In Beirut und Kualla Lumpur // First Tuesday ist ein Treffen für Gründer und Risikokapitalisten, das am ersten Dienstag des Monats stattfindet. 1998 wurde First Tuesday in London in einem Pub gegründet und ist heute eine Aktiengesellschaft. Inzwischengibt es ihn rund um den Globus - von Berlin über Beirut bis Kuala Lumpur. Am Dienstag kamen nach Schätzung der Veranstalter auf der ganzen Welt 70 000 Menschen.
First Tuesday im Internet www. firsttuesday. de BLZ/KARL MITTENZWEI "Die modernste Form der Prostitution"? Gründer und Kapitalgeber treffen sich beim First Tuesday in Berlin.
Heute lernen wir den Investorentanz. Der geht so: der Investor, erkennbar am roten Punkt auf seinem Namensanstecker, steht mit einem Weinglas an die Wand gelehnt. Eine Hand steckt in der Hosentasche, nur selten wechselt er Standbein und Spielbein. Der Kapitalsuchende, erkennbar am grünen Punkt auf dem Button, ist der aktive Partner. Er nähert sich dem Investor mit forschem Schritt und leicht gesenktem Kopf, um den Namen auf dem Anstecker seines Gegenübers zu lesen.
Ein kurzes Händeschütteln leitet den Reigen ein. Dann beginnt der Kapitalsuchende den Investor mit kleinen Trippelschritten zu umtänzeln. Anfänger wackeln dabei mit dem Kopf und blicken zu Boden, routiniertere Tänzer sehen ihrem Partner unverwandt in die Augen. Dabei erläutern sie ihr "business- Modell", also die Idee, für die sie Geld haben wollen.
Der Investor verbleibt in seiner Ausgangslage, wippt nur gelegentlich mit dem Oberkörper, um eine kurze Bemerkung loszuwerden. Zum Beispiel: "Wir sind die Serial Killer im Risikokapitalgeschäft." Mehr sagt er nicht, denn das kostet nur seine Zeit, und die ist knapp.
Beim Gespräch versucht er, möglichst schnell herauszufinden, ob sein Gegenüber etwas hat, mit dem er Geld verdienen kann. Wenn nicht, gilt es, den Schwätzer so schnell wie möglich loszuwerden. Professionelle Investorentänzer treffen diese Entscheidung in den ersten zwei Minuten des Gesprächs.
Ist das Interesse noch nicht erlahmt, geht der Tanz in die zweite Runde. Jetzt wird der Investor aktiver. Er unterbricht den Kapitalsuchenden schon mal, um eine Frage zu stellen. Etwa: "Und dafür bezahlen die Leute Geld?" Worauf der Kapitalsuchende schnell einen Konter landen muss. Zum Beispiel: "Sonst hauen wir ihnen in die Eier."
Paarungsrituale
Egal, ob der Investorentanz in die zweite Runde geht oder nicht, sein Ausgang ist auf jeden Fall derselbe: beide Gesprächspartner zücken eine Visitenkarte, drücken sie ihrem Gegenüber in die Hand und sagen gleichzeitig: "Wir sollten uns mal Bei der Verabschiedung klopfen geübte Tänzer dem Partner leicht auf den Oberarm oder die Schulter und zwinkern dabei verschwörerisch. Das Ganze dauert nicht länger als zehn Minuten. Meist steht dann schon ein neuer Tanzpartner für den Investor bereit.
Dieses seltsame Paarungsritual ist kurz gesagt der Grund, warum es den First Tuesday gibt. Für manche ist das Gründertreffen die "modernste Form der Prostitution", die Veranstalter sprechen lieber von "networking" und "matchmaking". Am Dienstag fand die monatliche Veranstaltung, bei der sich Investoren und Unternehmensgründer treffen sollen, zum zwölften Mal in Berlin statt.
Zum ersten Geburtstag von First Tuesday in der Hauptstadt trudeln ab 18 Uhr 700 Gründer, Unternehmensberater und einige Investoren im düsteren, weitläufigen Foyer des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur an der Friedrichstraße ein - die Frauen sind beim First Tuesday selten. Auch die Computerfreaks mit T-Shirt und zum Zopf gebundenen, langen Haaren, die früher hierherkamen, sieht man kaum noch.
Wenn sich in den letzten Monaten etwas verändert hat, sagen die First-Tuesday-Veteranen, dann das Publikum. Heiko Schöning, Gründer von OnkoCom, einem Internetdienst für Krebskranke, findet, dass die Veranstaltung "yuppiehafter" geworden sei. "Man sieht nicht mehr so viele Boygroups, die in T-Shirts mit ihrem Unternehmensnamen rumspringen", sagt er, während er mit einem Glas Rotwein am Treppengeländer lehnt.
In den Gesprächen hört man immer wieder Ausdrücke wie "Enabeling Technologies", "Time to market", "Case Studies", "Assets". Bellboys tragen schwarze Bretter mit dringenden Anfragen durch den Raum. Um die Pinnwand mit Visitenkarten und Jobangeboten drängeln sich die Nachwuchsunternehmer und tippen Telefonnummern in ihre Palmtops. Währenddessen blicken von den hohen Wänden weiße Gipsfiguren auf die Gründer herab: sowjetische Landmänner auf dem Feld, eine Lehrerin neben der Lomonossow-Universität.
Die Stimmung in dem spätsozialistischen Prachtbau ist gelöst. Selbst auf der Toilette verteilt ein junger Mann, dessen Firma "Software-Lösungen für Crossmedia-Unternehmen" liefert, mit launigen Kommentaren Visitenkarten, während sein Nebenmann am Pissoir mit schwerer Zunge via Handy von seinem Urlaub erzählt.
Fast täglich eine Internet-Pleite
Dabei sollte die Branche, die sich beim First Tuesday trifft, zurzeit nicht in Partylaune sein. Der Internet-Goldrausch ist im vergangenen Jahr abrupt zu Ende gegangen, als Nasdaq und Neuer Markt abstürzten. In den letzten Wochen ist fast täglich eine Internetfirma Pleite gegangen: Boo, Boxman, Cyberradio, Pets.com, Letsbuyit - die Liste der Opfer ist lang und traurig. Selbst die Firma, die in London den ersten First Tuesday organisiert hat, steckt inzwischen in finanziellen Schwierigkeiten.
Auch Gastredner Wolfgang Branoner, der Berliner Wirtschaftssenator, geht in seiner Ansprache auf die "Rückschläge" der Branche ein: "Die Internetbranche ist lange überschätzt worden, das war nicht richtig. Aber jetzt wird sie unterschätzt, und das ist auch nicht richtig." Beifälliges Nicken im Publikum.
"Wenn ich nicht aus der Zeitung wüsste, dass es der New Economy schlecht geht, würde ich nichts merken", sagt Wolfgang Brenner. Er ist der Gründer der Firma "Airnomics", die "Dienstleistungen im Wireless-Bereich" anbieten will. Investoren hat er bei der Veranstaltung nicht kennen gelernt, aber er hat auch keine gesucht: "Meine Finanzierung habe ich schon zusammen", sagt er. "Wer eine gute Idee hat, bekommt immer noch Geld." Er schätzt den First Tuesday als "zwangloses Treffen mit anderen aus der Branche".
"Viele Deals werden hier nicht gemacht", glaubt Jared Preston, der bei dem Seniorenportal Multivita arbeitet. Zur Illustration deutet er auf die Namensschilder, die säuberlich ausgebreitet auf dem Empfangstisch liegen: "Die Schilder mit den gelben und grünen Punkten für die Gründer und Unternehmensberater nehmen bestimmt acht Quadratmeter ein, die für die Die wenigen Träger von Ansteckern mit rotem Punkt sind den ganzen Abend von Gründern umlagert, die sie zum Investorentanz auffordern wollen.
"Früher war First Tuesday ein Markt der Anbieter", sagt einer von ihnen nach einem erfolglosen Gespräch mit einem Kapitalgeber, "jetzt bestimmen die Käufer den Markt." Seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung sehen.
Die Unternehmensgründer, die hartnäckig genug reden, werden schließlich meist aufgefordert: "Schreiben Sie das doch mal auf." Doch oft genug soll diese Floskel nur das Gespräch beenden. Die meisten Kapitalgeber suchen ganz gezielt nach Unternehmen aus bestimmten Branchen: "Die Zukunftsthemen sind Mobile Kommunikation und Logistik", glaubt Axel Berg, einer der Organisatoren des Berliner First Tuesday. Firmengründungen in diesem Bereichen hätten immer noch gute Chancen auf Finanzierung.
Unter den knapp 1000 Start-Up- Firmen, die es in Berlin gibt, hat es bisher noch keine spektakulären Pleiten gegeben. Das kann sich allerdings schnell ändern. "In den nächsten sechs Monaten wird es spannend", glaubt Marc Samwer, Mitbegründer des deutschen Internetauktionshauses Ebay. Viele Beobachter glauben, dass sich im Internetbusiness dann die Spreu vom Weizen trennen wird.
Viel Arbeit
Thomas Moeller von der Access Software ist sich darum sicher: "Die Risikokapitalisten schauen inzwischen genau hin, bevor sie investieren." Er ist aus München angereist, um seine Firma, die indische Programmierer an deutsche Firmen vermittelt, bekannt zu machen.
Eine Erklärung, warum die Stimmung beim First Tuesday immer noch gut ist, hat er auch mitgebracht: "In dieser Branche gibt es keine Arbeitslosen." Auch wenn eine Firma Pleite ginge, fänden die Entlassenen sofort neue Jobs. "Selbst wenn ein paar Start-up-Unternehmen aufgeben müssen, gibt es im Multimedia-Bereich immer noch genug Arbeit. Besonders die Nachfrage nach Programmierern ist größer als das Angebot."
Nach zehn Uhr liegen sich die ersten erschöpften Tänzer des Investorentanzes in den Armen - wohl auch wegen des freigebig ausgeschenkten Weins, den eine Software-Firma gesponsert hat. Mit glücklichem Lächeln schreiten die Ersten die Treppen zum Ausgang hinab. Nur die Garderobenfrau ist genervt - wegen der Musik, die von oben zu ihr herabdröhnt: "Diese Multimedia-Typen wollen immer dieselben Songs hören. Ewig I will survive , das ist deren Lieblingsstück." Für den Investorentanz ist es wahrscheinlich die beste Begleitmusik.