Der Gott in der Maschine

In christlichen Computerspiele aus den USA muss man gegen den Satan persönlich kämpfen

Von Tilman Baumgärtel

„Setz Dich zu uns, ich will Dir eine Geschichte erzählen“, sagt der bärtige Wirt hinter der Theke der Schänke, während er uns ein Glas Wein einschänkt. Und er beginnt von einem Helden zu berichten, der aus Deutschland aufgebrochen sei, um die Gutenberg-Bibel zurück zu holen. Die habe nämlich der Teufel gestohlen, damit sich Gottes Wort nicht in der ganzen Welt verbreiten könne. Und, schwupps, finden wir uns im Inneren einer ägyptischen Sphinx wieder. In diesen unterirdischen Kammern und endlosen Labyrinthen muss der Höllenfürst das gute Buch versteckt haben.

Aus dem Nichts steht ein Priester mit einem Hundekopf vor uns, und nur ein paar beherzte Hiebe mit unserer geweihten Lanze retten uns vor seinem Angriff. Kaum hat er sich in eine Reihe von Energieringen aufgelöst, senkt sich von der Decke ein Holzgitter mit angespitzten Pflöcken auf uns herab. Nur wer schnell genug durch einen Gang voller Löcher im Boden flitzt, hat eine Überlebenschance. Verschlagenes Höllengesindel!

Keine Sorge, wir sind nicht in einer christlichen Angsttraum. Mit diesen Szenen beginnt das Computerspiel „Ominous Horizons: A Paladin’s Calling“. Das Actionspiel gehört zu einer Reihe von neuen Games aus den USA, in denen man nicht gegen Außerirdische oder wildgewordene Mutationen aus dem Gen-Labor kämpfen muss, sondern gegen einen viel älteren Feind: Luzifer höchstpersönlich. Wer wird da schon kleinmütig einwenden, dass das Besondere an der Gutenberg-Bibel gerade war, dass sie durch den Druck vervielfältigt wurde? Oder bemängeln, dass – anders als in dem Spiel – die alttägyptischen Sphinxen keinen Keller hatten, in dem man Bibeln verstauen konnte? Und dass in ihnen kaum Bauchtanz-Musik im Hintergrund vor sich hin dudelt? Schließlich geht es hier gegen den Erzfeind selbst.

“Es gibt zu viele Computerspiele, in denen der Teufel immer siegt oder einer der stärksten Charaktere ist“, sagt Ralph Bagley, der Chef der christlichen Computerspiel-Firma N’Lightning, die „Omnious Horizons“ produziert hat. Schon in dessen Vorgänger „Catchumen“, dem ersten Spiel der Firma, kämpft man auf der Seite der verfolgten Christen im antiken Rom unter Nero gegen die Armeen der Nacht. Mit dem Flammenschwert muss man den Herrn der Finsternis dahin zurück schicken, wo er herkam – in die Hölle nämlich. Nur mit viel Geschicklichkeit an Mouse und Tastatur beweist man, dass nichts stärker ist als die Macht des Glaubens. Damit „das Licht über die Dunkelheit“ siegt, reist man in „Ominous Horizons“ im 15. Jahrhundert um die ganze Welt. In einer schottischen Burg, in einem japanischen Fort oder in einem Maya-Tempel tritt man gegen die Dämonen der Unterwelt an: „Zeig es Satans Sklaven“, wirbt das Unternehmen auf seiner Website für das Spiel. Die letzte Schlacht findet gar in Luzifers Schloss selbst statt.

Damit verweist das Spiel auf ein Motiv, das auch aus anderen Computerspielen bekannt ist: der Kampf gegen furchtbare Bestien aus einer anderen Welt. In vielen Games geht es zu, als hätten sich die Pforten der Hölle geöffnet und als würden ihre Kreaturen die Erde überschwemmen. Die Bildsprache dieser Spiele hat mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Darstellungen der Apokalypse. Die Monster, gegen die man in Ballerspielen wie „Doom“ oder „Half-Life“ antritt, wirken oft, als kämen sie direkt aus der Offenbarung des Johannes, bzw. aus Hieronymus Boschs Darstellungen derselben: Drachen, Höllenhunde, „Heuschrecken groß wie Rosse“ (Offb. 9,7) greifen den Spieler an.

Die christlichen Spiele führen eine Tendenz zu ihrem logischen Ende, die viele Games unausgesprochen prägt. Computerspiele haben eine theologische Neigung, die ihnen quasi einprogrammiert ist. Die Theologie der Computerspiele geht weit hinaus über die Motive von Hölle, Apokalypse, ewiger Verdammnis. Die extrem erfolgreichen Spiele „Sim City“ und „Die Sims“ machen den Spieler gleich selbst zu einem Gott, der seine eigene Welt aufbauen oder zerstören kann. Auch in dem Strategiespiel „Black & White“ schleudert man mit göttlicher Hand Blitze oder lässt Nahrung wachsen, heilt die Kranken oder brennt ihre Dörfer nieder. Und die Spielfiguren beten den Spieler an – aus Dankbarkeit oder aus Furcht, je nachdem, wie man sie behandelt. Etwas blasphemisch heißt dieses Genre „God Games“.

Im Grunde ist freilich jedes Computerspiel ein Gottspiel, dem eine quasi theologische Botschaft einprogrammiert ist. Es gibt eine in sich geschlossene Schöpfung. Es gibt genau definierte Regeln, was in dieser Welt richtig und falsch ist. Und es gibt Sanktionen, wenn man sich nicht an diese Regeln hält. Der Gott in der Maschine will, dass man ihm gehorcht. Die „explizit christlichen“ Themen in Spielen wie „Omnious Horizons“ sind nur die logische Konsequenz aus der Tatsache, dass man bei Computerspielen mit einem Computerprogramm interagiert. Programme haben keine Geduld mit halben Wahrheiten, sie wollen den einen, einzig richtigen Input. Computerspiel-Pionier Nolan Bushnell, der Gründer der Spielefirma Atari, beschreibt es so: „Es gibt bei Games ein kontrollierbares und verständliches Universum, das vollkommen vorhersagbar ist.“ Früher lieferte die Kirche ein solches kontrollierbares Universum. Heute machen ihr dabei ausgerechnet Computerspiele Konkurrenz, indem sie ihren Usern einen übersichtlichen Kosmos liefern: Es gibt einem „von oben“ vorgegebenen Plan, dem man folgen muss. Für Abweichungen von rechten Weg wird man bestraft: Game over!

In den USA gibt es schon länger Computerspiele mit christlichem Inhalt. Den meisten größeren Kirchen gehören dort eigene Verlage, Tonstudios oder Videofirmen. Die versorgen die Amerikaner mit erbaulicher Literatur, frommen CDs und Predigt-Videos. Der Großmarkt Wal-Mart hat sogar schon eigene Abteilungen für „christian music“ eingerichtet.

Im vergangenen Jahr wurden schätzungsweise 3,9 Milliarden Dollar für christliche Publikationen in allen medialen Formaten ausgegeben. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich fromme Unternehmer auch dem umkämpftesten Medienmarkt der USA zuwenden würden: Computerspielen.

In den traditionelleren Games musste man meist recht brav biblische Ereignisse wie Moses Gang durch das Rote Meer nachvollziehen. Doch die neueren Spiele, die in den letzten Monaten erschienen sind, orientieren sich an den gemeinhin verteufelten Ego-Shootern. Das Spiel „Eternal War“ benutzt sogar dieselbe Technologie wie das berüchtigte Ballerspiel „Quake“. „Wir wollen den Leuten keine christliche Botschaft aufzwingen“, sagt Mackenzie Ponech von der Firma „Two Guys Software“. „Wir wollen den Menschen zeigen, wie man den dunkleren Seiten des Lebens begegnen kann, ohne dauernd mit der Bibel herum zu wedeln.“

Das klingt fast wie Psychotherapie per Computerspiel: In ihrem Spiel „Eternal War“ muss man die Seele eines „troubled Teenager“ namens John Coronado retten. Der an der Welt verzweifelnde Johannes lebt verloren in Ängsten und Alpträumen und steht kurz vor dem Selbstmord. Wir sind ein Engel, denn Gott zu seiner Rettung schickt. Dazu müssen wir mit ihm gegen seine Dämonen kämpfen, die hinter jeder Ecke warten.

Auch in „Saints of Virtue“ kämpft man um eine arme Seele, in diesem Fall allerdings die eigene: “Die Reise ist beschwerlich und lang, aber Du trägst die Rüstung Gottes, die Dir helfen wird“, wirbt die Firma Shine Studios für ihr Spiel. Dabei muss man unter anderen gegen im „New Age Nirwana“ oder im „Amphitheater der Apathie“ gegen gottlose Gegner antreten. Die Vorstellungswelt, die „Saints of Virtue“ zu Grunde liegt, ähnelt in vielem dem Weltbild, das von christlichen Fundamentalisten-Sekten in den USA gepflegt wird. „Du wirst“, heißt es in der Beschreibung des Spiels, „mit Bereichen konfrontiert werden, die von Weltlichkeit, Verzweiflung, Einsamkeit und den Medien geprägt sind. Du musst diesen Ablenkungen vom christlichen Weg widerstehen.“

Diese Spiele können freilich in punkto Grafik und Gestaltung der Figuren nicht mit kommerziellen Großproduktionen wie „Half-Life“ konkurrieren. An denen arbeiten inzwischen Teams von bis zu 50 Programmierern und Gestaltern mit Millionenbudgets. Bei „Eternal Wars“ waren es gerade mal zwei Programmierer, die einen Kredit bei der Freundin des einen aufgenommen hatten. Um Gottes Gnade Gottes, die einem am Ende des Spiels in Form von bunten Lichtblitzen begegnet, wirklich erhebend zu finden, braucht man schon einen recht tiefen Glauben.

Internet-Adressen

Eternal War, Shadows of Light

http://www.twoguyssoftware.ca/

Ominous Horizons, Catchumen

http://www.n-lightning.com/

Saints of Virtue

http://www.saintsofvirtue.com/