Ein Buch über West-Berliner Kneipenkultur zwischen APO und Mauerfall

Von Tilman Baumgärtel

Das Berliner Nachtleben ist in den letzten Jahren in einer Reihe von Büchern kanonisiert worden. Stilbildende Clubs vom Zodiac über Dschungel und Metropol bis zu Tresor, Bar 25 und Berghain sind in zahlreichen Coffeetable-Books ausführlich gewürdigt worden, seit Nico Mesterharm mit dem Buch „Berlin Technology" 1997 die Disziplin der Berliner Tanzflächenforschung begründet hat.

Der Berliner Kneipenszene ist bisher weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das mag damit zu tun haben, dass die West-Berliner Kneipen weniger mit Underground-Musikkulturen verbunden sind als mit den Gebrüdern Blattschuss und Insterburg & Co. Aber wie das Buch „Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989" von Marcel Nobis zeigt, haben die Kneipen eine wichtige Rolle für die Kunst- und Kulturszene Berlins gespielt. Das beginnt mit Läden wie der Kleinen Weltlaterne oder dem Leierkasten, Treffpunkt der Kreuzberger 60er-Jahre-Boheme, zu der Künstler wie Kurt Mühlenhaupt, Robert Wolfgang Schnell oder Günter Bruno Fuchs gehörten.

Stampen, Pinten und andere Bierschwemmen hatten freilich in der proletarischen deutschen Hauptstadt schon seit dem Kaiserreich eine bedeutsame soziale Rolle inne. Doch Nobis geht es um die Kneipen, die nach 1968 entstanden: „Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass in der beschriebenen Kneipenszene die Ideale der Studentenbewegung ihre Entfaltung in Richtung Mitte der Gesellschaft fanden." In der Mauerstadt, in der es keine Sperrstunde gab, dafür aber viele Bundeswehrflüchtlinge und andere Bohemiens und Lebenskünstler, fehlte es nicht an Publikum für mit Trödel und Plüsch eingerichtete Kneipen mit Namen wie Tarantel, Walhalla, Black Corner, Tremens oder Beautiful Balloon.

Aber keine Sorge, Nobis' Buch ist keine akademische Abhandlung, sondern ein materialreiches, lebenspralles Alphabet der wichtigsten Berliner Kneipen, das aus teilnehmender Beobachtung an deren Theken entstanden ist. Nobis will alle der knapp 100 beschriebenen Kneipen besucht haben, manche offenbar so gut wie jeden Abend. Bei der Recherche assistiert wurde er dabei von einer umfangreichen Tresenmannschaft, die Anekdoten, verschwommene Erinnerungen und auch historisch wertvolle Fotografien zu seinem Buch beisteuerte.

Und so erhebt sich aus dem Buch eine lange untergegangene Welt von Zigarettenqualm-umwehten Typen mit Matten und Vollbärten, Fellmänteln und Bundeswehrparkas, mit Spitznamen wie Socken-Paul oder Taxi-Elke, die Gräfin oder der Hosenträger. Die machten in West-Berliner Mythen wie der „Ruine" am Winterfeldtplatz die Nacht zum Tage: „Nicht nur das Haus war eine vom Krieg schwer beschädigte Ruine, das Leben und die Gesundheit mancher Gäste war längst zerrüttet, wurde hier, untermalt von geisterhaftem Gelächter, endgültig zugrunde gerichtet", schreibt Nobis.

Neben Klassikern wie Ex & Pop oder Exil, Yorkschlösschen oder Quartier Latin, SO 36 oder Zwiebelfisch, die zum Teil bis heute existieren, punktet Nobis mit vollkommen vergessenen Kifferkneipen aus den frühen 70er-Jahren wie dem Unergründlichen Obdach für Reisende, Mr. Go oder dem Delirium. Auch die Punk- und New-Wave-Periode ist mit zum Teil extrem kurzlebigen Etablissements wie dem Shizzo oder dem Chaos vertreten; etwas kurz kommen die Kaschemmen der Hausbesetzer. Aber was er über frühe Lokalitäten der Berliner Queerszene wie Blocksberg oder Pelze schreibt oder seine Recherchen zu Serien-Kneipier Jürgen Grage – das ist dann schon richtige, bislang unerzählte Stadtgeschichte.

Marcel Nobis: Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989, Verlag Akademie der Abenteuer, 288 Seiten, 29 Euro