Von Tilman Baumgärtel
„Who controls the past controls the future. Who controls the present controls the past.
George Orwell: Nineteen Eighty-Four
I. MÖNCHSZELLEN
In meiner Stammbibliothek, der Berliner Landesbibliothek, gibt es hinter den Lesesälen einen Gang, von dem einige kleine Kammern abgehen, von denen die meisten Nutzer der Bücherei wahrscheinlich gar nichts wissen. In diesen zwei, drei Quadratmeter-großen Zimmerchen, die etwas von Mönchszellen haben, stehen die letzten Abspielgeräte der Bibliothek, mit denen man die audiovisuellen Medien abspielen kann, die vor noch nicht allzu lange vergangener Zeit das Herz der Mediensammlung bildeten. Ein Plattenspieler. Ein Kassettenrekorder. Ein CD-Player. Und vor allem ein VHS-Abspielgerät, mit dem man analoges Video auf DVD umkopieren kann.
Dieser Apparat ist ein Anachronismus, der noch nicht mal eine Buchse für einen USB-Stick hat. Jedes Band, das man digitalisiert, wird in das komplizierte DVD-Dateiformat übertragen. Welches der Apparat, wenn man das ganze Band einmal in Echtzeit abgespielt und digitalisiert hat, umständlich auf eine DVD kopiert. Die man dann zuhause am eigenen Computer – mit weiterem Qualitätsverlust – in eine der inzwischen üblichen AVI- oder MP4-Datei konvertieren kann.
Ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der diesen Apparat regelmäßig und ausufernd nutzt, um alte Videobänder umsonst in ein digitales Format zu übertragen, von dem ich annehme, dass es wenigstens für die nähere Zukunft zugänglich bleibt. Kollegen und befreundete Filmemacher und -fans kennen diese Ressource ebenso wie ich, und nutzen diese Maschine, um für lau ihre alten Bänder zu digitalisieren. Manchmal trifft man sich in der Mönchszelle und versucht dann, sich auf für alle Beteiligten akzeptable Nutzungszeiten zu einigen.
Das Gerät zeigt bereits erste Anzeichen dafür, dass es über kurz oder lang den Dienst quittiert. Und es ist abzusehen, dass es dann nicht mehr ersetzt wird. (Bei Amazon gibt es solche VHS-DVD-Kombinationen fast nur noch gebraucht, allerdings scheint es einen regen Second-Hand-Markt zu geben, der die Preise hoch hält.) Denn die historische Phase, in der eine Armee von Amateurarchivaren analoges Video digitalisiert hat, um es weiter sehen zu können, scheint sich ihrem Ende zu nähern.
In den letzten zehn Jahren hat eine selbstbeauftragte Armee von namenlosen Hobby-Archivaren mit solchen Geräten peripheres Video digitalisiert, Material jenseits von Spielfilm, Tagesschau und Reportage. Diese Laienarchivare haben ganz andere Vorstellungen davon, was erhaltenswert ist, als die amtlichen Kustoden in Archiven und Bibliotheken. Möglicherweise gibt es bei YouTube mehr Aufnahmen von der Boot-Sequenzen alter Commodore-64-Spiele als von Bundestagsdebatten der Zeit, als der C64 ein Volkscomputer war. Viel davon mag heute irrelevant erscheint. Aber in der Zukunft vielleicht genau das fehlende, historische Puzzlestück enthalten, das man braucht, um die eigenen Gegenwart besser zu verstehen. Für den Erhalt solcher Clips sorgt eine Crowd, die einfach mal schnipselweise digitalisiert, was sie für wichtig erachtet. Auf YouTube ist so ein Archiv des Medienalltags entstanden, das in Umfang und Tiefe jedes Staatsarchiv schlägt – allerdings auch in Sachen Indifferenz gegenüber archivarischen Konventionen und Methoden.
Doch was jetzt nicht digitalisiert ist, könnte es lange bleiben. Oder auch für immer. Und so wird der Zugang zu historischem Videomaterial peu a peu auf das beschränkt, was jemand in den letzten zehn, zwanzig Jahren der Digitalisierung wert befunden hat. Was nicht dazugehörte, wird sich in langsam demagnetisierenden Fitzelchen irgendwo im Keller vom Band abschälen, bis dieses nicht mehr vorführbar ist. Auch die DVDs, die ich an dem Gerät in der Mönchzelle gebrannt habe, werden über kurz oder lang vom „Bitrot“ heimgesucht werden, so wie meine ältesten CDs auch allmählich unabspielbar werden – im Gegensatz zu den analogen Aufnahmemedien meist auf einen Schlag und ohne die Möglichkeit, sie durch weiteres Umkopieren nochmal mit geringerer Qualität zu retten. Digital ist nicht immer besser.
II. LOTS OF COPIES KEEP STUFF SAFE (LOCKSS)
Beim Film gibt es inzwischen ein Problembewusstsein für den rasanten Verfall der Trägermedien und damit der auf sie aufgezeichneten Kultur. Filmarchive gibt es schon seit Jahrzehnten und inzwischen sorgt sich sogar Kulturstaatsministerin Monika Grütters um das „sichtbare Gedächtnis unserer Nation“. In Deutschland wird auf Kongressen und bei Festivals seit einiger Zeit regelmäßig über die „Sicherung des nationalen Filmerbes“ debattiert. De facto ist bisher noch nicht so schrecklich viel passiert. 10 Millionen Euro soll es demnächst für die Digitalisierung von filmischen Kulturgut geben, doch allein für die Bestände des Bundesarchivs bräuchte man wohl mehr als 500 Millionen Euro. (In Frankreich gibt’s für Filmdigitalisierungen in den nächsten Jahren übrigens 400 Millionen.)
Doch auf jeden Fall existieren im Fall von Kino und Fernsehen Institutionen, im Grunde eine ganze Industrie, die sich mit der Rettung von im Verschwinden begriffenen Filmen beschäftigt. Aber was ist mit den peripheren Videos, die nicht für die „offiziellen“ Kanäle gedreht wurden? Der Erfolg von YouTube beruht jenseits von Let´s Plays und Drogerie-Hauls genau auf solchem Material. YouTube ist eine Rumpelkammer von Amateurfilmen und Throbbing Gristle live in Leeds 1979, von russischen Dashcam-Videos und lange verloren geglaubten Creme-21-Werbespots, die sich vor uns auftürmen wie der Trümmerhaufen der Weltgeschichte vor Walter Benjamins Angelus Novus. In diesem Repositorium sorgen die Suchalgorithmen nur notdürftig für Ordnung. Nutzerbeschwerden und Mahnungen von Rechteinhabern haben auf dieses rhizomatisch wuchernde Archiv einen größeren Einfluss als irgendeine Form menschlicher Kuratierung.
Und wenn irgendwann keiner mehr historisches Material hochlädt, ist eben irgendwann keins mehr da. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass viel von dem Stoff, der durch YouTube wieder hochgespült wird, möglicherweise nur in YouTube-Qualität erhalten bleiben wird. 360 x 480 Pixel könnte daher die visuelle Markierung einer Epoche werden, so wie Spitzbogenfenster für die Gotik stehen oder harte Schwarzweiß-Kontraste im Film für Schwarze-Serie-Kino aus den 40er Jahren.
Bei Ubuweb oder Trackern wie Karagarga findet sich extrem kuratiertes Material, das von geschichtsbewußten Usern – möglicherweise in genau solchen Mönchszellen wie denen in der AGB – digitalisiert und hochgeladen wurde. Doch diese Internetangebote leben vom unbezahlten Engagement ihrer Betreiber, die schon morgen das Interesse an dieser Tätigkeit verlieren oder von der Copyright-Polizei dicht gemacht werden könnten.
Streamingsites wie YouTube oder Vimeo sind kommerzielle Unternehmen, die in ein paar Jahren aus wirtschaftlichen Gründen den Betrieb einstellen könnten, und dann den von einer Grasswurzel-Armee von Freizeit-Archivaren gelieferten Content mit ins digitale Nirvana nehmen. So könnte diese Periode der audiovisuellen Geschichtsrettung aus dem Hobbykeller irgendwann ruckzuck zu Ende gehen – vielleicht noch nicht dann, wenn der Videokonvertierer in der Berliner Stadtbücherei seinen Geist aufgibt. Aber spätestens, wenn bei den Leute, die diese Aufnahmen auf analogen Videobändern oder ihrer Festplatte besitzen, die biographische Dringlichkeit dahin ist, sie wieder zu veröffentlichen. Oder Videos ins Internet hochladen so passé ist wie Bloggen.
Vielleicht ist all das kein Grund zur Sorge. Vielleicht funktioniert Archivierung im Zeitalter des Internets als ein „survival of the fittest“ der Archivalien, in dem das wichtigste audiovisuelle Material irgendwann von irgendjemandem schon zwischengespeichert wird. „Lots Of Copies Keep Stuff Safe (LOCKSS)“ lautet eine Weisheit unter Bibliothekaren, und das Internet nimmt ihnen diese Arbeit derzeit teilweise ab.
Vielleicht ist die digitale Allgegenwart der aufgenommenen Vergangenheit sogar ein Mehltau, der sich lähmend über die aktuelle Kulturproduktion gelegt hat und diese von ihrer Weiterentwicklung abhält – so wie es Simon Reynold 2011 in seinem Buch „Retromania“ kritisiert hat. Vielleicht wäre ein globaler Festplatten-Crash genau der revitalisierende Schuss in den Arm, den unsere vergangenheitsfixierte Zeit dringend braucht?
III. SOZIALE MEDIEN VOR DEM INTERNET
Aber was ist mit den kommunikativen Prozessen, den Dialoge und Diskurse, die der künstlerischen Produktion vorangehen, die das Rohmaterial von Geschichte sind, in denen sich Mentalitäten und Stimmungen manifestieren? Ich habe angefangen, mir diese Frage zu stellen, als ich für die Oberhausener Kurzfilmtage eine Filmreihe mit dem Titel „Soziale Medien vor dem Internet“ zusammengestellt habe. Es geht um Medienprojekten, die schon vor dem Aufkommen des Netzes die Brechtsche Utopie wahr zu machen versuchten, dass die Konsumenten von Medien auch zu Produzenten derselben werden sollten.
Inspiriert durch die Radiotheorie Brechts und die Schriften des russischen Revolutionsregisseur Dziga Vertow entstanden parallel zum „langen Marsch durch die Institutionen“ der 68er und dem Projekt, in die Betriebe zu gehen, um dort zu agitieren, „Zielgruppenfilme“, die nicht mehr über, sondern mit marginalisierten Zielgruppe produziert wurden – Malochern und Hortkindern, Supermarktkassiererinnen und Fließbandarbeiter, den Bewohner der Neubaugebiete im Märkischen Viertel und den Banlieus.
Als das ideale Material für diese Art der Medienarbeit erschien das damals neue Video. In den USA entstehen in den frühen 70er Jahren „Guerilla-Video“-Kollektive wie die Videofreex oder Raindance Television, in der Bundesrepublik etwas später „Medienwerkstätten“ wie die in Freiburg und Zürich. Diese selbstorganisierten Gruppen wurden zu Chronisten der Neuen Sozialen Bewegungen: Frauenbewegung, Schwulenbewegung, Umweltbewegung, Hausbesetzer, Widerstand gegen die Volkszählung.
Mit Video verbanden sich große Hoffnungen auf eine Demokratisierung der Medien und der Erschaffung einer audiovisuellen Gegenöffentlichkeit. Die Video-Produktionen, die per Post an Initiativen und andere Mediengruppen versendet wurden, gehörten zu dem Kitt, der eine alternative Bewegung zusammenhielt, die noch nicht per Email oder Facebook miteinander
dauerkommunizieren konnten und Aktionen per Telefonkette organisierte.
So entstanden faszinierende Berichte über das Innenleben dieser Gruppen in unscharfen, kontrastarmen Schwarzweiß-Bildern, die konventionellen Dokumentaristen nicht möglich gewesen wären. Die Videoaktivisten hatten nicht nur einen viel persönlicheren Zugang zu ihren Protagonisten, sondern einfach auch mehr Videoband, das man mitlaufen lassen konnte bis etwas interessantes passierte.
Man muss nur die Filme „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (1976) von Nina Gladitz mit „S'Weschpenäscht“ (1982) von der Medienwerkstatt Freiburg vergleichen. Beide handeln von Widerstand gegen das geplante (und nie gebaute) Kernkraftwerk in Wyhl. Aber der erste wurde von einer Filmemacherin auf 16 Millimeter, der zweite von Aktivisten auf Video gedreht. Was für ein Unterschied: der erste Film handelt brav sein Thema in Fernseh-haften Bildern ab, der zweite ist eine quicklebendiger, detailfreudiger Bericht mit O-Ton aus dem Innenleben der Anti-Atomkraft-Initiativen.
Die Themen, um die es bei den Neuen Sozialen Bewegungen ging, sind inzwischen Regierungspolitik und Zivilrecht geworden: Legalisierung von Abtreibungen, Homo-Ehe, Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg, umgesetzt zum Teil unter einer CDU-Kanzlerin. In den Filmen der Videoaktivsten der 70er und 80er Jahre kann man sehen, wie zäh um solche Themen gerungen wurde, auch und gerade unter den Aktivisten.
Ob die Video-Dokumente dieses Kampfes erhalten blieben, hing stark von der Mentalität ihrer Macher ab. Einige haben ihre Werke, für die sich kein Filmarchiv zuständig fühlt, sorgfältig für die Nachwelt aufbereitet. Aber mindestens genauso viele Aktivistenvideos dürften schon weggegammelt sein. (Zum Glück gibt es die Buchreihe „Bibliothek des Widerstands“, die das ehemalige RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo in seinem Laika-Verlag herausgibt. In den dicken Anthologien über die außerparlamentarischen Linke in Europa und Nordamerika sind zum Teil mehrere DVDs mit bisher unzugänglichen Filmen beigelegt. Die Filme und Videos über Black Panther und Hafenstraße, Weather Underground und italienischen Operaismus sind allein schon das kleine Geld für die umfangreichen Bände wert.)
Ganz düster sieht es bei den Offene Kanäle (OK), die ab Anfang der 80er Jahre die Anbieter einiger Kabelnetze für Bürgerfernsehen freihalten mussten. Archivarisches Material bei den Institutionen scheint es kaum zu geben. Beim OK Berlin sind selbst Zusammenschnitte, die für Sendejubiläen entstanden waren, beim Umzug entsorgt worden. Wer weiß, wonach er suchen muss, findet – abermals beim Crowd-Archiv YouTube – Mitschnitte von Sendungen, die klar machen, dass Trolle, Shitstorms und Hasspostings keine Phänomen der Gegenwart sind. Wer die Geschichte dieser Form der Netzkultur schreiben will, muss bei den Anrufsendungen der Offenen Kanäle und dem documenta-Projekt Piazza Virtuale von 1992 anfangen, das wohl zum ersten Mal einen Online-Chat auf deutsche Bildschirme brachte.
Viel von diesem Material mag inhaltsleer und redundant sein – große Einschaltquoten hatten die Offenen Kanäle nie. Aber es ist nicht an uns, das heute zu entscheiden. Doch vor allem stellt sich bei den Offenen Kanäle die Frage mit neuer Dringlichkeit, ob hier das finale, archivierbare Endprodukt das Wichtigste ist? Oder die Interaktionsprozesse, die sie zu ihrer Entstehung geführt haben? Oder diejenigen, die dieses Material wiederum ausgelöst hat? Wie bewahrt man diese Prozesse auf?
IV. WER HAT NOCH SEINE ERSTE EMAIL?
Solche Fragen werden noch drängender, wenn die Kommunikation selbst zum archivierbaren Gut wird: seit den Mailboxen, die Mitte der 80er Jahre als erstes Online-Medium, das auch für nichtprofessionelle Nutzer zugänglich war, jeden einzelnen Interaktionsprozess dauerhaft speicherbar machten. Das Internet, das Web und Soziale Medien haben die so entstehenden archivarischen Probleme nur noch potenziert.
Auch wenn das Marbacher Literaturarchiv die Computer von Friedrich Kittler zu editieren versucht, auch wenn Brewster Kahles Internet Archive durch fragmentarische, zerschossene Schnappschüsse von lange gelöschten Websites dessen Geschichte zugänglich halten will: Dass verlustfreie Kopierbarkeit und potentielle Dauer-Archivierbarkeit von jedem einzelnen Bit im krassen Gegensatz zum epidemischen Verschwinden digitalen Kulturguts steht (Wer hat noch seine erste Email?), ist vielleicht noch nicht mal das Hauptproblem. Sondern der ungeklärte ontologische Status, von dem, was da archiviert werden könnte. Ist es abgeschlossenes Werk oder Kommunikationsakt?
Da passt es irgendwie ins Bild, dass das Unternehmen in dessen ummauerten Garten inzwischen ein Großteil unserer privatesten Kommunikation stattfindet, dazu gar keine Meinung hat. Eine Anfrage an die Pressestelle, ob die Interaktion bei Facebook mit dem Ziel gespeichert werde, irgendwann einmal der historischen Forschung zur Verfügung zu stehen, wurde nicht beantwortet. Denn erstens sind die Kommunikationsakte ja nun mal Eigentum von Facebook, und zweitens – tja, was sollen sie auf diese Frage auch antworten?
Die Themenfilmreihe „Soziale Medien vor dem Internet“ ist bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen vom 12. bis zum 16. Mai zu sehen.