RUANGRUPA ÜBER BEUYS

Reza Afisina, Iswanto Hartono und Farid Rakun

?: Wie haben Sie den deutschen Künstler Joseph Beuys kennen gelernt?

Iswanto Hartono: Ich habe seine Arbeiten schon als Student in Büchern und Katalogen gesehen. Beuys ist auch in Indonesien bekannt und hat dort Künstler beeinflusst. 2009 hatte ich dann einen Residency in Düsseldorf und die Kunstsammlung dort hat eine Riesensammlung seiner Arbeiten.

Reza Afisin: Auch ich habe zuerst im Studium von Beuys gehört. Dann hatte ich zur selben Zeit, in der Iswanto in Düsseldorf war, einen Studienaufenthalt in Hildesheim und dabei Gelegenheit, mehr über Beuys zu erfahren. Mich interessieren besonders seine Performances. Die waren für mich schon sehr Anti-Establishment, und das verbindet uns mit seiner Arbeit. Bei uns gibt es im Bereich der Performance-Kunst immer auch eine Annäherung an die Gesellschaft und uns interessieren auch ökonomische und soziale Aspekte und verschiedene Kulturen. Und wenn man die Performances von Beuys sieht, dann gibt es da auch diese Dimension. Seit ich hier in Kassel bin, erfahre ich allerdings viel über ihn, was ich nicht wusste, zum Beispiel, dass er bei der documenta 6 auch eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen und Workshops gemacht hat. Außerdem habe ich dieses Lied gehört, dass er mit einer Rockgruppe aufgenommen hat, bei der es um den amerikanischen Präsidenten Reagan ging…

?: Dass Beuys bei der documenta nicht nur seine Werke zeigte, sondern auch mit dem Publikum diskutierte, hatte auch mit seiner Vorstellung von einer „sozialen Skulptur“ zu tun, bei deren Produktion das Publikum einbezogen werden sollte. Auch bei Grupa Ruan spielt die Beteiligung der Betrachter eine Rolle. Sie haben das mit dem Begriff „Lumbung“ umschrieben – können Sie erklären, was Sie damit meinen?

Afisin: Als wir 2000 Ruan Grupa gegründet haben, hatten wir mit den großen politischen und sozialen Problemen zu kämpfen, die es in den letzten 20 Jahren ständig gab. 1998 war der langjährige Diktator Suharto zurückgetreten und in der folgenden Era Reformasi musste man seine eigenen Überlebensstrategien entwickeln. In Indonesien gibt es wie in allen sogenannten Entwicklungsländern – nur sehr wenig Unterstützung für die Kunst, und die ersten demokratisch gewählten Regierungen nach 1998 haben die Kunst noch weniger gefördert als die „New Order“ von Suharto. Erst in den letzten fünf oder zehn Jahren hat die Regierung mehr Aufmerksamkeit auf die kulturelle Entwicklung gelegt. Vorher war es ein großer Kampf und man musste sich zusammentun, um zu überleben. Lumbung ist einfach eine eine tägliche Praxis in der indonesischen Gesellschaft, vor allem auf dem Land.

?: „Lumbung“ bedeutet wörtlich „Reisscheune“…

Farid Rakun: Genau. So nennt man einen Bau, in dem die Ernte eines Dorfes gelagert und nach gemeinsam bestimmten Kriterien verteilt wird. Es ist also eine Möglichkeit, Ressourcen kollektiv zu verwalten. In der Kunstwelt werden hingegen viele Ressourcen sehr hierarchisch verteilt, Geld zum Beispiel, oder auch Informationen, Wissen, Raum, Zeit, Netzwerke. Bei der documenta fifteen benutzen wir den Ausdruck „Lumbung“, um eine Art kollektiven Ressourcenfundus zu bezeichnen, der auf dem Prinzip von Gemeinschaftlichkeit beruht. Im Mittelpunkt von „Lumbung“ stehen die Vorstellung und der Aufbau dieser geteilten Ressourcen für neue Nachhaltigkeitsmodelle und kulturelle Praktiken.

?: Auch bei Beuys ging es bei seinen Aktionen darum, die Betrachter in die Arbeit einzubeziehen und zusammen zu arbeiten. Für die „7000 Eichen“ gründete sich in Kassel zum Beispiel eine Bürgerinitiative, um Beuys Idee umzusetzen, Tausende von Bäumen im Stadtgebiet zu pflanzen. Das Motto lautete übrigens „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, es ging bei der Baumpflanzaktion also schon damals um Nachhaltigkeit. Sehen sie da auch Gemeinsamkeiten zu ihrer Idee von Lumbung?

Rakun: Diesen direkten, unmittelbaren Vergleich haben wir nie so gemacht. Aber es gibt natürlich eine Menge Ähnlichkeiten. Eine Sache, die für uns sehr wichtig ist, ist die Rolle des Künstlers oder des Autoren. Indem wir bei ruangrupa immer als Gruppe auftreten, stellen wir auch die individuelle Autorenschaft in Frage. Wir haben die Rolle des Individuums nie so verstanden wie viele andere Künstler, oder so, wie Künstler im Westen betrachtet werden.

Afisin: Ich glaube, dass zu der Zeit, als Beuys die „7000 Eichen“ in Kassel gemacht hat, das für das Publikum eine sehr große Herausforderung war. Ich habe gelesen, dass es viele Bedenken gab, dass die Bäume den Verkehr behindern oder Unfälle auslösen könnten.

Was Beuys gemacht hat, hatte auch dieses spekulative Element. Er wollte sehen, was für Potentiale sich aus einem Projekt wie „7000 Eichen“ ergeben würde. Diese Arbeit war nicht nur ein Symbol, sondern hat einen richtigen sozialen Prozess ausgelöst, und das mussten die Leute erst mal zu akzeptieren lernen. Aber das ist auch ein Teil von Lumbung. Alle bringen etwas ein. Es ist im Grunde wie beim gemeinsamen Kochen: jeder bringt Zutaten und Rezepte mit, und dann wird in der Küche gemeinsam etwas daraus gemacht.

?: Beuys hat die Großausstellung documenta für Debatten und Diskurse geöffnet. 1977 hat er mit seiner Free International University (FIU) hundert Tage lang täglich Vorträge und Vorlesungen durchführte. Heute ist es üblich, dass solche Ausstellungen von Diskussionsveranstaltungen und Vorträgen begleitet werden, aber damals war das etwas vollkommen Neues...

Hartono: Auch wir werden bei der documenta eine Menge Diskussionen führen. Dafür haben wir gerade in Kassel das ruruHaus eröffnet. Für uns soll es das Wohnzimmer von Kassel werden. Wir als Ruangrupa haben Themen, die wir dort gerne besprechen wollen, zum Beispiel die Entwicklung des ländlichen Raums, Ökologie und Ökonomie. Aber das sind nur Anregungen, die von uns kommen. Wir hoffen, dass die Menschen in Kassel sich diesen Ort zueigen machen. Es ist jetzt auch ihr eigenes Ding, nicht mehr nur unseres.

?: Zur Zeit von Beuys konnte man es als emanzipatorisch und demokratisch betrachten, wenn man den Menschen die Möglichkeit einräumte, sich frei zu äußern, zu diskutieren und sich zu vernetzen. Heute nutzen aber auch zum Beispiel Querdenker und Coronaleugner die sozialen Medien, um sich auf Ziele zu eignen, die alles andere als demokratisch sind. Was dabei herauskommt, hat man zum Beispiel bei der großen Demonstration in Kassel gesehen, bei der die Polizei einem extremistischen Mob weitgehend hilflos gegenüberstand.

Reza: Ja, das haben wir in Kassel natürlich mitbekommen. Wir vergleichen so was immer mit der Situation in Jakarta, und da kommen zu einer großen Demonstration manchmal 100.000 Leute. Gegen die Regierung geht es da ganz anders zur Sache. Auch die islamischen Fundamentalisten machen riesige Kundgebungen. Für mich sind diese Querdenker Teil des Ökosystems. Ich finde es falsch, was sie machen. Aber ich frage mich, warum es plötzlich so eine Bewegung gibt, die keine rationalen Erklärungen mehr akzeptiert.

Iswanto Hartono: Es gibt im Jahr 2021 ja auch immer noch Leute, die behaupten, dass die Welt flach ist. Das ist genauso absurd wie die Behauptung, dass es kein Corona gibt, oder das es ganz harmlos ist, wie diese Querdenker sagen…

?: Für die Vorbereitung bei der documenta dürfte Corona auch ganz praktische Einschränkungen bedeuten…

Farid: Ich wäre wirklich gerne in Kassel. Außer Isanto und Reza sind wir ja alle noch in Indonesien. Das gefällt mir gar nicht, weil wir so den Kontext, in dem wir arbeiten, nicht verstehen. Unsere Herangehensweise ist dadurch geprägt, dass wir Leute unter einem Dach zusammen bringen. Und das geht im Augenblick nicht. Ich hoffe, dass 2022 die Bedingungen anders sein werden. Bis dahin müssen wir viel mit Social Media arbeiten. Das wird für diese Documenta noch sehr wichtig werden, und darin wird sich die kommende Documenta auch stark von den vorangegangen unterscheiden.