Diese Buch hat lange gefehlt: eine fundierte und faktenreiche Darstellung der Arbeit von Gerry Schum, der selbst in seinem Heimatland Deutschland bis heute nicht so bekannt ist, wie er es verdient hätte. Dabei war er Anfang der 70er Jahre nicht nur einer der umtriebigsten Propagandisten aktuellster Kunstrichtungen, sondern auch einer der wichtigsten Anreger der sich in Deutschland gerade entwickelnden Videokunst. Doch die einzige Publikation, die sich bisher mit Schum beschäftigte, ist der schwer aufzutreibenden Katalog einer Ausstellung in Rotterdam, die 1980 stattfand. Bedauerlich, daß der atemberaubende Preis für die vorliegende Dissertation von Christiane Fricke wohl verhindert dürfte, daß dieses Buch von einer größeren Kunstöffentlichkeit rezipiert werden wird.

1969 und 1970 produzierte Schum für die ARD zwei "Fernsehgalerien", die einige der damals avanciertesten Künstler aus Land Art, Konzept- und Prozeßkunst (wie Dennis Oppenheim, Lawrence Weiner, Richard Serra, Gilbert & George, Daniel Buren, Joseph Beuys, Mario Merz, Robert Smithson u.a.) ins deutsche Fernsehen brachten. Einige dieser Künstler hätten sich ohne Schums Anregung wohl nicht mit den Medien Video und Fernsehen beschäftigt.

Im Gegensatz zu den üblichen Fernseh-Kultursendungen zeigten Schums "Fernsehgalerien" keine Berichte über Künstler, und auch keine Dokumentation von Happenings und Aktionen, sondern Arbeiten, die speziell für die Präsentation im Fernsehen entwickelt worden waren: "Das Kunstereignis findet im Augenblick der Sendung statt", hieß es 1969 in einer Ankündigung der Fernsehgalerie.

Dieses rigide, wenig auf Vermittlung angelegte Konzept verhinderte eine Forsetzung der Fernsehgalerie. Nachdem in der zweiten Sendung mit dem Titel "Identifications" unter anderem kommentarlos gezeigt wurde, wie Rainer Ruthenbeck einen Stapel Papier Blatt für Blatt zerknüllte oder Joseph Beuys einen Fernseher mit einer Blutwurst bearbeitete, fand Schum keinen Sender, der eine dritte "Fernsehgalerie" produzieren wollte. Er eröffnete in Düsseldorf eine "Videogalerie" und war als Video-Kurator des Essener Folkwang-Museums im Gespräch. Sein Selbstmord 1973 beraubte die sich gerade entwickelnde Videokunstszene in Deutschland eines ihrer wichtigsten Vermittler.

Christiane Fricke hat in ihrer Doktorarbeit umfangreichstes Material über Schum zusammengetragen: ihre gründlich recherchierte Arbeit beschreibt Schum gleichzeitig als Produkt und als brillianten Katalysator zeitgenössischer Kunstströmungen. Bereits 1967 drehte Schum, zu dieser Zeit noch Student an der Berliner Filmakademie, einen Film über Multiples, der den Titel "Konsumkunst-Kunstkonsum" trug. Wie Fricke zeigt, war die "Fernsehgalerie" im Grunde nur eine konsequente Fortsetzung der Idee der Multiples: diese galten als besonders demokratische, da leicht zu vertreibenden und billig zu erwerbenden "Kunst- Serienproduktionen".

Die künstlerische Arbeiten im Fernsehen waren eine Weiterführung dieser Vorstellung: statt materieller Kunstobjekte vertrieb Schum immaterielle Kunstwerke über das Fernsehen, die nicht in der "Kunstaura der Museen und Galerien" (Schum), sondern im Wohnzimmer des Zuschauers erlebt werden konnten. Diese Arbeiten sollten "zur progressiven Veränderung des kulturellen und sozialen Lebens" beitragen" und "nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Kunst in absehbarer Zukunft realisierbare Veränderungen anstreben." So erscheint Schums "Fernsehgalerie" aus heutiger Sicht als Produkt des Zukunfts- und Fortschrittsoptimismus der 60er Jahre, gleichzeitig aber auch als eine frühe Form der "Institutional Critique", des gezielten Umgehens der Institutionen des Kunstbetriebs.

Schum hatte das Glück, sich zu einer Zeit für Kunst zu interessieren, als diese sich in eine Richtung entwickelt hat, die eine Dokumentation mit bewegten Bildern fast unumgänglich machte: kleinste Gesten und Aktionen, wie zum Beispiel das Umstoßen einer Wassertonne (Rinke) oder einfach das unbewegte Herumsitzen in einer englischen Parklandschaft (Gilbert & George), hatten den Rang künstlerischen Ausdrucks. Auch für die "Land Art"-Künstler, die ihre Arbeiten zum Teil weit weg von jeder Öffentlichkeit in der Wildnis realisierten, waren Videoaufnahmen eine gute Gelegenheit, um ihre Werke wieder einem Kunstpublikum zu vermitteln. Schum war zur rechten Zeit am rechten Ort, und seine beiden "Fernsehgalerien" sind heute exzellente Dokument einer der experimentiertfreudigsten Epochen der modernen Kunst.

Christiane Fricke stellt die Entstehung der Fernsehgalerien und auch der Arbeiten, die Schum für seine Düsseldorfer Videogalerie produzierte, minutiös dar. Sie hat nicht nur Interviews mit vielen der beteiligten Künstler und Mitarbeiter Schums geführt, sondern auch seine gesamte Korrespondenz mit den ARD-Sendeanstalten aufgearbeitet. Obwohl Fricke der Person und der privaten Biographie Schums wenig Beachtung schenkt, sondern sich auf seine Arbeiten beschränkt, wird durch die vielen Zitate aus Briefwechseln, Zeitungsartikeln und Briefen auch die westdeutsche Kunst- und Medienszene dieser Zeit lebendig. Leider fehlt allerdings eine Dokumentation von Schums eigenen Texten im Orginal, diese muß man sich aus den zitierten Passagen im Text selbst zusammensuchen.

Der einzige Aspekt, den die Autorin etwas vernachlässigt, ist Gerry Schums Zeit an der Berliner Filmakademie (DFFB). Zwar zitiert sie auch hier aus seinen Studentenakten, übersieht dabei jedoch das studentische Umfeld, in dem Schum ein absoluter Fremdkörper gewesen sein muß. Zusammen mit Schum studierten an der DFFB damals einige der wichtigsten Autorenfilmer der 70er Jahre (u.a. Helke Sander, Harun Farocki, Hartmut Bitomksy). Daß Schum die damals die europäische Filmszene prägende Idee vom Autorenfilm hinter sich ließ, und statt dessen als Produzent und Organisator hinter seine Arbeiten zurücktrat, wäre sicher den ein oder anderen Gedanken wert gewesen.

Christiane Fricke: "Dies alles Herzchen wird einmal dir gehören" - Die Fernsehgalerie Gerry Schum 1968 - 1970 und die Produktionen der Videogalerie Schum 1970 - 1973, Peter Lang Verlag 1996, (Bern, Berlin, Frankfurt am Main, New York, Paris, Wien), 517 Seiten, 128 DM