FSB ist eine Firma, die Türklinken herstellt. FSB sind aus Brakel im Weserbergland. FSB ist ein mittelständisches Unternehmen, das seit vier Generationen im Familienbesitz ist. FSB hat einen Jahresumsatz von 150 Mio. Und diese Rendite "erlaubt ab und zu einen Blick über den Tellerrand", wie es ohne falsche Bescheidenheit in einer Pressemitteilung heißt. Am 20. und 21.3. 1997 wurde nun das Berliner Publikum im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) Zeuge, wie die Türklinkenhersteller zusammen mit diversen Promi-Architekten über den Tellerrand sahen und dort das "virtuelle Haus" erblickten.
Das war nämlich der Titel des Wettbewerbs, die FSB zusammen mit der amerikanischen Architekturzeitschrift ANY (Architecture New York), "unter befreundeten Architekten" ausgeschrieben hatte. Das dürfte eine Menge Geld gekostet haben, denn schließlich hatte man nicht nur das DAZ gemietet, den Philosophen John Rajchmann vom MIT und die ANY-Chefin Cynthia Davidson aus Amerika eingeflogen, sondern auch noch sieben der bekanntesten Architekten der Welt beauftragt, sich etwas "Virtuelles" einfallen zu lassen: unter anderem Jean Nouvel (Galerie Lafayette Berlin), Daniel Libeskind (Jüdisches Museum Berlin) und Peter Eisenman (Biozentrum der Universität Frankfurt a. M.).
Mit "virtuell" war hier nicht irgendwas mit Computern oder Internet gemeint, sondern eine "Möglichkeit " im Sinne Henri Bergsons. Man wolle "das Virtuelle dem Cyberspace entreißen", wie Cynthia Davidson erklärte. Vielmehr befände sich das "Haus der Zukunft" bereits "in einer Schublade im Haus der Gegenwart", wie der niederländische Philosoph Erik Oger erklärte, es ginge daher darum, den Schlüssel zu dieser Schublade zu finden. In dem Augenblick, in dem man beginnt, das virtuelle Haus zu entwerfen, beginnt man bereits mit dessen Zerstörung, wie Daniel Libeskind daher scharfsinnig bemerkte. Ein fertiggestelltes, virtuelles Haus ist ein Widerspruch in sich, denn wenn es realisiert ist, ist es natürlich nicht mehr virtuell. So betrachtet war der Wettbewerbsbeitrag von Rem Koolhaas der einzige, der der Aufgabenstellung entsprach: Koolhaas war der Veranstaltung nämlich fern geblieben und hatte auch keinen Entwurf eingesandt.
Die Veranstaltung zeigte sogenannte "Unternehmenskultur" von ihrer gruseligsten Seite: Geschäftsführer versuchen sich als Amateurphilosophen, in der Pressemappe ist von "philosophischen Türklinken" zu lesen, und, ach ja, "Visionen" hat man bei FSB natürlich auch noch.
Für die Leser dieses Magazins interessant sein dürften wohl vor allem die Entwürfe von Jean Nouvel und dem Baseler Architekten Jacques Herzog. Nouvel, dessen bekanntester Bau das Institut du Monde Arabe in Paris von 1987 ist , hat schon immer neuesten Technologien verwendet, um seinen Bauten eine besonders starke Individualität zu verleihen. Sein Entwurf für ein virtuelles Haus hatte er an Bauten des italienischen Renaissance-Architekten Palladio angelehnt, dessen Villas zum Teil durch Fresken und Wandmalerei den Unterschied zwischen Innenraum und Außenraum aufzuheben versuchten. Ähnliches hatte Nouvel bereits bei seinem berühmten Pariser Museum versucht, indem er die Außenfassaden aus Glasprismen konstruierte, die sich je nach Stand der Sonne öffnen und schließen und so mehr oder weniger Licht in den Ausstellungsraum lassen.
Sein virtuelles Haus versuchte, mit der medialen Durchdringung des Innenraums zu arbeiten, indem er "die virtuelle Realität wieder materialisierte, ohne ihr Volumen zu geben", wie Nouvel bei seiner Präsentation sagte: "Ich wollte ein Interface zwischen Bewohnern und Virtual Reality schaffen, das wie ein Žgenauer NebelŽ erscheint." Nouvel beschäftigte sich so mit einem Problem, dem die Architektur bisher meist aus dem Weg gegangen ist: Computermonitore und Fernsehbildschirme bilden neue, durchlässige "Wände" im Haus. Nouvel versucht mit seinem Projekt die Frage zu beantworten, wie sich durch die zunehmende Medialisierung des Alltags das Innen des Hauses ändern könnte, indem er es radikal einem medialen Außenraum öffnet.
Sein virtuelles Haus, ein Kubus mit gläsernen Innenwänden, soll darum auf allen Außenwänden Computersimulationen zeigen, die sich ständig ändern und Bilder des das Haus umgebenden Außenraums zum Teil reproduzieren, zum Teil modifizieren: "Dieses Haus wird von sich bewegenden Bildern bewohnt sein", so Nouvel. Im Innenraum reflektieren Spiegel, halbdurchsichtige Glaswände und ein Wasserlauf diese künstlichen Bilder. Wie diese "Zerstörung der architektonischen Geometrie" aussehen könnte, demonstrierte Nouvel mit dreidimensionalen Computersimulationen, bei denen sich ein virtuelles Kameraauge um das Gebäude und durch seinen Innenraum bewegte - ein Beispiel für "Computer-Aided Imagination", kurz CAI, wie Nouvel es nannte.
Ganz ins Internet war der Schweizer Jacques Herzog mit seinem Projekt gezogen, um dort im Cyberspace ein Haus zu entwerfen. Unter der Virtual Home soll ab April - ist aber noch nicht - ein Entwurf Herzogs im WorldWideWeb zu sehen sein, der allerdings von allen "Usern" modifiziert und mitgestaltet werden kann: "Jeder kann sich sein eigenes "virtual home" bauen. Jeder kann es verändern oder vergrößern. Bei dieser Kollaboration kann ALLES hinterfragt werden. Daher ist das "virtual home" auch ein politisches Statement."
Herzog, der sich früher von selbstgedrehten Videofilmen, gefundenen Fotos und Bauten aus Legosteinen inspirieren ließ, widersprach allerdings ausdrücklich der Auffassung, daß der Cyberspace ein "reiner Raum der Ideen" sei, die seiner Ansicht nach ein Produkt der platonisch-idealistischer Philosophie sei, die das abendländische Denken bis heute prägten. Herzog: "Dabei ist diese materielle Welt hier der Stoff, aus dem alles entsteht - auch alle Träume." Sein Haus im Internet sei für ihn darum nicht anders als jeder andere Auftrag, denn jedes Projekt sei zunächst virtuell.
Die übrigen Beiträge wären bei einer Projektpräsentation von Architekturstudenten wohl nicht weiter aufgefallen: Alejandro Zaera-Polo (London) hatte aus Möbiusschleifen seltsame Bauten entwickelt, die wie Marsstädte in alten SF-Filmen aussahen, und bei den Beiträgen von Peter Eisenman (Chicago) und Daniel Liebeskind (Berlin) war nicht herauszufinden, ob es sich um Gebäudeentwürfe, Skulpturen oder erste Gehversuche mit einem CAD-Programm handelte. Klinken fehlten übrigens auch, und das "virtuelle Haus" bleibt weiter virtuell, wie es sich gehört. Gewonnen hat den Wettbewerb dann übrigens keiner, weil die Jury (u.a. Rebecca Horn) keine Noten vergeben wollte.