VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Brian Eno macht es dem Berichterstatter leicht. In einer Dreiviertelstunde Pressekonferenz gibt er höflich und mit britischen Humor gewürzt so viele druckreife Dinge von sich, dass man mit dem Mitschreiben kaum hinterher kommt. Das einzige Problem ist, dann so viele wie möglich in 100 Zeilen unterzubringen.

Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, wie der Künstler mit vollem Namen heißt, begann seine Karriere als Keyboarder von Roxy Music, hat U2 und David Bowie, die Talking Heads und Coldplay produziert, selbst 156 Alben gemacht und an hunderten weiteren Singles und Alben mitgewirkt. Seit den 80er-Jahren schafft Eno auch Videoinstallationen, hat an Computerprogrammen und einer Smartphone-App mitgewirkt, die automatisch Musik generieren, und gilt als Begründer der Ambient Music. Dabei stellt er bei einem Auftritt in Berlin gleich als erstes klar, dass er eigentlich nichts zu sagen hat: Seine künstlerische Arbeit sei mit der eines Gärtners zu vergleichen, der ein Beet anlegt und dann zusieht, was dort wächst. Auch "Empty Formalism", die Arbeit, wegen der Eno nach Berlin gekommen ist, wird von einem Computer geschaffen. Nach zuvor definierten Regeln entstehen immer neue Klänge und abstrakte Bilder. "Jede Kombination ist einmalig, und man wird sie niemals wieder sehen", sagt Eno. "Alles an dieser Arbeit ist flüchtig." Gezeigt wird sie bis 6. April im abgedunkelten Innenhof des Gropius-Baus im Hexadome der Musikinitiative Institute for Sound und Music. Das ist eine Iglu-artige Kuppel mit sechs Videoleinwänden und einem Raumklangsystem, das am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) ausgetüftelt wurde, um Kombinationen von Musik und Kunst zu präsentieren. Nach Enos "Empty Formalism" folgen bis 22. April weitere Performances, Konzerte und Installationen, etwa von Thom Yorke (Radiohead), Frank Bretschneider und Holly Herndon.

Ein andächtig auf dem Boden lauschendes Publikum hört langsame Synthesizerklänge, während sich auf den Leinwänden Kreise und Streifen in leuchtend bunten Farben abwechseln. Den Vorwurf, dass das alles nur hübsche Form ohne tiefere Bedeutung ist, hat Eno schon mit dem Titel der Arbeit den Wind aus den Segeln genommen: "Diese Ausstellung ist ein leerer Formalismus. Ich wollte Bilder schaffen, die wie Musik sind, und Musik, die wie ein Bild ist." Das Publikum soll sich dem einfach hingeben und den Klängen und Bildern keinen Widerstand entgegensetzen, sagt Eno. Dann muss er lachen, denn "ich selbst kann keine zehn Sekunden lang meditieren. Wenn ich mich zum Meditieren hinsetzte, fange ich gleich an, mir Notizen zu machen."

Dann entwickelt er aus seinen Kompositionsmethoden noch schnell eine politische Theorie des Anarchismus. Kritisiert kurz den Internet-Liberalismus des Silicon Valley, dessen Konsequenz Skandale wie derzeit der um Facebook und Cambridge Analytica seien. Und lässt zum Schluss noch einige Betrachtungen über Smartphones und die physiologischen Auswirkungen ihres blauen Monitorleuchtens folgen. Auch wenn er im Mai 70 wird, ist Brian Eno Zeitgenosse geblieben.

Empty Formalism, bis 6. 4., Gespräch mit Brian Eno, 31. 3., 19 Uhr, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7

--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---

Bildunterschrift: BERLINER FESTSPIELE Ewiger Zeitgenosse: Brian Eno