„Wie war das für Sie?“

Wer dumm fragt, kriegt dumme Antworten: „Pioniere der Informatik“ versucht sich an einer deutschen Oral History der Computergeschichte – leider mit wenig Erfolg

Von Tilman Baumgärtel

Wenn es ein akademisches Feld gibt, das von Forschern aus dem angelsächsischen Raum so gut wie vollkommen dominiert wird, dann ist es die Geschichte der Informatik. Fast alle wichtigen Veröffentlichungen zu diesem Thema stammen aus den USA, und entsprechend Amerika-lastig sind die meisten Publikationen auch: Konrad Zuse gibt es da erst gar nicht nicht, der erste Computer war der Harvard Mark I, gefolgt vom Eniac und – in ausführlicheren Publikationen – dem Atanasoff-Berry Computer. Der hatte freilich gegenüber den Z 1 bis 4’s den entscheidenen Nachteil, nie fertig gebaut worden zu sein. Trotzdem kommen die Maschinen, die Zuse in den 40er Jahren in der Wohnküche seiner Eltern in Berlin-Kreuzberg zusammengeschraubt hat, in der Grossen Geschichte der Informatik made in USA nicht vor. Man muss kein deutscher Nationalist sein, um sich über diese historische Schlamperei zu ärgern.

Auch an anderer Stelle werden die Beiträge aus Europa in der angelsächsischen Informatikgeschichte klein gemacht oder tot geschwiegen. Während der Tech Model Railway Club am MIT oder Leute wie Richard Stallmann oder Eric Raymond in der amerikanischen Forschung inzwischen durchaus als historisch bedeutsame Figuren betrachtet werden, kommen europäische Hacker wie zum Beispiel die des ChaosComputer Clubs nicht oder nur als Randfiguren vor. Lediglich „Cuckoos Nest“ vom selbst betroffenen Clifford Stoll und „Cyberpunk“ von Kathy Hafner und John Markoff beschäftigen sich mit den Berliner Hackern, die Ende der 80er Jahren versuchten, mit den Russen ins Geschäft zu kommen und ihnen amerikansiche Geheiminformationen zu verkaufen – beides sind allerdings keine akademischen Publikationen.

Besonders merkwürdig wird diese Blindheit für die Entwicklungen in Europa übrigens in Zusammenhang mit der Figur Alan Turings, der in in den USA auf irgendeinem Index zu stehen scheint und in amerikanischen Publikationen grundsätzlich nur unter „Ferner liefen“ auftaucht. Sowohl in dem ansonsten grossartigen „Computer – A History of the Information Machine“ von Martin Campbell-Kelly und William Aspray wie auch in Paul E. Ceruzzis „History of Modern Computing“ wird Alan Turing nur als Fussnote erwähnt, Claude Shannon seltsamerweise gar nicht. (Da kann es fast schon als Erfolg gelten, dass Ceruzzi Konrad Zuse wenigstens am Rande erwähnt, und endlich einmal eingeräumt wird, dass er „the very first electromechanical computers“ gebaut habe.)

Die Lieblingskinder der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Computerforschung in Deutschland sind also in der „offiziellen“ Geschichte der Informatik aus den USA so gut wie nicht bekannt. Die deutsche Uni-Szene, die sich mit der Geschichte von Medien und Computern befasst, hat dafür die amerikanische Forschung bisher so gut wie nicht zur Kenntnis genommen. Lesbare Publikationen, die ein nicht-initiiertes Publikum an das für die Gegenwart ja höchst bedeutsames Thema der Entwicklung des Computers heranführen würde, haben sie freilich erst recht nicht hervorgebracht – wahrscheinlich weil damit keine akademischen Lorbeeren zu gewinnen sind.

Dass ist wiederum ein Privileg der Amerikaner: nicht nur Bücher wie das fantastische „The Soul of a New Machine“ von dem brillianten, in punkto Vermittlung Schwerstarbeit verrichtenden Tracy Kidder gelang es in der Vergangenheit, ein so kryptisches Thema wie die Entwicklung eines neuen Computers in eine auch für Nicht-Informatiker irgendwie verständliche Form zu bringen. Auch „Computer“ von Aspray und Campbell-Kelly sind keineswegs reine Fachpublikationen, sondern können sogar (wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung bestätigen kann) im Urlaub am mediterranen Stränden gelesen – und verstanden! – werden.

Ein Buch, das eine ähnliche Vermittlungsleistung für das deutsche Publikum bieten könnte, scheint auf den ersten Blick der Band „Pioniere der Informatik“

(

http://www.springer.de/cgi-bin/search_book.pl?isbn=3-540-64857-7

) aus dem Springer-Verlag zu sein. Durch eine Reihe von Gesprächen mit einigen wichtigen Computerwissenschaftlern will das Buch die „Informatik in die Zeitgeschichte und in die individuellen Lebensumständen einzubetten“. Ein lobenswertes Vorhaben, zumal einige amerikanischen Publikationen recht erfolgreich Computergeschichte über die Entwickler und Erfinder erzählt haben. Das klassische „Portraits in Silicon“ von dem Time-Korrespondenten Robert Slater dürfte das am besten bekannte sein; wesentlich besser, weil tiefergehend, ist freilich „Programmers at work“ von Susan Lammers, das 1986 in einer Mini-Auflage ausgerechnet bei „Microsoft Press“ erschien. Heute ist das Buch ein gesuchtes Sammlerstück, das leider nie eine Fortsetzung bekommen hat. Dabei gehören die Gespräche mit Programmierern wie Dan Bricklin (VisCalc), Toru Iwatani (Pac Man), Gary Kildale (CP/M), Jef Raskin (Macintosh OS), Jaron Lanier (späterer Virtual-Reality-Guru) und – ja! – Bill Gates (über Basic) zum besten und nachvollziehbarsten, was zum Thema Computerprogrammierung jemals veröffentlicht worden ist.

Das sind die Maßstäbe, die man an „Pioniere der Informatik“ anlegt – womit man dem Buch leider keinen Gefallen tut. Im Gegensatz zu Susan Lammers haben die Interviewer keine Methode und keine Ahnung vom Aufbau von Interviews. Das Buch, das im Rahmen des Interdisziplinären Forschungsprojekt „Sozialgeschichte der Informatik“ an der Technischen Universität Berlin entstanden ist, läßt ahnen, wie wenig brauchbare Ergebnisse solche wahrscheinlich gut subventionierten Foschungsprojekte häufig liefern. Wenn das Buch „Sozialgeschichte der Informatik. Kulturelle Praktiken und Orientierungen“, das aus dem gleichen Forschungsprojekt hervorgegangen ist, ähnlich mageren Erkenntniswert hat – zur Rezension lag es leider nicht vor – war das Ganze ein nutzloses Unterfangen. Die Interviews jedenfalls hätte ein wenig ambitionierter Hobbyforscher nach Feierabend genauso oder besser führen können.

So erlaubt das Buch zwar einige interessante Einblicke in Details der Biografie von Leute wie Friedrich Bauer (ALGOL), Niklaus Wirth (PASCAL) oder Heinz Zemanek, dem Architekten des „Mailüfterls“, aber ein Gesamtbild vermag keins der Interview zu zeichnen. Auch die Arbeitsvorgänge und die Entwicklung der Computer und Programme, um die es geht, bleibt seltsam schwammig und unkonkret. Sehr viel ausführlicher wird dagegen die institutionellen Einbettungen der akademischen Informatiker dargestellt – was die Forscher, die das Buch herausgegeben haben und die natürlich selbst an der Universität arbeiten, offenbar wesentlich stärker interessiert hat. An einigen Stellen wirken die Interviews geradezu so, als würden die Nachwuchs-Forscher sich bei alten Hasen Tipps für die eigene Karriere holen.

Ansonsten schwanken die Fragen konzeptlos zwischen persönlicher Biografie und Wirkungsgeschichte hin und her, und auch in der Chronologie geht es munter durcheinander – bei den Gesprächen mit Heinz Zemanek oder Niklaus Wirth wird die Kindheit sogar erst am Ende des Interviews besprochen, als hätte der Interviewer seinen Zettel mit Fragen zuhause liegen gelassen, und erst ganz zum Schluss an dieses Thema gedacht.

„Wie haben Sie die Zeit in Kanada und in den USA finanziert?“ – „Wie kamen Sie dazu, sich für Nachrichtentechnik zu interessieren?“ – „Haben Sie während Ihrer Tätigkeit als Lehrer auch noch Prüfungen für Ihr Studium gemacht?“ – „Wie war das für Sie?“ – Wer so dumm fragt, muss sich nicht wundern, wenn er dumme Antworten bekommt. Den Interviewer scheint der Mut zu fehlen, den alten Leuten an einigen Stellen in ihren Erinnerungen zu unterbrechen und nachzuhaken – ob aus Respekt für die Lebensleistung ihrer Gesprächspartner oder schlicht aus mangelnder Erfahrung mit der Form des Interviews sei dahin gestellt.

Eine ganz besondere Fehlleistung ist übrigens ausgerechnet das Interview mit Joseph Weizenbaum, der ja eigentlich nicht zu den schwer zum Reden zu bringenden Vertretern seines Fachs gehört. Aber just seine bekannteste Erfindung, das Bot-Programm Eliza, das eine Sitzung bei einem Psychater simuliert, wird in dem Gespräch in einem knappen Absatz abgehandelt. Dafür lässt sich der Interviewer, dem es offensichtlich an Allgemeinbildung fehlt, von Weizenbaum ausführlich über die Dreyfuss-Affäre aufklären. Deutsche Akademiker!

Das Gespräch mit Weizenbaum ist übrigens das einzige, in dem einer der Interviewten wenigstens kurz auf die gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Forschung eingeht. Von Weizenbaum hätte man zwar ausführlichere Außerungen zu diesem Thema erwartet – immerhin hat er zwei Bücher zu diesen Fragen veröffentlicht – aber immerhin geht das Gespräch an dieser Stelle weiter als alle anderen Interviews in dem Buch, die ihre Thematik ausschliesslich aus der Nabelperspektive behandeln.

So bleibt das einzige, was an „Pioniere der Informatik“ lobend hervorgehoben werden muß, ist die Tatsache, das mit Christine Floyd wenigstens eine Frau aufgenommen worden ist. Ansonsten sind die Vorteile, die die Form der Oral History bei der Vermittlung von schwierigen historischen Themen eigentlich bietet, in diesem Buch nicht ausgenutzt worden: weder zeichnen die Gespräche lebhafte Bilder von den Protagonisten, ihren Erfindungen und auch nur sehr selten von der Zeit, in der sie gelebt haben; und auch die transparente Darstellung von komplexen – in diesem Fall technischen Entwicklungen – leistet das Buch nicht. Vergebliche Liebesmühe, schade.

Dirk Siefkens; et al.: (Hrsg.): Pioniere der Informatik – Ihre Lebensgeschichte im Interview, Interviews mit Heinz Zemanek, Joseph Weizenbaum, Friedrich L. Bauer, Niklaus Wirth, Christiane Floyd, Berlin u.a. (1999), 141 Seiten, 39,90 Mark

Von Tilman Baumgärtel

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