Die amerikanische Politkunstgruppe ®™ark finanziert subversive Aktionen „Frank“ und „Ernest“ heißen die beiden Mitglieder von RT Mark, die mir beim Interview gegenübersitzten. Nachnamen haben sie nicht, „Ernest“ ist eine Frau, und es fehlt nur noch, daß die beiden Sonnenbrillen und falsche Bärte tragen. Die Geheimnistuerei hat einen Grund, denn die Hauptaufgabe von RT Mark (sprich: arty mark, ein Wortspiel mit Trademark und „Arty“ (künstlerisch)) besteht darin, subversive Aktivitäten zu finanzieren. Die amerikanische Anarcho- Künstlergruppe bietet finanzielle Mittel für Leute an, die großen Konzernen kleine Streiche spielen wollen. Auf ihrer Website (www.rtmark.com) haben sie verschiedene „Fördertöpfe“ für subversive Aktivitäten eingerichtet. „Powered by RT mark“ sampelte ein amerikanische Musiker eine CD aus Stücken des amerikanischen Popstars Beck zusammen. Beck, der seine Kompositionen selbst gerne mit Material aus Songs von anderen aufwertet, drohte mit einer Klage, und die Medien berichteten weltweit über den eingeschnappten Popmusiker. Auch schwule Bomberpiloten, die ein Programmierer in das Ballerspiel „SimCopter“ eingeschmuggelt hatte, und Barbies, die plötzlich kriegerische Töne klopften, gingen auf das Konto von RT Mark. Beim österreichischen Medienfestival Ars Electronica, das 1998 unter dem Motto "InfoWar" stand, hatte RT Mark einen Preis für die beste Info-Waffe ausgeschrieben. Die Gewinner waren die Bewohner des mexikanischen Dorfs Popotla (http:// rtmark.com/popotla.html), vor dessen Küste vor drei Jahren die Dreharbeiten zum Hollywood- Spektakel "Titanic" stattfanden. Um die Dorfbewohner vom Set fernzuhalten, hatte das Filmteam eine hohe Betonmauer hochgezogen, hinter der gedreht wurde. Die Mexikaner schmückten die Mauer mit einem Wandbild aus Müll. Für diese "bemerkenswerte Low-Tech-Geste gegen eine unerfreuliche High-Tech- Situation" wollten RT Mark die Mexikaner bei dem österreichischen Medienfestival ehren. Pikanterweise erhilten die Macher von "Titanic" für ihre digitalen Spezialeffekte bei der Ars ebenfalls einen Preis. Ein Treffen zwischen den Mexikanern und den amerikanischen Filmemachern, das RT Mark organisieren wollten, kam allerdings nicht zustande. Politische Subversion oder bloßes Kokettieren mit dem Reiz des Verbotenen? Ein Gespräch mit der Politkunstgruppe, die keine Kunstgruppe mehr sein will. ?: Mit der Finanzierung von subersiven Aktionen habt Ihr in der letzten Zeit in der Kunst- und Internetszene auf Euch aufmerksam gemacht. Könnt Ihr eure Strategie erklären? „Ernest“: Wir besorgen Geld für subversive Aktionen und die Sabotage von Produkten, und wir machen Werbung für diese Aktionen, damit sie auch in die Medien kommen. Wir haben eine Datenbank im Internet, in der es eine Liste von all unseren Projekten gibt. Aus der erfährt man, wie man sich beteiligen kann. Dort kann man Geld spenden, und wenn man mitarbeiten will, kann man uns eine Email schicken. ?: Wißt Ihr, wer Euch Geld spendet? „Frank“: Die meisten sind Kleinanleger, die um die hundert Dollar geben. Mehrere tausend Dollar sind selten. Das meiste sind wohl ganz normale Leute. Wir fragen nicht nach ihren Namen... ?: Und Ihr tragt das Risiko bei diesen Aktionen? „Frank“: Wir operieren wie ein Wirtschaftsunternehmen. In den USA haben Unternehmen die selben Rechte wie Individuen. So minimieren die Leute, die Unternehmen führen, ihr Risiko. Wenn ihre Firma jemanden umbringt, oder ein Dorf in Mexiko dem Erdboden gleichmacht, dann sind sie nicht persönlich haftbar, sondern das Unternehmen übernimmt die Verantwortung. Im schlimmsten Fall wird das Unternehmen geschlossen, aber der verantwortliche Manager muß so gut wie nie ins Gefängnis. ?: Was waren Eure erfolgreichsten Aktionen? „Ernest“: Wir haben der Barbie Liberation Organisation Geld dafür gegeben, daß sie in einem Supermarkt die Sound-Chips von Barbie- und G.I.

Joe-Puppen augetauscht haben. Danach haben die G.

I-Joes gefragt: „Wanna go shopping?“. Und die Barbies sagten: „Dead Men tell no lies“. Außerdem hat ein Computerprogrammierer in unserem Auftrag bei dem Videospiel „SimCopter“ zwei küssende Jungs versteckt. Von dieser manipulierten Version sind einige hundert Stück in den Handel gekommen, bevor das jemand aufgefallen ist. Das Geld kam von einem Ladenbesitzer, einer der wenigen Fälle, in dem wir wissen, wer für die Aktion gespendet hat. ?: Und was war für Euch der Erfolg daran? Daß dieses Spiel in den Handel kam, oder das die Medien darüber berichtet haben? „Frank“: Die Medienberichterstattung. Wenn man mit seinen politischen Aktivitäten wahrgenommen werden will, muß man sie publizieren, also in die Medien bringen. Die amerikanische Künstlergruppe „Act Up“ war ein frühes Modell dafür. Die hatten verstanden, daß politischer Aktivismus im ausgehenden 20. Jahrhundert bedeutet, ihn in die Medien zu transportieren, weil man sonst überhaupt nicht wahrgenommen wird. Wenn man eine subversive Aktion durchführt, und niemand erfährt davon, dann hat sie eigentlich gar nicht stattgefunden. ?: Aber bei „Act up“ ging es um ein aktuelles politisches Thema - nämlich um AIDS. Bei Euch scheint es fast ein Selbstzweck zu sein, in die Medien zu kommen... „Ernest“: Nein, uns geht es um mehr. „SimCopter“ ist zum Beispiel absolut macho und aggressiv. Dadrin zwei knutschende Piloten unterzubringen, ist ganz schön radikal. ?: Glaubt Ihr, daß das die Art und Weise, wie die Leute über diese Spiele denken, ändern wird? „Frank“: Nein, aber es macht deutlich, wie diese Computerspiel wirklich sind. Auch eine Barbie-Puppe, die plötzlich „Kämpfen! Kämpfen!“ sagt, wird vielleicht nicht sofort etwas bewirken. Aber daß überhaupt über sowas gesprochen und berichtet wird, ist ein Erfolg. Damit erreichen wir nämlich ein großes Publikum. Wir richten uns nicht in erster Linie an ein Kunstpublikum, sondern an die gesamte Öffentlichkeit. RT Mark ist kein Kunstprojekt, es geht viel weiter. ?: Aber an wen richten sich Eure Aktionen? An das arme, kleine Mädchen, das plötzlich eine Barbie-Puppe hat, das militaristische Sprüche klopft? „Ernest“: Nein, von denen gab es ja nur 300. Aber es wurde soviel über diese Aktion berichtet, daß wir mit unseremn Thema viele Leute erreicht haben. Über die Barbie-Aktion wurde auf CNN und bei allen großen Sendern in den USA berichtet. Und ich glaube schon, daß die Leute dadurch zum Nachdenken gebracht werden: „Hm, vielleicht sollten Kinder nicht von ihren Puppen in den Krieg geschickt werden...“ ?: Vielleicht kichern die Leute auch nur kurz, wenn sie das im Fernsehen sind, ohne weiter darüber nachzudenken... „Frank“: Es geht uns darum, da ein bißchen Widerstand möglich zu machen, wo es normalerweise keinen gibt. Darum ist die Presse auch so wichtig für uns. Wir wollen diese kurze Momente des Widerstands sichtbar machen. „Ernest“: Wenn die Leute darüber lachen, wenn sie das bei CNN sehen, hat es vielleicht keinen sofortigen Effekt, aber langfristig löst es schon etwas aus. Sowas bleibt hängen, an eine gute Aktionen erinnern sich die Leute noch lange. Das hoffen wir jedenfalls... ?: Wenn es Euch darum geht, die Leute zum Lachen zu bringen, bietet ihr aber vor allen Dingen Unterhaltung... „Ernest“: Ja, was wir machen, IST Unterhaltung. Wir benutzten die Methoden von Werbung und Entertainment. „Frank“: Heute sind doch sogar die Nachrichten Unterhaltung, besonders in den Vereinigten Staaten. Man kommt überhaupt nicht ins Fernsehen, wenn man nicht auch unterhaltsam oder komisch ist. Wenn man Informationen über eine giftige Müllkippe verbreiten will, muß sie schon sehr gefährlich sein, damit sich überhaupt jemand dafür interessiert. Und selbst dann kostet so eine Kampagne noch viel Geld. Wenn man keine großen Mittel hat und trotzdem etwas kommunizieren will, muß man es einfach unterhaltend machen. ?: Findet Ihr das nicht seltsam? Firmen wie Matell, die die Barbiepuppen herstellt, gehen doch sonst sehr aggressiv gegen Leute vor, die mit ihren Puppen Unfug anstellen. Matell haben doch sogar Künstlern, die mit ihren Puppen arbeiten, Anwälte auf den Hals geschickt. „Ernest“: Das war eine einmalige Aktion. Wenn die Barbie Liberation Front tausende von Puppen produziert hätte, wäre das etwas etwas anderes gewesen. Auch bei SimComputer war es nur ein Programmierer, der aus der Reihe getanzt ist. Der wurde natürlich sofort gefeuert, aber weitere rechtliche Konsequenzen gab es nicht. Ihm war’s egal. RT Mark wollen in so einem Fall ein kleines Sicherheitsnetz bieten. Die 5000 Dollar, die er von uns bekommen, haben ihm den Übergang von einem Job zu einem anderen erleichtert, de er übrigens fast sofort angeboten bekam. „Frank“: Ich glaube, daß alle subversiven Aktionen letztendlich für andere Zwecke vereinnahmt werden können. Darum muß man mehr subversive Aktionen machen, die dann auch wieder vereinahmt werden, und so weiter. Natürlich gibt es immer die Gefahr des „subversiven Schicks“. Es gibt keine absolute Reinheit, wenn man sich der herrschenden Kultur entgegenstellt, weil diese selbst nicht rein ist. ?: Wie wichtig ist das Internet für Eure Arbeit? „Frank“: Sehr wichtig. Als wir gemerkt haben, daß wir mit dem Netz arbeiten können, ohne unsere Anonymität aufzugeben, haben wir sofort angefangen, ohne es zu benutzten. Jetzt publizieren wir unsere Aktivitäten nur noch im Netz. Für Gruppen, die kein Geld haben, ist das perfekt. Wir müssen ein bißchen Geld für unsere Website zu bezahlen, aber das ist wenig, wenn man vergleicht, was es kosten würde, Pressemitteilungen zu verschicken. „Ernest“: Außerdem leben wir in den ganzen USA verstreut, und das Internet ist die beste Methode, um trotzdem zusammenzuarbeiten. rt mark im Internet: http://www.rtmark.com/