Die Konferenz Internet & Politik funktioniert wie Fernsehen, nicht wie Internet. Am Vormittag des zweiten Tages ging es um die globalisierte Weltwirtschaft. Wenn Sie eine Frage haben, fassen Sie sich bitte kurz!
"Alle, die schon einmal Alta Vista oder Yahoo benutzt hat, möchten bitte den Arm heben." Im Konferenzsaal des Europäischen Patentamts gehen viele Arme in die Höhe. "Und jetzt heben bitte alle die Hand, die sich mit Wirtschaft auskennen." Wesentlich weniger Arme erheben sich. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Andrew Graham hat es mit einem kleinen Trick geschafft, die Konferenz "Internet und Politik" wieder aus dem Halbschlaf zu holen, in den sie die beiden Vorträge von BMW-Vorstandsmitglied Horst Teltschik und debis-Vorstandsvorsitzender Klaus Mangold versenkt hatten. Jetzt noch ein Witz, und Andrew Graham hat die Aufmerksamkeit des ganzen Saals: "Ich habe noch eine Bitte ab Sie: Ich soll hier reden, und sie sollen zuhören. Bitte lassen Sie es mich wissen, wenn sie aufhören, bevor ich aufgehört habe." Alles lacht, und Graham legt los...
Andrew Grahams "interaktiver Vortragseinstieg" blieb freilich auch am zweiten Tag der Tagung "Internet und Politik", die die "Burda Akademie zum Dritten Jahrtausend" im Münchner Patentamt veranstaltet, die Ausnahme. Ansonsten galt auch am zweiten Tag der Konferenz: Wenn alles schweigt und einer spricht, dann nennt man so etwas "Akademie 3000". Obwohl die Konferenz laut Pressemitteilung "die Chancen einer Modernisierung der Demokratie durch elektronische Medien" erörtern will, ist hier organisationsmäßig alles beim unmodernisierten Alten: Die Konferenz funktioniert wie Fernsehen (altes Medium), nicht wie Internet (neues Medium). Letzteres ist ein "interaktives Medium", das "individualisierte Massenkommunikation" möglich macht, wie uns bereits am ersten Tag der Konferenz wieder und wieder vorgeleiert wurde. Aber bei der Burda-Akademie herrscht klassische One-to-many-Kommunikation. Und wenn noch Zeit ist, kann das Publikum fünf Minuten lang Fragen stellen - aber fassen Sie sich bitte kurz.
Wenn man auf einer Konferenz neue Formen der öffentlichen Interaktion vorstellen will, könnte man freilich auch neue Vermittlungsformen erproben. Eine kurze Umfrage unter Konferenzteilnehmern ergab, daß viele aus Stadtverwaltungen, NGOŽs und nur wenige aus der Wirtschaft stammen. Diese Interessensgruppen könnte man zum Beispiel - in der Art der Newsgroups des Internets - mit Leuten, die gleiche Interessen haben, zu Diskussionsforen "verlinken", und die hochkarätigen Referenten wären nicht umsonst angereist, sondern könnten mit dem Publikum in eine direkte Interaktion treten.
Doch so - ohne rechte Zielgruppe und präzises Thema - halten halt alle ihre Sonntagsrede. Besonders öde tun das debis-Mangold und BMW-Teltschik: Eine Stunde lang prasselt das ABC der deutschen Wirtschaftskapitäne auf uns ein: Die deutsche Wirtschaft muß "verschlankt werden, eine "Mentalitätsänderung" muß her, die Standortkosten müssen "gemergt" werden, mangelnde Wettbewerbsbereitschaft liegt "wie Mehltau" über der deutschen Wirtschaft, aber jetzt muß eine "Flexibilisierung" her, denn "der Wettbewerb verlangt es", wie Teltschik uns erinnert: "Sonst verlagert sich die Produktion an neue Standorte." Mangold freut sich erst, daß er um neun Uhr schon wach genug ist, um eine Rede zu halten (im Zeitalter der Globalisierung eine offenbar überlebenswichtige Fähigkeit), dann weist er darauf hin, daß die Fähigkeit "zu dienen und zu leisten" in Deutschland verloren gegangen ist, und im übrigen müsse man nur die internationalen Finanzmärkte regeln, dann leiden Unternehmen wie Mercedes nicht so stark unter Wechselkursschwankungen, und werde es bald wieder Arbeit für alle geben.
Dabei sind Teltschik und Mangold geradezu Symptome der deutschen Misere, die sie beschreiben: Sie sind unfähig, "innovativ" und "flexibel" auf "Herausforderungen" einzugehen - wie sie es großmäulig von ihren Angestellten fordern - und sich zum Beispiel eine interessante Rede einfallen zu lassen. Stattdessen langweilen sie die versammelten Zuhörer mit sattsam bekannten, oft genug durchgekauten Gemeinplätzen aus der Phrasensammlung der Deregulierer und "Wirtschaftsmodernisierung". Als SZ-Redakteur Josef Joffe, Moderator der Morgensession, Mangold durch Klappern mit seiner Tasse auf das Ende seiner Redezeit hinweist, schnappt der, "Herr Joffe, wollten Sie sich Kaffee bestellen?" - genau die flexible, tolerante Reaktion, die man von einem aufgeklärten, für das 21. Jahrhundert tauglichen Manager erwartet.
Gegen soviel deutschen Muff hat es Andrew Graham mit seinem Vortrag natürlich leicht. Nach etwas Morgengymnastik mit dem Publikum hält er einen pointierten, gut strukturierten Vortrag mit einigen interessanten Thesen: Waren und Dienstleistungen werden durch das Internet nur zum Teil billiger. Cybergeld wird es nicht geben, weil Geld auf Vertrauen an Institutionen gebunden ist. Das Internet wird Neue Soziale Bewegungen stimulieren, aber virtuelle Gemeinschaften werden die wirklichen communities nicht ersetzen.
Nach all dem europäischen Raisonnieren darf als Gegenprogramm natürlich einer der einschlägigen amerikanischen Internet-Euphoriker nicht fehlen. Für Esther Dyson, Geschäftsfrau und Internetaktivistin, wird das Internet Osteuropa aus dem Sumpf retten: Bis1989 bestand die Sowjetunion nur aus saufenden Männern und Lebensmittel-kaufenden Frauen, die auch noch in drei verschiedenen Schlangen anstehen mußten, bevor sie eine Ware bekamen. Für diese Leute muß das Internet natürlich "wie ein Wunder" wirken. Und weil es "geistige Arbeit belohnt", wird das Internet Osteuropa zu neuem Wohlstand und Selbstzufriedenheit führen.
Der amerikanische Medienwissenschaftler Herbert Schiller wirkte nach dieser Frohbotschaft wie ein Reiter der Apokalypse: Für ihn sind die Informationen, die ein mündiger Bürger braucht, um kompetente und informierte Entscheidungen zu treffen, in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur frei verkäuflichen Ware geworden, die von Großkonzernen wie Time Warner und Disney verscherbelt wird. Daran würde auch das Internet nichts ändern. Die "forces in power" hätten überhaupt kein Interesse am freien Vertrieb von Informationen und Entscheidungskompetenz.
Darüber könnte man nun diskutieren. Aber auch bei der anschließenden Podiumsdiskussion sondern alle nichts als vorformulierte Statements ab. Das hat nichts mit den neuen Kommunikationsformen zu tun, die das Internet angeblich möglich macht. Das ist Fernsehen - bloß schlechter...