VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Was ist eigentlich unheimlicher? Wenn ein Hologramm des französischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon auf offener Bühne mit Grabesstimme Heines "Weberlied" anstimmt? Oder wenn das Publikum das Lied (das in Frankreich von Yves Montand bekanntgemacht wurde) mitsingt, das von einem einem Lichtreflex auf Kunststoff vorgetragen wird?
In dem soeben abgeschlossenen Präsidentschaftswahlkampf ist der unabhängige Kandidat Mélenchon seinem Publikum zweimal als körperloses Phantom erschienen. Das erste Mal sprach er live in Lyon und tauchte dann mit einem Fingerschnippen in einem Saal in Paris auf wie Captain Kirk, der mit dem Transporter seines Raumschiffs auf einen fremden Planeten gebeamt wird. Beim zweiten "Multi-Meeting" erschien das Gaukelbild des sozialistischen Politikers gar an sechs Orten gleichzeitig - unter anderem auf der Tropeninsel La Réunion, einem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean.
Die dabei verwendete Technik ist seit dem 19. Jahrhundert als Phantasmagorie bekannt. Damals wurde im Theater mit einer Laterna Magica ein Bild auf eine schräg stehende Glasscheibe projiziert. Heute sind es digitale Projektoren, die auf eine mit bloßem Auge kaum sichtbare Spezial-Folie ein Video werfen, das dadurch dreidimensional wirkt. Mélenchon war nicht der erste Politiker, der mit derartigen Auftritten seine Anhänger begeistern wollte. Bereits 2012 erschien der indische Politiker Narendra Modi wie der Avatar der Hindu-Mythologie gleichzeitig bei 88 Wahlveranstaltungen. Und 2014 schwebte eine überdimensionale Simulation von Recep Tayyip Erdogan bei einer AKP-Versammlung in Izmir ein, weil der Original-Präsident damit beschäftigt war, eine Korruptionsaffäre zu vertuschen. Auch Popstars wie Mariah Carey standen schon als Hologramm auf der Bühne, der Rapper Tupac Shakur und Michael Jackson sogar posthum.
Die tanzenden Leichen mögen als Showeffekt durchgehen, die Auftritte Modis und Erdogans als Hightech-Budenzauber für ein schlichtes Publikum, das - von orientalischem Wunderglauben durchdrungen - für Hokuspokus empfänglich ist. Aber was sagt es über eine Gesellschaft, wenn - wie im Fall Mélenchon - Hallen voller gebildeter Mittelständler buntem Licht auf Polyesterfolie zuzujubeln?
Als Tupac Shakur 2012 beim Cochella Festival in Kalifornien digital reanimiert seinen Gastauftritt hatte, übermannte manche Fans Tränen der Rührung. Das kann man als Zeichen dafür nehmen, dass die pessimistischen Vorhersagen des französischen Philosophen Jean Baudrillard eingetroffen sind: Wir leben nicht nur in einer Gesellschaft, die uns mit einer vollendeten Wirklichkeitssimulation umgibt. Nein, wir lassen es sogar zu, dass diese Simulation uns emotional berührt, obwohl wir genau wissen, dass sie nicht real ist."
Gleichzeitig ist der Auftritt von Tupac auch der Beginn eines Zeitalters, in dem ein Künstler nach seinem Tod nicht einfach als ungenutzte Ressource im Grab herumliegen darf. Ein Star ist heute ein Franchise, das immer weiter ausgewertet werden muss. Auch nach dem Ableben muss er als virtuelle Marionette noch mal ran, um als Phantom von der Festplatte Zombie-Gigs zu absolvieren.
Weniger "Walking Dead" denn "Der Dieb von Bagdad" war dagegen der Erdogan-Spuk in Izmir: Wie ein Dschinn aus der Wunderlampe schoss ein semi-transparentes, drei Meter großes Ebenbild des türkischen Ministerpräsidenten mit dramatischen Lichteffekten aus dem Bühnenboden. Unter tosendem Beifall levitierte die Politiker-Chimäre über seinen Fans wie das Prinzessin-Leia-Hologramm in "Star Wars". Allerdings war er nicht gekommen, um Obi-Wan Kenobi um Hilfe zu bitten, sondern um seine Anhänger zu warnen: ein "Netzwerk von Verrätern" würde "Angriffe vorbereiten". Der gespenstische Auftritt passte zum Narrativ von den dunklen Mächten, gegen die der scheinbar von innen leuchtende Erdogan einen einsamen Kampf führt.
Gustav Le Bon hat in seinem Buch "Die Psychologie der Massen" als wichtigste Eigenschaften von Führern deren "Nimbus" genannt, einen unerklärlichen "Zauber, den eine Persönlichkeit (...) auf uns ausübt" und "alle unsre kritischen Fähigkeiten" lähmt. Donald Trump musste während des US-Wahlkampfs seinen 70jährigen, korpulenten Leib fast täglich auf eine andere Bühne hieven, um durch ununterbrochene Live-Auftritte diese Art von Nimbus zu erzeugen. Erdogan besitzt einen derartigen Nimbus für seine Anhänger schon lange. Selbst wenn er seinen Text als Hologramm kunstlos herunterschnurrt, tobt der Saal.
Dagegen wirkte der Einsatz des Hologramms durch Jean-Luc Mélenchon wie eine pfiffige Notlösung für den vielbeschäftigten Politiker von heute, der keine Zeit hat, die ganzen Provinzstädte abzuklappern und sich stattdessen mal eben aus Paris rüber teleportiert. Bei seinem Auftritt erschien er wie ein Zauberer, der über seine eigenen Kunststücke staunt. Zu seinem Abschneiden bei der Wahl (19,6%) dürfte sein rhetorisches Talent und sein Old-School-Sozialismus mehr beigetragen haben als sein Auftritt als virtuelle Chimäre.
Allerdings hat ihn deswegen auch niemand ausgelacht. Dem Nimbus von Politikern scheint die Virtualisierung nicht mehr zu schaden. Walter Benjamin hat einst gewarnt, dass die Fotografie ihrem Gegenstand die Aura - letztlich ein anderes Wort für Nimbus - nehmen würde. Heute dient ein Gig als Hologramm dem Nimbus einer Person möglicherweise noch - vor einem Publikum, das sich daran gewöhnt hat, wie die gefesselten Zuschauer in Platos Höhle die Phänomene der Welt passiv als Schemen an der Wand (oder auf Plastikfolie) zu beobachten.
Mal sehen, ob ein deutscher Politiker beim Bundestagswahlkampf in diese Trickkiste greift.
Dem Nimbus von Politikern scheint die Virtualisierung heute nicht mehr zu schaden.
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Bildunterschrift: GETTY IMAGES Ein Künstler darf nach seinem Tod nicht einfach als ungenutzte Ressource im Grab herumliegen: Hologramm von Michael Jackson.