Weitgereiste Maschinen

Beim Osnabrücker Medienfestival wurden alte Technologien mit viel Hightech zu neuem Leben erweckt

Von Tilman Baumgärtel

Die Maschine sieht aus wie ein tragbare Kombination aus einem Wehrmachtsfunkgerät, einem Grammophon, einem Computer, einer Schleifmaschine und einem Dampfradio, die in einen Koffer eingebaut worden ist. Darüber gebeugt steht ein hagerer Mann mit halblangen Haaren, die ihm ins Gesicht hängen, während er im Inneren des aufgeklappten Geräts Kabel und Stecker hin- und herstöpselt, hier einem Schalter umlegt, dort einen Klemmstecker an einen anderen Teil der Gehäuses anschließt: „Meine Maschine und ich sind heute weit gereist“, teilt er dem Publikum mit, das ihm gebannt beim Basteln zusieht, „jetzt muss sie sich erst an die neue Umgebung gewöhnen.“

Daß die weitgereiste Maschine ein empfindliches Innenleben besitzt, mag man wohl glauben – immerhin kann sie bewegte Bilder auf Kunststoff-Schallplatte aufnehmen und wieder abspielen. Der Frankfurter Künstler und Filmemacher Norbert Schliewe hat sie aus „zwei genialen Ideen des 19. Jahrhunderts“ entwickelt: der Nipkow-Scheibe und dem Phonographen. Die Nipkow-Scheibe, ein Vorläufer der heutigen Fernsehtechnik, konnte Bilder in Stromwerte zerlegen, die – in akustische Signale übersetzt – auf einer Grammophonplatte aus Kunststoff gespeichert werden.

Die Maschine, die Schliewe gebaut hat, kann mit modernen Solarzellen und hochempfindlichen Sensoren farbige Bilder an die Wand projizieren. Die grobkörnigen, verwaschenen Bilder, die die Kombination aus Uralt-Medien und Hightech hervorbringen, wirken zwar wie Videoaufnahmen aus der Steinzeit, doch für Schliewe sind sie „Lichtbilder, die eine unerklärliche Aura besitzen.“ Mit seiner Wunderkiste will er demnächst ein Jahr durch die Welt reisen und mit Menschen, die er dabei trifft, Filme für seine Schallplattensammlung produzieren.

Schliewes Maschine war am Wochenende beim Osnabrücker European Media Art Festival zu sehen, einer jährlich stattfindenden Leistungsschau der internationalen Medienkunstszene. Aus der ganzen Welt strömt im Mai regelmäßig buntes, digitales Volk in das sonst etwas verschlafene Städtchen in Niedersachsen, um dort Medienkunst zu präsentieren und zu besichtigen, Performances und Videos zu sehen oder an einem Kongress zur Medienkultur teilzunehmen. In der gotischen Dominikanerkirche und einem mittelalterlichen Stadtgefängnis, einem feucht-dunklen Turm mit dem schönen Namen „Bürgergehorsam“, stehen dann regelmäßig Installationen, die die künstlerischen Möglichkeiten von Video, Computer und Internet ausleuchten. Zusammen mit der ars electronica in Linz, Österreich, und der Transmediale in Berlin gehört Osnabrück zu den wichtigsten Veranstaltungen dieser Art in Europa.

Und Schliewes „Lichtillusionsmaschine“ ist nicht die einzige Arbeit, die einen Hauch von Jahrmarkt, Tingeltangel und Vaudeville aus der Zeit der Jahrhundertwende verbreitet. Gleich eine Reihe von Arbeiten, die noch bis zum 29. Mai im langen, abgedunkelten Hauptschiff der Dominikanerkirche zu sehen sind, benutzen modernste Technologie, um Effekte zu erzielen, die an die Frühzeit der Medien zu Beginn des 20. Jahrhunderts denken lassen. Es scheint bei einem Rundgang durch die Ausstellung fast, als seien die modernsten Technologien vor allem dazu da, um uralte Medien wieder auferstehen zu lassen.

Stefanie Klekamps Arbeit „Séparée“ erinnert mit seinem roten Lederpolster an den Salon anno 1900. Der Betrachter, der sich auf dem roten Kanapee niederlässt, wird allerdings Opfer einer visuellen Attacke, die unzweifelhaft aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert stammt: auf einem Monitor sind verschwommene Bilder einer sich vor der Kamera herumräkelnden Nackten zu sehen – ein billiger Kommentar zum Voyeurismus der Massenmedien, der genau das, was er denunzieren will, reproduziert.

Das deutsche Künstlerpaar Wibke Grösch und Frank Metzger schicken sich über zwei Videoprojektoren mit Spiegeln im Sonnenlicht Botschaften hin und her. Der Franzose Pierrick Sorrin hat einen Kofferplattenspieler vor einem halbdurchsichtigen Spiegel und einem Videomonitor so platziert, so dass es wirkt, als würde das Videobild des etwas pummeligen Franzose auf einer Single einen Dauerlauf machen. Auch seine zweite Installation, in der ein virtuelles Handwerkerpaar auf einem Videofilm mit echten Requisiten ringt, wirkt wie ein dreidimensionaler Guckkastenpanorama aus grauer medialer Vorzeit.

Auf vergleichsweise aktuellem Stand der Technik sind dagegen die „Veejay-Groove“-Nächte, in denen über das Internet Clubs in Osnabrück, Amsterdam und Wilhelmshafen miteinander verschaltet waren – auch wenn Liveaufnahmen aus dem Netz sich in punkto Bildqualität von den Schallplatten-Videos von Norbert Schliewe ja nur graduell unterscheiden. Die „Veejays“ verwandeln die Clubs mit Video-Beamern, Film-Projektoren und Computer-Animationen in ein alle Sinne ansprechendes „expanded cinema“. Ob sich dadurch tatsächlich „die Club-Besucher in das oszillierende Zentrum eines digitalen Gesamtkunstwerks gerückt“ finden, „wo sich ihnen neue Erfahrungswelten öffnen“ sei einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall integriert das Europäische Medienfestival damit – wie auch die letzte Transmediale in Berlin - ein wichtiges Element der europäischen Clubkultur, das vielleicht mehr Medienkunst ist als einige der Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen sind. Nach den DJ-VJ-Battles, die während des Festivals über das Netz stattfanden, können sich Berliner Clubgänger am 12. Mai in dem Club „Maria am Ostbahnhof“ VJ-Sets von monitor automatique, Reiner Remake und Dura Lux ansehen.

Passend zu diesen musikalischen Schwerpunkt des Festivals war die diesjährige Retrospektive dem Experimentalfilmer Len Lye (1901 - 1980) gewidmet. Der Neuseeländer malte direkt auf den Film oder kratzte seine Animationen ins Zelluloid. Heute erinnern seine schnellen, bunten Kurzfilme aus den 30er und 40er Jahren an Musikvideos, und könnten immer noch problemlos auf MTV gezeigt werden. Leys Werk zeigt, dass es auch umgekehrt geht: seine ein halbes Jahrhundert alten Filme wirken heute frischer als viele aktuelle Videoproduktionen aus dem Computer.

--------SCHNAPP!------------

Europen Media Art Festival,

Veejay-Groove,

www.veejay-groove.de

Die Medienkunstausstellung ist noch bis zum 28. Mai in der Kunsthalle Dominikanerkirche in Osnabrück zu sehen. Eine VeeJay-Groove-Party mit Terranova, FM Einheit und monitor automatique findet am 12. Mai im Berliner Club „Maria am Ostbahnhof“ statt. Eine Dokumentation der Veranstaltung ist am 29. Juli auf N3 zu sehen.

European Media Arts Festival

tilman baumgaertel

Tilman Baumgaertel