FIREBALL Ausschnittsdienst und Freemail // Heute geht die Internetfirma Lycos Europe an die Börse. Seit Februar gehört auch die deutsche Suchmaschine Fireball zu dem Unternehmen.
43 Prozent von Lycos Europe gehört der amerikanischen Mutter, einer US-Suchmaschine. Weitere Anteilseigner sind Bertelsmann, Gruner+Jahr und Geschäftsführer Christoph Mohn.
Zu Lycos Europe gehören auch die Suchmaschine Hotbot und die Communitysite Tripod.
Fireball bieten auch den Presseausschnittdienst Paperball und einen Freemail-Service.
Bericht über den Lycos-Börsengang auf Seite 31.
Nachts streifen 25 Roboter durchs Netz, die alle Flipper heißen. Am frühen Morgen liefern sie bis zu einer Million Webseiten bei drei Computern ab, die so gross wie Kühlschränke sind und im Keller des Gruner+Jahr-Verlags in Hamburg stehen. Die Computerräume sind so geschützt, dass sie selbst einen Atomkrieg unbeschadet überstehen würden; Zugang zu den Rechnern haben nur wenige Verlagsmitarbeiter, die eine spezielle Autorisierung haben. Oder jeder Websurfer, der in seinen Browser www.fireball.de eingibt.
Denn auf den drei Großcomputern im Gruner+Jahr-Keller befindet sich die Suchmaschine Fireball. Jeder Netznutzer, der mit ihr nach Informationen im Internet fahndet, greift auf die 18 Gigabyte digitaler Daten zu, die auf ihren Festplatten gespeichert sind. Diese Daten werden jede Nacht, wenn wenig Verkehr im Internet herrscht, von automatischen "Robot"-Programmen namens Flipper zusammengesucht, die sich automatisch durchs Netz klicken, Daten von Websites einsammeln und sie in der Datenbank der
8,2 Millionen Dokumente sind dort gesammelt; nach Schätzung der Fireball-Programmierer ein Viertel aller deutschen Webpages. Tag für Tag suchen im Schnitt 1,3 Millionen Netznutzer in diesen Datenmengen. Wenn man selbst eine Seite bei Fireball anmeldet, dauert es im Schnitt ein halbes Jahr, bis sie im Index auftaucht.
Berliner Entwicklung
Heute geht Lycos Europe an die Börse, ein Internetunternehmen, zu dem seit Februar auch Fireball gehört - zusammen mit einigen anderen Firmen. Doch während Lycos selbst aus den USA kommt und auch die anderen Lycos-Töchter - wie die Community-Angebote Tripod und Angelfire - amerikanische Entwicklungen sind, ist Fireball eine deutsche Erfindung. Der Webservice, der heute zu den erfolgreichsten Internetangeboten in der Bundesrepublik gehört, ist an der TU Berlin entwickelt worden.
"60 Prozent der User wollen nicht nachdenken", hat Eric Heymann während der Arbeit an der Suchmaschine herausgefunden - eine Einschätzung, der er bis heute treu geblieben ist. Zusammen mit seinem Kommilitonen Benhui Chan hat er damals an einem Projekt namens "Flipper" mitgearbeitet, das mit Drittmitteln von Gruner+Jahr finanziert wurde. Heute sitzen die beiden gemeinsam in einem engen Kellerraum der Verlagszentrale in Hamburg, in die sie gewechselt sind, nachdem Gruner+Jahr aus dem Uni-Projekt im Juli 1997 ein kommerzielles Unternehmen gemacht hat.
"Wir sind nicht objektiv", sagt Heymann, während er auf einem Stuhl an seinem mit Fireball-Merchandising übersäten Schreibtisch herumwippt, "und wir versuchen nicht, den Leuten vorzugaukeln, dass das Internet eine saubere Sache ist."
Wichtigstes Aufnahmekriterium für Webseiten bei Fireball ist, dass sie deutschsprachig sind. Ein Programm vergleicht den Text einer Website mit einem deutschen Wörterbuch und entscheidet dann nach einer Statistik, ob sie "deutsch genug" für Fireball ist.
Während sein Kollege Chen keinen Blick vom Computermonitor abwendet und ununterbrochen auf seine Tastatur einhackt, beschreibt Heymann, wodurch sich Fireball von anderen Suchmaschinen unterscheidet. Bei "Webkatalogen" wie "Web.de" oder "Yahoo" wird jeder Eintrag von Redakteuren in das Verzeichnis "eingepflegt" und bearbeitet - "händisch", wie es Web-Arbeiter nennen, wenn sie selbst Hand anlegen müssen.
Diese Webkataloge sind quasi die Manufakturen des Informationszeitalters. Im Vergleich damit ist Fireball eine vollkommen automatisierte Produktionsstraße. Die meisten Einträge der Suchmaschine hat kein Mitarbeiter bearbeitet oder auch nur angesehen. Eine Software ordnet Websites automatisch Kategorien wie "Gesundheit", "Sport" oder "Politik & Gesellschaft" zu. Selbst die kurzen Beschreibungen, die bei Fireball die Websites beschreiben, hat ein Programm generiert, ohne dass ein Mensch eingegriffen hätte.
Darum ist der Personalbedarf bei Fireball gering: die Maschine macht den größten Teil der Arbeit selbst; nur die Wartung, das Marketing und die Weiterentwicklung der Software muss von Mitarbeitern erledigt werden. Während bei der Muttergesellschaft Lycos in Gütersloh allein 50 Redakteure Texte für den Webkatalog schreiben, sind bei Fireball insgesamt 10 Mitarbeiter beschäftigt.
Obwohl die meisten Texte bei "Fireball" von einem Programm erstellt werden, wirken sie nicht, als seien sie von einer dummen Maschine. "Erstaunlich, dass das läuft", findet selbst Thomas Adler, der für den Webkatalog zuständig ist. Der ehemalige Verlagsdokumentar ist von dem System so angetan, dass er schon laut darüber nachdenkt, ob man nicht das gesamte Archiv von Gruner+Jahr von einer Suchmaschine verwalten lassen kann.
Was hinter der Web-Fassade von Fireball stattfindet, soll dem Benutzer möglichst verborgen bleiben. "Die User müssen nicht verstehen, was da vorgeht", sagt Richter, "sie sollen merken, dass sie bei uns gute Suchergebnisse bekommen."
Nach was der deutsche Surfer am häufigsten sucht, kann man auf einer täglich aktuellen Statistikseite bei Fireball sehen. Ungeschlagen steht dort seit Monaten "Erotik" auf Platz eins, gefolgt von Dauerbrennern wie "MP3"und "Dowload". Erst auf Platz 4 ist ein Neuzugang zu finden: "Moorhuhn". "Danach hat vor zwei Monaten noch niemand gesucht", sagt Richter.