"Wir konnten uns der Faszination von ,Big Brother nicht entziehen" V. Veihl, TV-Forscherin DDP/HENNING KAISER Inszeniert wie eine Soap-Opera: Am Sonnabend startete die zweite Staffel von "Big Brother". Seit Sonnabend sitzen sie wieder täglich vor dem Fernseher und gucken "Big Brother". Jeden Abend. Drei Monate lang. Wenn sie einmal keine Zeit haben, nehmen sie die Folge auf Video auf und geben sich am nächsten Tag eine doppelte Dosis. Auf den Beginn der nächsten Staffel haben sie sich wie Millionen andere gefreut. Aber im Gegensatz zu ihnen sehen sie die Serie nicht zum reinen Vergnügen. Jedenfalls nicht ausschließlich. Die fünf Mitarbeiter der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF), die jetzt wieder vor dem Fernseher sitzen, schauen "Big Brother" hauptberuflich. Für die Wissenschaftler ist die Real-TV-Show wichtiges Anschauungsmaterial. "Das Fernsehereignis zu Beginn des neuen Jahrtausends" haben sie "Big Brother" in dem Buch genannt, das sie über die Fernsehsendung veröffentlicht haben. Erstauflage schon vergriffen Dessen Herstellung verlief in Rekordzeit: "Im Auge der Kamera", so der Titel, wurde gleichsam in Echtzeit produziert. Neben Kapiteln über die Geschichte des Dokumentarfilms und Analysen der Zuschauerreaktionen enthält das Buch auch einen "Exkurs über Zlatko". Um die Resonanz bei den Zuschauern zu überprüfen, ließen die Medienwissenschaftler eine Umfrage vom Forsa-Institut durchführen. Als diese zeigte, dass "Big Brother" vor allem Teenagerinnen und Twens erreichte, führten sie mit denen Diskussionsrunden durch. "Der wichtigste Reiz scheint es gewesen zu sein, sich in die psychologische Situation hineinzufügen", fasst Elizabeth Prommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Filmhochschule, deren Ergebnis zusammen. "Dass ,Big Brother ein Thema werden würde, war uns vor Weihnachten klar. Von da an haben wir eine Veröffentlichung mit dem Verlag vorbereitet." Als das Buch im Juni erschien, lief die Show noch. In der letzten Sendung am 11. Juni stand Mitautor Lothar Mikos an einem Stehtisch im Studio neben Moderator Percy Hoven und durfte kurz das frisch gedruckte Werk in die Kamera halten. Die Erstauflage von 500 Exemplaren ist bereits ausverkauft. Die fünf Medienwissenschaftler hatten sich zuvor wahrscheinlich intensiver mit "Big Brother" beschäftigt als die Fans der Serie. Bis zu zehn Mal hat sich Verena Veihl einige Folgen angesehen und dabei herausgefunden, dass die Produktionsfirma Endemol das Containerleben wie eine Soap Opera inszenierte. "Eine Erzählerstimme führte in die Handlung ein, Figuren wurden wie Serienhelden aufgebaut, Unterhaltungen wie im traditionellen Erzählkino in Sequenzen mit Schuss und Gegenschuss gezeigt. Die meisten Folgen endeten mit einem Cliffhanger", erklärt Mitautorin Verena Veihl.

Doch sie gibt auch zu: "Wir haben uns der Faszination der Serie nicht entziehen können." Je öfter sie die Folgen gesehen habe, umso mehr sei sie in die Serie hineingezogen worden. Inzwischen findet sie: "RTL 2 hat da ein Format, das innovativer ist, als sie selbst wissen." An der neuen Staffel gefällt ihr vor allem die "intelligente Kandidatenauswahl". Elizabeth Prommer sagt, trotz Badezimmerszenen und Gesprächen über "Shakesbier" habe sie die Sendung nicht als banal empfunden: "Mit zehn Nobelpreisträgern wird das auch nicht interessanter. Es kommt auf die Konstellation zwischen den Leuten an." An der zweiten Staffel ist ihr aufgefallen, dass die Bewohner stärker in Richtung Kamera agieren und mehr auf Selbstdarstellung bedacht sind. "Nach einer Woche ist das aber wahrscheinlich vorbei", meint sie. Kollegin Veihl kann der Sendung sogar eine "aufklärerische Seite" abgewinnen. "Es gab zwar Sex in der Sendung, aber der war langweilig und normal. Da sieht man endlich mal, dass Sex nur im Kino so aufgebauscht wird." Lothar Mikos u.a.: "Im Auge der Kamera - Das Fernsehereignis Big Brother", Vistas Verlag Berlin, 34 Mark.