Bei einer Demonstration an anderen Orten der Welt würde ein sündhaft teurer Sportwagen möglicherweise nicht sehr weit kommen, bevor er angehalten oder sogar beschädigt würde. Doch in Hongkong machen die Demonstranten Platz, winken und machen Selfies mit dem Gefährt. Denn sie haben den Fahrer erkannt: Es ist der beliebte Sänger und Schauspieler Aaron Kwok Fu-shing – angeblich unterwegs, um Windeln für sein Kind zu kaufen, wie die Lokalpresse später berichten wird. Candice Cai: Aaron Kwok drives Lamborghini to buy diapers, gets stuck in traffic due to street rally, Asia One, 12. September 2019
Candice Cai: Aaron Kwok drives Lamborghini to buy diapers, gets stuck in traffic due to street rally, Asia One, 12. September 2019
Ein Filmstar hat in Hongkong eben immer noch einen Bonus, selbst wenn er mit seiner Angeberkarre eine Demonstration stört. Denn Hongkong ist neben Bombay die wichtigsten Filmstadt Asiens. Auch wenn die Zahl der Produktionen in den letzten Jahren zurückgegangen ist und amerikanische Blockbuster und chinesische Einflussnahme den Produzenten der Stadt zu schaffen machen, bleibt Hongkong eine Stadt des Kinos, in der die 55 Filmtheater mit mehreren Sälen immer gut besucht sind und lokale Produktionen immer noch einen besonderen Platz im Herzen des Publikums haben. Auch wenn für manchen Filmkritiker das Kino Hongkongs inzwischen „tot“ ist, wie etwa für Perry Lam, der seinen Abgesang gleich in Buchform veröffentlichte – nach wie vor hat die Stadt eine Filmszene, um die sie viele Länder dieser Welt nur beneiden können. Perry Lam: Once a hero. The Vanishing Hong Kong Cinema, Hongkong 2011
Perry Lam: Once a hero. The Vanishing Hong Kong Cinema, Hongkong 2011
2018 wurden in Hongkong mit seinen 7,6 Millionen Einwohnern 53 Filme produziert. Zum Vergleich: In Deutschland kamen im selben Jahr 78 einheimische Filme ins Kino, in Singapur waren es nur 12.
Fast 17.000 Menschen arbeiten in knapp 3000 Filmfirmen, deren Produktionen einen nicht unwesentlichen Teil zum Bruttosozialprodukt der Stadt beitragen. Und dann hat Hongkong natürlich eine lange Filmgeschichte, die immer wieder internationale Stars wie Bruce Lee und Maggie Cheung, Jackie Chan und Michelle Yeoh, Chow Yun-Fat und Jet Li hervorgebracht hat. Regisseure wie Wong Kar-Wei, Johnny To oder John Woo sind weltbekannt, und Filme wie „Enter the Dragon“ oder „In the Mood for Love“ waren internationale Erfolge. Und für die Bürger Hongkongs ist ihre Filmindustrie nicht nur eine Quelle des Stolzes auf ihre Stadt, sondern immer noch auch ein identifikationsstiftender, gemeinsamer Bezugspunkt.
Zum Vergleich: In Deutschland kamen im selben Jahr 78 einheimische Filme ins Kino, in Singapur waren es nur 12.
Derartige Identifikationsprozesse durch Medienprodukte hat der amerikanische Soziologe Benedict Anderson in seinem einflussreichen Buch “Imaginary Communities” von 1983 beschrieben. Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 1998.
Für Anderson hat der Buchdruck die Einwohner von Ländern zu “imaginären Gemeinschaften“ zusammengeschweißt und dadurch zur Etablierung von Nationalstaaten beigetragen. Auch wenn man nie mehr als einen winzigen Bruchteil der Einwohner seines Landes persönlich kennenlernen kann, vermitteln uns Literatur – und in der Folge auch andere Massenmedien – ein Bild davon, wer und wie “wir” als Bewohner eines bestimmten Landes sind.
Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 1998.
Die Filmtheorie hat Andersons These gerne aufgegriffen und plausibel dargestellt, welche Rolle das Kino bei der Etablierung von einem Wir-Gefühl in verschiedenen Nationalstaaten spielen kann. Vgl. Alan Williams (Hrsg.): Film and nationalism. New Brunswick 2002.
Genres wie der amerikanische Western oder der deutsche Heimatfilm mögen wenig mit der historischen Wirklichkeit oder der aktuellen Lebensrealität zu tun haben. Sie müssen es auch gar nicht, solange es ihnen gelingt, an einem Konsens mitzuwirken, wie sich die nationale Identität ihrer jeweiligen Produktionsländern darstellt. Eine an Anderson geschulte Analyse des frühen Westerns findet sich zum Beispiel bei Richard Able: The „Imagined Community of the Western“, in: Charlie Keil/Shelley Stamp (Hsg.): American Cinema’s Transitional Era: Audiences, Institutions, Practices, Berkley/Los Angeles/London 2014, S.
Vgl. Alan Williams (Hrsg.): Film and nationalism. New Brunswick 2002.
Eine an Anderson geschulte Analyse des frühen Westerns findet sich zum Beispiel bei Richard Able: The „Imagined Community of the Western“, in: Charlie Keil/Shelley Stamp (Hsg.): American Cinema’s Transitional Era: Audiences, Institutions, Practices, Berkley/Los Angeles/London 2014, S.
Was bedeutet das für das Kino Hongkongs? Die ehemalige britischen Kronkolonie und derzeitige chinesische „Sonderverwaltungszone“ war zwar nie ein National-, nicht einmal ein Stadtstadt. Trotzdem hat sich spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine einzigartige Stadtkultur entwickelt, an deren Entstehung und Definition das Kino aktiv mitgewirkt hat. Das Kino Hongkongs ist im Grunde ein Nationalkino ohne Nation.
Und gleichzeitig ist das Kino Hongkongs ein Erbe des chinesischen Nationalkinos der Vorkriegszeit. Das Hongkong-Kino griff nach dem Zweiten Weltkrieg Filmtraditionen auf, die sich in den 20er und 30er Jahren in den Filmstudios von Shanghai entwickelt hatten. Viele der Regisseure, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Hongkong Filme drehten, hatten ihre Karriere in Shanghai begonnen. Vgl. Yiman Wang: Remaking Chinese Cinema: Through the Prism of Shanghai, Hong Kong, and Hollywood, Hongkong 2013Während im kommunistischen China ab den 50er Jahren rumpelnde Propagandastreifen gedreht wurde, entwickelte sich in Hongkong eine extrem dynamische, extrem gewinnorientierte Filmindustrie mit Studios, die den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen brauchte. Vgl. Stephen Teo: Kong Kong Cinema: The Extra Dimensions, London 1997
Vgl. Yiman Wang: Remaking Chinese Cinema: Through the Prism of Shanghai, Hong Kong, and Hollywood, Hongkong 2013
Vgl. Stephen Teo: Kong Kong Cinema: The Extra Dimensions, London 1997
Filmfirmen wie Shaw Brothers, Kong Ngee oder Cathay pumpten vom eigenen Studiogeländen mit festangestelltem Stab von Technikern, Regisseuren und Schauspielern monatlich mehrere Filme in die Kinos der Stadt, wo sie von einem fanatischen Publikum zum Teil lautstark in den Vorstellungen bejubelt wurden. Vgl. Jing Jing Chang: Screening Communities: Negotiating Narratives of Empire, Nation, and the Cold War in Hong Kong Cinema (Crossings: Asian Cinema and Media Culture), Hongkong 2019Ausländische Produktionen, auch die aus Hollywood, hatten jahrzehntelang keine Chance in Hongkong. Aber dafür verkauften die Hongkong-Filmfirmen ihre Produktionen erfolgreich in die umliegenden Länder Südostasiens. Ab den 70er Jahren modernisierte eine „Neue Welle“ von professionell ausgebildeten Regisseuren das Kino Hongkongs. Vgl. Ralph Umard: Film ohne Grenzen: Das neue Hongkong Kino, Lappersdorf 1996
Vgl. Jing Jing Chang: Screening Communities: Negotiating Narratives of Empire, Nation, and the Cold War in Hong Kong Cinema (Crossings: Asian Cinema and Media Culture), Hongkong 2019
Vgl. Ralph Umard: Film ohne Grenzen: Das neue Hongkong Kino, Lappersdorf 1996
Seit dem Sommer des vergangenen Jahres wird auf den Straßen von Hongkong sehr handgreiflich ausgehandelt, was für eine Stadt Hongkong sein soll und wer die Hegemonie über die asiatische Metropole hat. Die Bürger der Stadt, die sich offenbar mehrheitlich eine demokratisch gewählte Regierung und persönliche Freiheit wünschen. Oder die chinesische Regierung, von der man fürchtet, dass sie in Hongkong den Rechtsstaat aushöhlen, individuelle Freiheit einschränken und die Macht parteitreuen Oligarchen überlassen will, schon lange bevor 2046 Hongkong in China aufgehen und die Praxis von „Ein Land, zwei Systeme“ beendet werden kann, die 1997 mit den britischen Kolonialherren vereinbart worden.
Wer Hongkong, seine einzigartige Geschichte und die gegenwärtige politische Situation besser verstehen will, kann das mit Hilfe der Filme tun, die in der Stadt produziert worden sind. Jenseits der international bekannten Kung-Fu- und Gangsterfilme sind in Hongkong auch Melodramen und Komödien, Horrorfilme und Musicals entstanden, die ganz dem spezifischen Charakter und der Geschichte der Stadt verpflichtet sind. Im Folgenden sollen in loser chronologischer Reihenfolge zehn Filme vorgestellt werden, mit deren Hilfe man besser verstehen kann, wie Hongkong zu dem geworden ist, was es ist, und um was in seinen Straßen und Shopping Malls gerade gekämpft wird.
Lange wurden die Filme aus der asiatischen Metropole als lachhafte „Chopsocky“-Low-Budget-Produktionen abgetan, in denen sich Kung-Fu-Kämpfer abendfüllend die Schädel einschlugen und die billiges Füllmaterial für Bahnhofskinos und das Nachtprogramm von Kabelsendern boten. Aber seit Regisseure wie Quentin Tarantino oder die Geschwister Wachowski in Filmen wie „Kill Bill“ oder „Matrix“ den Kampfszenen aus Hongkong-Filmen Tribut zollten und dafür sogar den Hongkong-Altmeister Yuen Woo-ping anstellten, begann sich das Bild zu wandeln. Seine phantastischen, die Gesetze der Schwerkraft leugnenden Gewaltchoreographien haben das internationale Actionkino seit den 90er Jahren bis in die Gegenwart geprägt.
Zur selben Zeit haben die Genrefilme aus Hongkong auch in der Filmwissenschaft eine Neubewertung erfahren. Spätestens seit der amerikanische Filmtheoretiker David Bordwell in seinem Buch „Planet Hong Kong“ (2000) in den Filmen von Regisseuren wie King Hu oder Chang Che Autorenhandschriften, ja, sogar filmsprachliche Innovationen entdeckte, ist das Hongkong-Kino auch filmtheoretisch rehabilitiert. David Bordwell: Planet Hong Kong. Popular Cinema and the Art of Entertainment, Cambridge 2000
David Bordwell: Planet Hong Kong. Popular Cinema and the Art of Entertainment, Cambridge 2000
Wer bei den beliebten Martial-Arts-Filmen und Thrillern genauer hinsieht, wird ein faszinierendes Gemisch aus den verschiedensten, internationalen Einflüssen entdecken, die von den Filmschaffenden der Stadt zu verwirrenden Hybriden zusammengefügt wurde. Das Kino von Hongkong, das in einer der internationalsten Metropolen der Welt entstand, war globalisiert, lange bevor von kultureller Globalisierung die Rede war. Doch gleichzeitig war es immer auch ein lokales Kino im besten Sinne, welches die Geschichte(n) der Stadt erzählt. Vgl. Petra Rehlinger: Schöner Schmerz: Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und 1997-Syndrom, Mainz 2002Und die Geschichten, die es erzählt hat, haben das Selbstverständnis und das Bild ihrer Stadt durch ihre Bewohner geprägt und einen wichtigen Teil zur Entstehung einer „imagined community“ der Hongkonger im Sinne von Benedict Anderson beigetragen. Es hat Lieder in Umlauf gebracht, die bis heute gesungen werden, Sozialtypen und Redensarten popularisiert, die von vielen Hongkongern als ihr Ureigenstes aufgefasst werden, Identifikationsfiguren geschaffen, auf die man sich als Bürger der Stadt beziehen konnte. Vgl. z. B. Changes in Hong Kong Societey Through Cinema, Katalog der Retrospektive des 12. Hong Kong International Film Festivals, Hongkong 1988
Vgl. Petra Rehlinger: Schöner Schmerz: Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und 1997-Syndrom, Mainz 2002
Vgl. z. B. Changes in Hong Kong Societey Through Cinema, Katalog der Retrospektive des 12. Hong Kong International Film Festivals, Hongkong 1988
Sonderlich politisch war das Kino von Hongkong freilich nie. Es ist in erster Linie ein Unterhaltungskino, das aktuelle Themen nur dann aufgreift, wenn sich daraus Geschichten mit Appeal für sein Publikum machen lassen. Selbst Regisseure mit filmkünstlerischen Ambitionen wie Wong Kar-Wei oder Fruit Chan mussten zuletzt Kompromisse eingehen und sich mit den zunehmend aus Festlandchina stammenden Geldgebern arrangieren, um überhaupt weiter Filme drehen zu können. Auch ein eigenes Independent-Kino hat es wegen der starken Vormacht der kommerziellen Filmproduktion nur sporadisch gegeben.
Zuletzt haben sich Filmstars wie Tony Leung Ka-fai und Daniel Chan gegen die Gewalt und den Vandalismus der Demonstranten ausgesprochen. Anderseits hat Schauspielerin Denise Ho die Regenschirm-Demonstranten mit einer Rede vor den Vereinten Nationen unterstützt. Als die chinesische Schauspielerin Liu Yifei in den sozialen Medien ihre Unterstützung für die Polizei von Hongkong zum Ausdruck brachte, wurde umgehend zum Boykott der Disney-Neuverfilmung von „Mulan“ aufgerufen, in der sie die Hauptrolle spielt.
Das Kino kann sich also aus der politischen Auseinandersetzung, die gegenwärtig in Hongkong stattfindet, auch nicht heraushalten. Oft ist der politische oder gesellschaftliche Kommentar in den Filmen aus Hongkong allerdings im Subtext versteckt oder muss zwischen den Zeilen herausgelesen werden – eigentlich gar nicht so viel anders wie bei den Filmen aus Festlandchina, die durch die Zensur kommen. Die folgende Liste mit Filmempfehlungen soll beim Verständnis dessen, was in den Filmen nur angedeutet werden kann, behilflich sein.
Dass einige der genannten Filme in Deutschland nur schwer erhältlich sind, zeigt auch, dass die Globalisierung der Filmwelt noch nicht so weit fortgeschritten ist, wie man denken mag – und dass Video-on-Demand-Unternehmen wie Netflix und Amazon Prime diese nur unwesentlich voran gebracht haben. Viele der Filme, um die es im Folgenden geht, gibt es nach wie vor nur auf DVD, die man zum Teil nur bei internationalen Versandunternehmen wie YesAsia.com erhält, die auf asiatische Filme spezialisiert sind.
1. Stanely Kwan: Rouge (1988) (DVD: Mega Star Video Distribution)
Ein Film mit dem Titel „Rouge“ von 1925 gilt als der erste abendfüllende Spielfilm, der von einer Filmfirma aus Hongkong produziert wurde. Er wird in der Literatur oft als der Beginn des Hongkong-Kinos genannt. Der Film von Lai Buk-hoi ist – wie viele Filme aus der Frühzeit des chinesischen Kinos – verschollen. In das Vakuum, das die Abwesenheit des möglichen Gründungsfilms des Hongkong-Kinos hinterlässt, stößt Stanley Kwan mit seinem Film, der heute zu den Klassikern des Autorenfilms der Stadt zählt. Dass die beiden Hauptdarsteller, die Superstars Anita Mui und Leslie Cheung, wenige Jahre nach seiner Premiere zu früh aus dem Leben schieden, hat zu seinem legendären Status beigetragen. (Mui starb an Krebs, Cheung beging Selbstmord.)
Fleur (Anita Mui), eine Kurtisane, und Twelfeth Master Chan Chen-pang (Leslie Cheung), ein reicher Playboy, lernen sich in den dekadenten 30er Jahren in den Opiumhöhlen Hongkongs kennen und lieben. Weil seine Familie die Liaison ablehnt, will das Liebespaar gemeinsam Selbstmord begehen, indem sie eine Überdosis Opium schlucken, um sich im Jenseits wieder zu treffen. Fleur stirbt, aber Chan Cheng bekommt es mit der Angst zu tun. 50 Jahre später kehrt Fleur aus dem Leben nach dem Tod zurück, um nach ihrem verschollenen Liebhaber zu suchen. Zwei Journalisten werden auf sie aufmerksam, und finden den Twelfth Master schließlich als heruntergekommenen und versoffenen Statisten auf dem Set eines Kung-Fu-Films.
Wenn die Kurtisane Fleur auf der Suche nach ihren treulosen Geliebten mit seidenen Pantoffeln und traditionellem Cheongsam-Kleid durch die Wolkenkratzerschluchten der 80er Jahre irrt, aktiviert sie halb verschüttete Erinnerungen an ein untergegangenes, orientalistisches Hongkong, in dem „Männer viel Geld dafür bezahlten, nur um einmal einen Hals berühren zu dürfen“, wie sie ihren unfreiwilligen Gastgebern erzählt. Da wirkt das bourgeoise Leben unserer Protagonisten im kapitalistischen Hongkong der Gegenwart plötzlich prosaisch und leer. Bis heute leidet Hongkong unter Phantomschmerzen, die ausgelöst werden durch das Verschwinden seiner Geschichte, zu dem auch der Totalumbaus seiner Innenstadt und der Abriss vieler ikonischen Gebäude vom kolonialen General Post Office über den Innenstadtflughafen Kai Tak bis zum Edinburgh Place Ferry Pier mit seiner berühmten Turmuhr. Was der Entwicklung von Hongkong im Wege steht, wird gnadenlos und ohne Rücksicht auf seine Historie weggeräumt. Als Wong Kar-Wie für seine in den 50er Jahren spielenden Filme „In the Mood for Love“ (2000) und „2046“ (2004) nach authentischen, historischen Schauplätzen suchte, musste er unter anderem nach Macau, Thailand und Shanghai ausweichen.
2. King Hu: Das Schwert der gelben Tigerin (1966) (Auf DVD bei Lighthouse, als Stream bei Amazon, Maxdome u. a.)
Der einzige historische Kung-Fu-Film in dieser Liste ist im Grunde ein chinesischer Western: Zur Zeit der Ming-Dynastie treffen in einem Teehaus in der Mitte von Nirgendwo Gangster, Soldaten und Spione aufeinander, die um den entführten Sohn eines Generals kämpfen. Solche Filme lieferten in den 50er und 60er Jahren eskapistische Unterhaltung für ein bettelarmes Proletariat in Hongkong, aber auch für die chinesische Diaspora in Südostasien und in den USA.
Kung-Fu-Filme waren seit Beginn des chinesischen Kinos eins der beliebtesten Genres. Aber King Hu gelang es mit diesem Film, den Kampfstil mit der akrobatischen Tradition der chinesischen Oper und den Formmitteln des Kinos zusammenzubringen. Wenn seine Kämpfer an Wänden hochlaufen, in der Luft Salto schlagen, auf Treppengeländern balancieren oder durch Fenster fliegen, werden alle Register gezogen: Versteckte Trampoline und Seile, aber auch eine virtuose, blitzschnelle Filmmontage, wegen der Filmtheoretiker David Bordwell King Hu mit Sergej Eisenstein verglichen hat.
Wenn in den Kämpfen Alltagsgegenstände wie Essstäbchen, Münzen oder Körbe zu Waffen werden, erinnert das auch daran, wie die Demonstranten im Hongkong der Gegenwart sich mit einfachsten Mitteln zu schützen verstehen: Taucherbrillen gegen Tränengas, Laserpointer gegen Überwachungskameras, Schirme gegen Wasserwerfer, Laubbläser gegen Rauchbomben, Frischhaltefolie gegen Unimogs.
3. Chor Yuen: House of 72 Tenants (1973) (DVD: Celestial)
Filme, die in den überfüllten Mietskasernen der Großstadt spielen, sind fast ein eigenes Subgenre in der chinesischen Filmgeschichte. Der Überraschungserfolg, der bei seiner Veröffentlichung mehr Zuschauer ins Kino lockte als Bruce Lees „Enter the Dragon“ aus dem gleichen Jahr, basiert auf einem Theaterstück aus Shanghai von 1945, ließ sich aber leicht für das Hongkong der frühen 70er Jahre adaptieren.
Hier wie dort lebte die große Mehrheit der Bevölkerung in Armut, beengten Wohnverhältnissen und ausgebeutet von korrupten Beamten, raffgierigen Vermietern und gnadenlosen Arbeitgebern. Die 72 Einwohner eines heruntergekommenen Apartmentblocks – arme Fabrikarbeiter, fliegende Händler, Bettler, Prostituierte – wehren sich dagegen, aus ihrem Zuhause vertrieben zu werden, in dem die habgierige Besitzerin ein Bordell einrichten will, was ihnen letztlich auch gelingt.
1967 hatten die sozialen Missstände in Hongkong zu gewalttätigen Aufständen geführt. Ab Anfang der 70er Jahre begann die britische Kolonialregierung, die Korruption und Misswirtschaft zu bekämpfen und der wirtschaftliche Aufstieg Hongkongs begann: Aus einer Stadt der Sweatshops, in der billiges Spielzeug und Elektronikprodukte „Made in Hongkong“ hergestellt wurden, wurde eine verantwortlich verwaltete Stadt, die zu einem Knotenpunkt des internationalen Finanzwesens und – mit ihren Geschäften, Gastronomie, Nachtleben und ihren spektakulären Wolkenkratzern – eine beliebtes Touristenziel avancierte.
Waren anspruchsvollere Filme zuvor in Mandarin gedreht worden, wurde in diesem Film der Hongkonger Dialekt Kantonesisch gesprochen. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Hongkong-Kinos, das fortan immer stärker die urbane Kultur der Stadt in den Mittelpunkt stellte. Der Film ist bis heute so beliebt, dass auf ihn verschiedene Fortsetzungen und Remakes folgten.
4. Bruce Lee: Die Todeskralle schlägt wieder zu (1972) (DVD: Universum Film, Stream: YouTube, Amazon, iTunes u. a.)
„Be water, my friend“ ist ein Motto der Demonstranten in Hongkong, das ihre Taktik des „führerlosen Aufstands“ beschreiben soll. Bei Aktionen will man auf die direkte Konfrontation mit der Polizei verzichtet, sondern durch kurze, unangekündigte Blockaden und Proteste für Aufmerksamkeit sorgen, um dann schnell wieder im Gewimmel der Großstadt zu verschwinden: anonym, flexibel und spontan.
Der Satz stammt von Bruce Lee, Hongkongs erstem internationalen Superstar. In der amerikanischen Fernsehshow „Longstreet“, in der er eine Nebenrolle hatte, erklärte er 1971 seine Lebensmaxime so: „Empty your mind, be formless, shapeless, like water. Now you put water into a cup, it becomes the cup. You put water into a bottle, it becomes the bottle. You put it in a teapot, it becomes the teapot. Now water can flow, or it can crash. Be water, my friend.“
Bruce Lee ist heute als Schauspieler und Kung-Fu-Kämpfer in Erinnerung. Aber Lee war mehr: Er studierte Philosophie an der University of Washington in Seattle und schrieb Gedichte, entwickelte seine eigene Selbstverteidigungstechnik Jeet Kune Do, die er in einem Buch beschrieb und in einer eigenen Schule vermittelte. Auch hier stand das Prinzip im Mittelpunkt, den Dingen ihren Lauf zu lassen und flexibel und ohne vorgegebene Technik oder Dogma zu reagieren. Diese Methode steht in der Tradition des Taoismus, und dem Prinzip des Wúwéi, dem „Leer-“ beziehungsweise „Nicht-sein“, einem „Handeln durch Nicht-Handeln“.
In San Francisco geboren (dass seine Großmutter Deutsche war, ist bis heute weder wiederlegt noch bewiesen), pendelte er Zeit seines Lebens zwischen Hongkong und den USA hin und her. In Hongkong war er ein Kinderstar, in den USA trat er in den 60er Jahren in Fernsehserien wie „Batman“ und „The Green Hornet“ auf, bevor er in Hongkong die vier Actionfilme drehte, die ihn zum Weltstar machten. Der internationale Durchbruch kam mit „Enter the Dragon“ (1973), aber interessanter ist dieser Film, bei dem er auch für Drehbuch und Regie verantwortlich war.
Tang Lung (Bruce Lee), ein junger Mann aus Hongkong, reist nach Rom, um dort im Restaurant von seinem Verwandten Chen Ching-hua zu helfen. Die Mafia versucht, das Restaurant zu übernehmen, was Tang Lung durch seine Kampfkünste verhindern kann. Auch als der Mafiaboss einen japanischen Judo-Meister und einen europäischen Boxer zur Hilfe holt, erweist sich die Überlegenheit von Tang Lungs Kampftechnik. Im finalen Kampf tritt Bruce Lee gegen einen jungen Chuck Norris im Kolosseum an, den er ebenfalls besiegt.
Der Film unterstreicht die globalisierte Natur des Hongkong-Kinos: Auch Regisseure wie Wong-Kar Wai („Happy Together“, 1997) oder Filme wie „Meals on Wheels“ (1984) oder „Rumble in the Bronx“ (1994) mit Jackie Chan verlegten die Handlung in aus chinesischer Sicht exotische Schauplätze in Amerika oder Europa. Aber vor allem ist Filmheld Tang Lung selbst letztlich ein chinesischer Gastarbeiter in einem fremden Land, was auch daran erinnert, dass Hongkong für viele seiner zeitweisen Bewohner nur eine Zwischenstation während eines längeren, internationalen Exodus ist.
5. Johnny Mak: Hongkong Vice (1984) (DVD: Deltamak)
Eine Gruppe von ehemaligen Rotgardisten mit Kampferfahrung kommt aus China nach Hongkong, um einen Juwelier auszurauben. Der Einbruch misslingt, und die Gang versucht auf andere, extrem skrupellose Weise, sich ihren Anteil am Wohlstand der Stadt zu sichern.
Der Film markiert den Beginn der „Heroic Bloodshed“-Periode von Hongkong-Thrillern, die von Regisseuren wie John Woo mit ballettartigen Schießereien in Zeitlupe zu ihrem Höhepunkt geführt wurde. Jenseits der Designergewalt artikuliert sich beim näheren Hinsehen allerdings auch das Unbehagen der Hongkonger an der wirtschaftlichen Öffnung von China unter Deng Xiaoping. Die armen Nachbarn aus China werden detailfreudig als unkultivierte Proleten im zu Reichtum und Geschmack gelangten Hongkong gezeigt.
Heute werden die Proteste der Hongkonger auch dadurch angefeuert, dass sie sich einer nicht gewählten Oberschicht von neureichen Festlandchinesen gegenübersehen, die die Politik der Stadt dominieren und deren Wohlstand sich auch durch Verbindungen ins Reich der Triadenmafia erklärt. Dass Demonstranten im Juli 2019 in der U-Bahn-Station Yuen Long von Triadenschlägern verprügelt wurden, ohne dass die Polizei einschritt, unterstützt solche Vermutungen.
6. Fruit Chan: Durian Durian (2000) (DVD: Studio Canal)
Fruit Chan gehörte zu den ersten Regisseuren, die dank digitaler Technik jenseits der Filmstudios Hongkongs mit geringem Budget eigene Independent-Filme drehen konnten, die sich den Konventionen des kommerziellen Hongkong-Kinos entzogen. Im ersten Teil von „Durian Durian“ folgen wir der Prostituierten Yan, deren bedrückende Existenz im Rotlichtviertel der Portland Street im Stadtteil Kowloon in grellen Farben und schnellen Montage gezeigt wird. Der zweite Teil begleitet Yan auf der Reise zurück in ihre Heimat im Norden Chinas und ist durch lange Einstellungen und gedeckte Farben charakterisiert. Auch wenn „Durian Durian“ die negativen Folgen des chinesischen Einflusses auf Hongkong in Form von Armutsprostitution und Verbrechen thematisiert, zeigt er auch Verständnis für die Neuankömmlinge, die sensibel charakterisiert werden.
7. Lee Lik-Chi: The Lucky Guy (1998) (DVD: CN Entertainment Ltd.)
Eine Mieterhöhung kann das Ende des „Lucky“-Kaffeehauses bedeuten, das Mr. Lee seit 40 Jahren betreibt und dessen Eiertörtchen in der ganzen Stadt bekannt sind. Die Stammkunden versuchen, ihren zweiten Wohnsitz zu retten. Die Komödie mit dem beliebten Komiker Stephen Chow, der mit Filmen wie „Kung Fu Hustle“ (2007) zwischenzeitlich auch international reüssierte, handelt auch von der Gentrifizierung Hongkongs durch Immobilienspekulation, die die bürgerliche urbane Kultur bedroht, die sich seit den 70er Jahren entwickelt hat und die die Demonstranten von Hongkong sich nicht nehmen lassen wollen. Gleichzeitig ist die herrlich alberne Situationskomödie eine Ode an die Lust der Hongkonger an ihren Lokalspezialitäten, die Chow in „The God of Cookery“ (1996) über einen Kochwettbewerb noch weiter ins Absurde steigerte. Ein Zeichen der Zeit ist leider auch, dass Chow sich inzwischen von den Nonsense-Komödien, die die Stadtkultur Hongkongs thematisieren und die einst sein Markenzeichen waren, vollkommen abgewandt hat und aufwendige, außerordentlich erfolgreiche Blockbuster für den chinesischen Markt produziert.
8. Pang Ho-cheung: Dream Home (2010) (DVD: ELEA-Media)
Ein unausgesprochener Subtext der Proteste in Hongkong sind die durch Immobilienspekulation ins unbezahlbare gestiegenen, existenzbedrohenden Mieten, die jegliche gewachsene urbane Kultur zu vernichten drohen. Während sich die Mieter in „House of 72 Tenants“ noch zusammenschließen, um ihre Entmietung zu verhindern, will Cheng Lai-sheung (Josie Ho) in dieser rabenschwarzen und recht brutalen Komödie auf eigene Faust ein Apartment in einem Wolkenkratzer erobern – und sei es auch mit Gewalt. Im neoliberalen Zeitalter muss man in Hongkong über Leichen gehen, um ein Zuhause zu finden.
9. Ann Hui: A Simple Life (2012) (DVD: CG Entertainment)
Ah Tao (Deanie Ip) hat über 60 Jahre im Haus der Familie Leung gearbeitet. Von der Familie lebt nur noch ein Sohn, der Filmproduzent Roger, in Hongkong. Als Ah Tao nach einem Schlaganfall nicht mehr arbeiten kann, zieht sie auf eigenen Wunsch in ein Altenpflegeheim. Während der Besuche von Roger, gespielt von alterslosen, ewigen Hongkong-Superstar Andy Lau, wird durch Gespräche mit seinem ehemaligen Dienstmädchen nicht nur die Geschichte Hongkongs von einer britischen Kolonie zum globalisierten „Tor nach China“ beleuchtet, sondern auch die Kosten dieser Entwicklung. Wenn der berührenden Film von Arthouse-Regisseurin Ann Hui die Geschichte der Stadt im unspektakulären Leben des Hausmädchens findet, spielt dabei das Kino abermals eine wichtige Rolle, wie zahlreiche Gastauftritte von Hongkong-Stars wie Sammo Hung oder Tsui Hark unterstreichen.
10. Kwok Zune, Wong Fei-pang, Jevons Au, Chow Kwun-Wai, Ng Ka-leung: Ten Years (2015) (Stream: Netflix)
Dieser Film ist gleichzeitig eine Folge der „Regenschirm-Proteste“ in Hongkong 2014 und ein Vorbote der Demonstrationen der letzten Monaten: Fünf Filmemacher drehten praktisch ohne Budget einen Kompilationsfilm, der die chinesische Einflussnahme auf Hongkong zehn Jahre in die Zukunft weiterdenkt: Im Jahr 2025 ist Kantonesisch in Hongkong verboten und Händler, die noch Eier aus Hongkong verkaufen, werden von einer Art Roter Garde von Kindern terrorisiert. Die einzige Form der Wiederstands gegen die chinesische Diktatur ist die Selbstverbrennung.
„Ten Years“ war bei seiner Veröffentlichung 2015 erfolgreicher als „Star Wars: The Force Awakens“, verschwand aber unter unklaren Umständen schnell aus den Kinos der Stadt. Er wurde anschließend umsonst bei überfüllten, öffentlichen Vorführungen auf öffentlichen Plätzen und unter Stadtautobahnen gezeigt. Die Fernsehübertragung der Hong Kong Film Awards, bei dem „Ten Years“ zum besten Film gekürt wurde, wurde im chinesischen Staatsfernsehen nicht ausgestrahlt. Inzwischen hat Netflix die internationalen Rechte für den Film gekauft. Da es in China kein Netflix gibt, ist der Film dort allerdings nach wie vor nicht zu sehen. Die Macher des Films sagen, dass sie seit ihrer unabhängigen Low-Budet-Produktion in der Filmindustrie von Hongkong keine Aufträge mehr erhalten.
Tilman Baumgärtel ist Professor für Medientheorie an der Hochschule Mainz. Er hat an der University of the Philippines in Manila und an der Royal University of Phnom Penh in Kambodscha unterrichtet und mehrere Bücher über das Kino Asiens veröffentlicht. tilman.baumgaertel@hs-mainz.de