Wenn man bei dem Buch- und Videoversand Amazon nach Werken von Harun Farocki sucht, werden einem drei Bücher und ein Video angeboten. Man würde erwarten, dass das Verhältnis mindestens umgekehrt ist. Schließlich ist Farocki in erster Linie ein Filmregisseur. Allerdings ist er unter den deutschen Filmemachern der Nachkriegszeit wohl derjenige, dessen Werk am stärksten an Literatur und Theorie ausgerichtet ist.

Als einer der Achtundsechziger des deutschen Kinos hat er über 80 Arbeiten für Kino- und Fernsehen produziert, die ihn als Autoren von Dokumentar- und Essayfilmen weltweit bekannt machten. Seit er 1997 an der documenta teilnahm, ist er immer stärker in der Kunstszene wahrgenommen worden. Und auch das vorliegende Buch mit Texten von Farocki, das zweisprachig als Kooperation des Berliner Verlags Vorwerk 8 und der New Yorker Verleger Lukas & Sternberg erscheint, ist von einer Kunstinstitution herausgegeben worden: vom Westfälischen

Die Auswahl der Beiträge beschränkt sich auf Texte, die in leicht erreichbaren Medien wie der "tageszeitung" oder der "Filmkritik" erschienen sind und den meisten Farocki-Fans bekannt sein dürften. Sie schließt die Texte Farockis aus APO-Zeiten ebenso aus wie seine längeren Essays. Bei dem Umfang der in Frage kommenden Texte ist eine alle Ansprüche befriedigende Auswahl freilich schwer bis unmöglich.

Bedauerlich bleibt, dass es inzwischen wesentlich leichter ist, über Farockis Filme zu lesen als sie zu sehen. Es gibt zwei Bücher von und zwei Bücher über Farocki, aber nur einen einzigen Film als Kaufvideo. Inzwischen existieren vollständige Video-Retrospektiven von RegisseurInnen wie Werner Nekes und Dore O. Aber wer einen Film von Farocki sehen möchte, muss eine der seltenen Wiederholungen im Fernsehen abpassen. Langsam verschwinden die Filme von Farocki hinter bedrucktem Papier. (tel.)

Harun Farocki: Nachdruck/Imprint. Herausgegeben von Susanne Gaensheimer und Nicolaus Schafhausen. Vorwerk 8, Berlin 2001, 324 S. 34 Mark.