Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe und Sie dies lesen, wird sich die Leistung von Mikrochips nach dem allgemein anerkannten Moore schen Gesetz verdoppelt haben", schreibt Manuel Castells zu Beginn seines Buchs "Die Das Moore sche Gesetz, benannt nach dem ehemaligen Intel-Chef Gordon Moore, besagt, dass sich die Leistung eines Computerchips alle 18 Monate verdoppelt. Dieses Gesetz gilt zuverlässig seit Beginn der 70er-Jahre. Wer - wie der Soziologe Castells - mit der Entwicklung der Informationstechnologie intellektuell mithalten will, muss schnell und frustrationsresistent sein.

1996 erschien in den USA der erste Band von Castells Triologie "Das Informationszeitalter", in der er die Veränderungen analysierte, die unsere Gesellschaft durch die digitalen Medien Computer und Internet durchmacht. Nach fünf Jahren ist der erste Band nun auf Deutsch herausgekommen, und vieles, was 1996 neue Erkenntnis war, ist inzwischen zur weit verbreiteten Einsicht geworden. Castells Bücher wurden von Medientheoretikern, Trendforschern und Journalisten als Quelle für Ideen über die sich entwickelnde Netzwerkgesellschaft benutzt.

Doch wenn er, der als Vordenker gelten kann, seine grundlegenden Ideen über das Informationszeitalter vorträgt - wie in der vergangenen Woche als Gast der Humboldt-Universität, hat man mehr als einmal ein Déjà-vu-Erlebnis. Dass eine "Informationsgesellschaft" die Industriegesellschaft abzulösen im Begriff ist, dass diese technologische Entwicklung zu einer vollkommenen Neustrukturierung der Gesellschaft führt - das hat man in den letzten Jahren doch recht häufig

Aber der Soziologie-Professor, der 1967 vor Franco aus Spanien nach Paris emigrierte und heute in Stanford unterrichtet, taugt nicht zum New-Economy-Prediger. Seine Analyse hat die große Dotcom-Pleite überdauert. "Zum Glück habe ich nie versucht, die Zukunft vorherzusagen", scherzt er, "sondern nur die unmittelbare Vergangenheit." Wenn er von einer vernetzten Wirtschaft spricht, meint er nicht die gescheiterten Internet-Firmen der späten 90er-Jahre, sondern Unternehmen, bei denen die globale Vernetzung in Echtzeit zur Existenzbedingung geworden ist.

Castells liefert durchaus Elemente zu einer theoretischen Betrachtung der "Kultur der realen Virtualität". Bei seinem HU-Vortrag ordnete er auch die Anschläge vom 11. September in die Entwicklung der Netzwerkgesellschaft ein. "Noch sind die Terroristen nicht die Vertreter der Armen in der Dritten Welt, sondern nur von ein paar saudi-arabischen Millionären", warnt er. "Aber das kann sich schnell ändern" - nicht zuletzt, weil sich inzwischen auch Globalisierungsgegner der Mittel der Netzwerkgesellschaft bedienen. Gefragt, welche wichtigen Entwicklungen er in seinem Buch von 1996 nicht berücksichtigt hat, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: "Seattle und Genua."

Manuel Castells: Das Informationszeitalter Teil 1: Die Netzwerkgesellschaft. Opladen 2001 (Leske & Budrich), 68 Mark, 632 Seiten.