VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Joseph ist eigentlich ein Gymnasiast in Manila, der sich zunächst nur als Kleindealer etwas dazuverdienen will. Doch schnell wird er immer tiefer in die Unterwelt hineingezogen, steigt in der Hierarchie eines Drogenkartells auf und macht sich schuldig. Leichen pflastern seinen Weg, viele Leichen.
Die philippinische Serie "Amo" ("Chef" auf Tagalog) thematisiert den "War on Drugs", also den Krieg gegen die Drogen, den Präsident Rodrigo Duterte derzeit in dem südostasiatischen Land angeblich nur gegen Drogenhändler führt. 4 000 Menschen sind bei Polizeieinsätzen seit Dutertes Amtsantritt im Juni 2016 ums Leben gekommen. Menschenrechtsgruppen schätzen allerdings, dass die Zahl der Opfer eher bei 20 000 liegt, denn unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung morden Killerkommandos, die Selbstjustiz üben, ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen - ein Vorgehen, das Duterte rhetorisch unterstützt hat.
Es ist daher kein Wunder, dass die Serie "Amo" in den Philippinen eine Kontroverse ausgelöst hat. Viele empfinden sie als Regierungspropaganda; Luzviminda Siapo, die Mutter eines 19-Jährigen, der als angeblicher Marihuana-Dealer erschossen wurde, rief Netflix mit einer Petition dazu auf, die Serie aus dem Programm zu nehmen.
Cricket und Liebesleben
Fast gleichzeitig wurde Ende des vergangenen Jahres eine brasilianische Serie ebenfalls Gegenstand einer politischen Kontroverse: "Der Mechanismus" handelt in fiktionalisierter Form von einem Korruptionsskandal, der 2014 unter dem Namen "Operation Autowäsche" bekanntwurde. Es geht um einen Polizisten, der wegen Geldwäsche und Bestechung ermittelt und dabei herausfindet, dass nicht nur Gangster und Konzerne verwickelt sind, sondern auch Politiker. Einige der Politiker, die sich in den Figuren der Serie wiedererkannten, haben Klagen gegen Regisseur José Padilha (Tropa de Elite, Narcos) angekündigt; ihre Anhänger starteten eine Online-Kampagne mit dem Hashtag #deletenetflix.
Man mag von der Glaubwürdigkeit und der künstlerischen Qualität dieser Serien halten, was man will - beide sind Beispiele dafür, wie der Streamingdienst Netflix zu einer erstaunlichen Globalisierung der Seriendistribution beigetragen hat. Im deutschen Fernsehen laufen außer nationalen und US-amerikanischen Produktionen überwiegend Serien aus einigen wenigen europäischen Ländern. Bei Netflix finden sich Dutzende von Shows aus Europa, dem Nahen Osten, Asien und Lateinamerika, die es niemals ins deutsche TV schaffen würden. Und so können die Netflix-Kunden mit Hunderten von Serienfolgen um die Welt reisen.
Manche dieser Produktionen werden internationale Erfolge wie das spanische "La casa de papel" (Haus des Geldes) oder die israelische Serie "Fauda" (Chaos). Doch wem zum Beispiel die letztere Serie über eine Anti-Terroreinheit im Kampf gegen die Palästinenser zu brutal und zu martialisch ist, der kann in der Komödie "Hashoter Hatov" israelische Polizisten sehen, die tollpatschige Volltrottel sind. Oder in den zwei Staffeln von "Shtisel" dem Alltag einer streng orthodoxen, jüdischen Familie in Jerusalem folgen. In "The Writer" wird von der Lebenskrise eines arabischstämmigen Schriftstellers in Israel erzählt, und "When Heros fly" handelt von Armeeveteranen.
Keine dieser Serien mag ein authentisches Israel im Sinne eines Dokumentarfilms zeigen. Aber zusammengenommen zeichnen sie anhand der Themen und Sujets, die als unterhaltsam und serientauglich erachtet werden, doch ein vielschichtiges Bild des Landes, aus dem sie stammen.
Manche dieser Serien sind Netflix-Eigenproduktionen, doch die interessanteren sind meist die nationalen Serien, für die der US-Konzern die internationalen Streamingrechte gekauft hat. Einige der Shows waren in ihren Heimatländern schon Riesenerfolge, die ganze Generationen prägten, wie etwa "Meteor Garden" aus Südkorea, das auch in anderen asiatischen Ländern Kult wurde.
Netflix bewirbt diese Serien bei seinen deutschen Zuschauern nicht aktiv. Aber wer danach sucht, findet gut gemachte Horrorserien aus Thailand und Historienschinken aus China, romantische Komödien aus Südkorea und Thriller aus Indien. Wer wissen will, was anderswo in Unterhaltungsserien verhandelt wird, kann in "Milcheinschuss" über die Querelen in einer australischen Gruppe von jungen Müttern lachen oder in "Romance is a bonus book" das Liebesleben eines koreanischen Journalisten kennenlernen, in "Golden Boy" den harten Wettbewerb im indischen Cricket verfolgen oder in "Midnight Dinner" gucken, was für Typen nach Mitternacht in einem Imbiss in Tokio aufeinandertreffen und welche Sorgen und Freuden sie bei einer Schüssel Nudelsuppe mit dem Wirt teilen.
Große Kundschaft in Asien
In den besten Momenten erlauben solche Serien wirklich einen Einblick in fremde Kulturen, wenn sie nationale Eigenheiten zum Plotelement machen: In der koreanischen Bürokomödie "Misaeng" helfen dem Protagonisten die Regeln des Brettspiels Go, seinen Arbeitsalltag zu meistern. In "Oh My Ghost", ebenfalls aus Korea, übernimmt der Geist einer Verstorbenen den Körper einer jungen Frau, was auf die shintoistische Tradition mit Ahnenkult und Geisterglaube in Südkorea verweist. Die thailändische Serie "Bangkok Love Stories" zieht ihre dramatischen Konflikte aus den verschiedenen Menschen, die in dem Stadtteil Silom zusammenkommen, der tags Geschäftsviertel, nachts Partymeile ist. Und die indische Polizeiserie "Der Pate von Bombay" dient auch als eine Einführung in das indische Kastensystem. Das Leben von Yuppies in Indien ist allerdings auch nicht aufregender anderswo auf der Welt, das macht die Serie "Little Things" klar.
Natürlich zeigt Netflix solche Serien nicht, damit der Zuschauer beim stundenlangen Zuschauen, also Binge-viewing, mehr über Völkerverständigung lernt. Vielmehr sind sie Teil der Unternehmensstrategie, möglichst schnell ein eigenes Repertoire aufzubauen, um gegen die zunehmende Konkurrenz mit immer mehr Streaminganbietern wie Amazon, Disney oder Apple punkten zu können. Denn während die Manager den Markt in den USA langsam ausgeschöpft zu haben scheinen, wachsen die internationalen Abonnentenzahlen nach wie vor stark an - besonders in Asien, wo man daher auch kulturell angepasste Produktionen anbieten will.
Für den Zuschauer in Deutschland hat das den Vorteil, dass man plötzlich Einblick in Fernsehwelten erhält, die einem bisher verschlossen waren. Dass Netflix auch auf die Empfindlichkeiten der Länder eingehen würde, aus denen sie Serien kauft, bedeutet das allerdings nicht: Als sich in Brasilien und den Philippinen Protest gegen "Der Mechanismus" beziehungsweise "Amo" regte, blieb der Sender unbeeindruckt: Die Zuschauer sollen selbst entscheiden, ließ man verlauten, und zeigte die Serien weiter.
ANGEBOT SEIT ZWÖLF JAHREN
Der Anbieter: Netflix ist ein US-amerikanisches Unternehmen. Es wurde von Reed Hastings und Marc Randolph 1997 in Los Gatos (Kalifornien) gegründet und verlieh Filme auf DVD über eine Online-Videothek. Das Streamingangebot kam vor zwölf Jahren dazu.
Das Sortiment: Das Unternehmen begann mit 30 Mitarbeitern und 925 Filmen. Nach einer Zählung hatte Netflix im Januar 2014 angeblich eine Anzahl von 6 494 Filmen und 1 609 Serien im Sortiment. Amazon Video, Maxdome und Sky sind Hauptkonkurrenten.
Die Suche: Internationale Serien lassen sich bei Netflix zum Beispiel finden, indem man Ländernamen statt den üblichen Titeln ins Suchfenster eingibt. Auch Suchmaschinen wie Flixable.com helfen bei der Suche nach den internationalen Produktionen.
--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---
Bildunterschrift: Welterfolg aus Spanien: "La casa de papel" (Haus des Geldes). Polizisten als Volltrottel, darum geht es in der Komödie "Hashoter Hatov". Undercover-Arbeit im Westjordanland zeigt die israelische Serie "Fauda" (Chaos). Die Anti-Drogen-Politik auf den Philippinen, darum geht es in "Amo". NETFLIX (4)