Stellen Sie sich eine Welt vor, in die Sie eintreten können. In der Sie "in Echtzeit" mit dreidimensionalen Objekten "interagieren" können. In der Klänge um Ihre Ohren sausen und gelegentlich der Boden wackelt. In der Sie persönlich an "Ereignissen" "teilnehmen" können. Ja, diese Welt existiert.
Nur: Dies ist nicht die Welt vor Ihrem Wohnzimmerfenster, sondern das Multimedia-Theater "Animax". Im Gegensatz zur realen Welt erschließt sich dessen virtueller, computergenerierter Raum aber nur, wenn man ihn mit einer "Shutterbrille" auf der Nase und Filzpantinen an den Füßen betritt. Wer dann noch einen Joystick in der Hand hält, kann sich durch dreidimensionale Räume manövrieren, dabei Töne aus allen Ecken des Raumes hören - und manchmal vibiriert der Boden.
In Bonn wurde die "Cyberstage" mit großem Bahnhof vorgestellt. Zur feierlichen Eröffnung im Bonner Multiplex Kinopolis waren 200 geladenen Gäste gekommen, die in einer großen Zeremonie nacheinander von Projektleiter Bodo Lensch und - weil in Nordrhein-Westfalen gerade Wahlkampf ist - auch von der Bonner Bürgermeisterin Bärbel Dieckmann, dem Bonner Kulturreferenten, einem Staatssekretär aus dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium und zu guter Letzt von dem Bad Godesberger Bezirksvorsteher begrüßt wurden.
"Ein System, das das Theater, wie wir es heute kennen, steinzeitlich erscheinen lassen wird", kündigte Kulturreferent von Uslaar an, "das ist die Zukunft, meine Damen und Herren." Auch Cyberstage-Projektleiter Lensch sparte nicht mit großen Worten: "Stellen Sie sich das Multimediatheater als einen Ort interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie vor, in einem Szenario, wo erweiterte Medientechnologie eine Verschmelzung von Film- und holographischen Techniken, Video und Grafikanimationstechniken einleitet. Eine Spielstätte für Theaterinszenierungen und Konzerte, zugleich digitales 3-D-Kino, Medienkunstmuseum, Studio für elektroakustische Musik. Ein Ort für Workshops und Weiterbildungsveranstaltungen, denn Medienwerkzeuge lassen sich in Zusammenarbeit mit Pädagogen für Bildungsprojekte nutzen." Im kommenden Jahr soll das "Animax" auf der Expo 2000 zu sehen sein, wo auch eine technische Erweiterung vorgestellt werden soll: computergesteuerte Gerüche.
Tatsächlich ist das "Klassenzimmer der etwas anderen Art" (Lensch) schon seit mehreren Jahren in einem eher eingeschränkten Einsatz: Unter dem Namen Cave Automatic Virtual Environment (CAVE) sind solche "Multimedia-Theater" in der ganzen Welt im Einsatz; im deutschsprachigen Raum ist eines zum Beispiel im ars electronica center in Linz (Österreich) zu sehen. Entwickelt worden ist das "Animax" von der Bonner Entwicklungswerkstatt für Computermedien, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für mathematische Datenverarbeitung (GMD) in St. Augustin. Als Workshop, Klassenzimmer, Konzerthalle oder 3-D-Kino hat die Anlage bisher kaum auf sich aufmerksam gemacht. Neu ist am Bonner Animax lediglich eine Software namens Avocado, die es einfacher machen soll, für die "Cyberstage" Programme zu entwerfen.
Wie die aussehen, erfuhr die Politprominenz nach der Eröffnungszeremonie am eigenen Leibe: Angetan mit großen, weißen Brillen und Filzlatschen, drängelten sie sich in einem etwa zehn Quadratmeter großen Raum, auf dessen drei Wände und Boden Computersimulationen projeziert werden. Mit Shutterbrille erscheint der Käfig dreidimensional, ohne Brille nur verschwommen-unscharf. Ton kommt aus allen Ecken, und bei der ersten Simulation, einer virtuellen Fahrt durch einen Kohlenschacht, bebt gelegentlich der Boden. Bei einigen scharfen Kurven wird dem Betrachter schwummrig. Der 3-D-Effekt ist allerdings nur dann überzeugend, wenn man genau in der Mitte des Raum steht.
Nachdem die Rundfahrt auf der Lore an Neuigkeitswert verloren hatte, verlangte Projektleiter Lensch nach "etwas Lustigem" und bekam "die Weicheier" serviert. Zehn Eier schweben vor dem staunenden Besucher, und zur hellen Freude der Anwesenden ließ die Bonner Bürgermeisterin eins nach dem anderen mit dem Joystick zu Boden segeln, wo aus den Weicheiern brutzelnde Spiegeleier wurden. Was man mit Computern nicht alles machen kann!