Retrospektive, Preisträger, Lothar Lambert
Von Tilman Baumgärtel
I.
Das Kino Central liegt befindet sich in einem der Hackeschen Höfe in Berlin-Mitte, einer labyrintartigen Aneinanderreihung von Höfen hinter Hinterhöfen hinter Hinterhinterhöfen. Das ganze Areal liegt zwischen Rosenthaler und Sophienstraße. Einige der Hackenschen Höfe sind von aspirierenden Berliner Immobilienhaien renoviert und mit Yuppie-Cafés und -Restaurants bestückt worden; tagsüber trotteln hier Touristen-Gruppen mit Kamera vor dem Bauch und Stadtplan in der Hand durch die Gefilde, und essen Apfelkuchen in einem der Yuppie-Cafes, bevor sie sich wieder in die Baustellen-lastige Umgebung wagen.
Aber der Hof, in dem das Central liegt, sieht noch aus wie in Vor-Wendezeiten: die Wände schmutzig grau-braun, nur eine bläulich schimmernde Lichterkette glänzt nach Einbruch der Dunkelheit im Trüben, gegenüber von dem Kino ist eine Bar ohne Namen, in die man nur kommt, wenn man das richtige Paßwort kennt. Hierher kommt kein Tourist, und auch die Besucher der Berlinale 1998 finden nur zögernd ihren Weg zum Central.
Dabei versteckt sich hier einer meiner Lieblingsorte der Berlinale: Hier laufen die B-Filme, an denen die Gebrüder Siodmak, in den 40er und 50er Jahren gearbeitet haben. Für fünf Mark wird man ab 14:00 Uhr non-stop eingelassen, und erst um sechs wieder rausgeworfen. Die Filme, die hier gezeigt werden, haben Titel wie "Creature with the Atom Brain", "Frankenstein meets the Wulf Man", "The Beast with the Five Fingers" (mit Peter Lorre!) oder "The Lady and the Monster". Die Art von Filmen, die vor vierzig Jahren in Autokinos gezeigt wurden, damit man sich vor Furcht in sein jeweiliges Date verkrallen konnte.
Aber halt, wir sind bei der Berlinale, und die Idee hier ist nicht, sich im Kino an seinen jeweiligen Lebensabschnittspartner zu klammern, wenn ein Monster, das aussieht, als sei es zu 90 Prozent aus Pappmache und zu 10 Prozent aus Auto-Ersatzteilen gebastelt, eine kreischende Frau verfolgt, die ihr Date aus den Augen verloren hat. Das hier ist eine filmhistorisch relevante Retrospektive von Filmen der Gebrüder Siodmak, denen eine der zwei Retros der diesjährigen Berlinale gewidmet ist. Die Gebrüder Siodmak mußten als deutsche Juden 1933 Berlin verlassen, und verdingten sich mit wechselndem Glück als Regisseur beziehungsweise Drehbuchautor in Hollywood.
Im Central laufen vor allem Filme von dem ANDEREN Siodmak. Nicht Robert, der wegen seines Stummfilms "Menschen am Sonntag" (1928), den er zusammen mit Billy Wilder, Fred Zinnemann ("Zwölf Uhr Mittags") und Georg Ulmer gedreht hat, einen Platz in der deutschen Filmgeschichte sicher hat und auch in Hollywood einige bekannte Film Noirs drehte ("The Spiral Staircase" (1945), "The Dark Mirror" (1946)). Sondern Kurt (oder, wie es bei der Berlinale heißt: Curt) Siodmak, der eigentlich Schriftsteller war, und sich in Hollywood als "scriptwriter" für B-Filme wiederfand, für deren Drehbücher seine Englisch-Kenntnisse gerade noch ausreichten.
Gelegentlich durfte er auch Regie führen (bei unvergessenen Meisterwerken wie "The Magnetic Monster" (1953)). Aber bekannt ist er vor allem wegen eines Romans, der gleich dreimal verfilmt wurde: "Donovans's Brain", die Geschichte von dem Gehirn eines Super-Wissenschaftlers, das - in Spiritus eingelegt - immer noch zu Super-Schandtaten fähig ist.
Man weiß nicht, ob die Organisatoren sich so ganz klar darüber waren, welchen Trash sie sich auf die Berlinale holen würden, als sie die Gebrüder Siodmak zum Retrospektiven-Thema erkoren. Aber auf jeden Fall saßen die wenigen Berlinale-Besucher, die sich in das Central in Berlin-Mitte verirrt hatten, mit viel Vergnügen in dem kleinen, engen Kino und freuten sich über so viel billgern Schund aus den 50ies bei so einem aufgeblasenen Festival.
Wir sind in Mitte, das Zentrum der Berlinale im Hotel Interconti beim Bahnhof Zoo ist in weite Ferne gerückt, und man verpaßt gerne die U-Bahn zum nächsten Film, um den Protagonisten von "The Magnetic Monsters" sagen zu hören: "There is something out there - and it's not human."
II.
Überhaupt: Retrospektiven bei Filmfestivals sind eine feine Sache: Film-Connaisseure können sich in die Sessel von schönen Kinos sinken lassen, um auf riesigen Leinwänden Filme zu gucken, die man sonst nur noch im Fernsehen oder auf Video zu sehen bekommt. Bei der Berlinale sind diesmal Catherine Deneuve und eben den Gebrüdern Siodmak Retros gewidmet. Sehr schön.
Aber - war da nicht noch was?
Bei allem 50s-Trash-Vergnügen: 1998 ist auch das Jahr, in dem man sich bei der Berlinale an das 30jährige Zurückliegen des Mai 1968 erinnern könnte. Der ist zwar noch nicht so lange her, wie die filmischen Höchstleistungen der Gebrüder Siodmak, aber dafür hätte es wirklich etwas mit der Berlinale zu tun: 1968 (damals fand das Festival noch im Sommer statt) hatten die Berlinale-Organisatoren nämliche berechtigte Angst, daß ihrem Festival von randalierenden Studenten ein jähes Ende bereitet werden könnte.
Nicht nur, daß gerade mal einen Monat vor Festivalbeginn einige der schlimmsten Straßenschlachten der APO nicht weit vom Zoo-Palast stattgefunden hatten. Vor allem waren zuvor schon andere Filmfestivals wegen Protesten abgebrochen worden. In Cannes waren '68 die Herren Truffaut und Godard persönlich dafür verantwortlich, daß sich die Festivalangestellten dem Generalstreik anschlossen, der zu dieser Zeit den Rest Frankreichs lahmlegte: sie hielten einfach den Vorhang vor der Leinwand im großen Saal des Kasinos zu, und das Festival war "geschlossen". In Berlin erzwangen Studenten der Filmakademie, daß ihre radikalen Agitationsfilme gezeigt wurden. Werner Herzog mietete ein Kino in Neuköln, um den Berliner Proletariern die Festivalfilme zu zeigen. Trotzdem wurde bei einer Podiumsdiskussion wurden Herzog und Alexander Kluge mit Eier beworfen (unter den Eier-Werfern war das spätere RAF-Mitglied Holger Meins, damals Student an der West-Berliner Film-Akademie).
Von dieser Aktion gibt es Filmaufnahmen, und auch sonst käme zum Thema 1968 einiges an Kino-Material zusammen: von Godards "Chinesin" und seine "Cine-Tracts" über die Agitationsfilme, die damals an der Berliner Filmakademie entstanden, bis zu Dokumentarfilmen wie "Der Polizeistaatsbesuch" von Roman Brodman. Einige der damaligen SDS-Mitglieder (wie Rudi Dutschke und Rainer Langhans) waren sogar echte Filmfans, die sich von Malles "Viva Maria" zum politischen Kampf anregen ließen.
Die Berlinale will sich mit dieser deutschen Geschichte nicht auseinandersetzten, und setzt stattdessen auf Bewährtes, Zeitloses. Immerhin, ganz vergessen ist die ganze Sache trotz ideologischen Rollbacks in Deutschland nicht: beim diesjährigen Kurzfilmfestival in Oberhausen im April wird 1968 eine eigene Filmreihe gewidmet.
III.
Ach so, die Preisträger. Ich nicht, und auch sonst niemand, den ich während der Berlinale getroffen habe, hat einen dieser Filme gesehen. Die Ami-Major-Filme (Gus Van Sants "Good Will Hunting", "The Big Lebowsky" von den Gebrüdern Coen, Tarantinos "Jackie Brown"), an die wie immer meisten Preise gingen, werden in der Regel sowieso kurz nach der Berlinale in deutschen Kinos gezeigt; es gibt also keine Grund, sie sich ausgerechnet währen der Berlinale anzutun. Aber sie sind der Grund, aus dem die Berlinale Jahr für Jahr stattfindet, nicht wegen der vielen schönen Filme im Forum, im Panorama oder in der Retrospektive, und deswegen seien sie hier kurz genannt.
Überrasschungssieger dieses Jahres ist "Central do Brasil" von Walter Salles, den wohl niemand als aussichtsreichen Aspiranten auf den "Goldenen Bären" angesehen hätte. Der Film erzählt von der Suche eines Neunjährigen nach seinem Vater. Ein "Silberner Bär" ging an Barry Levinsons "Wag the dog", der auf verblüffende Weise George Clintons Sexaffäre antizipiert hatte. Als bester Schauspieler wurde Samuel L. Jackson (aus Quentin Tarantinos "Jackie Brown"" ausgezeichnet, der zweite Preis ging an Matt Demon ("Good Will Hunting"). Die Weisheit solcher Juryentscheidungen soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden, große Überraschung löst es aber nicht aus, daß drei amerikanische Mainstream-Produktionen bedacht wurden. Robert De Niro, der in drei Wettbewerbs-Filmen zu sehen ist und nach seiner Pariser Verhaftung doch noch in Berlin eintraf, ging übrigens leer aus.
IV.
Bei allem bescheidenen Glamour der Berlinale war freilich nicht zu übersehen, daß eins der wichtigsten Themen der Berlinale-Filme der Untergang des Sozialstaats-wo wie-wir ihn-kennen in Deutschland war. Iin "Das Frankfurter Kreuz" von Romuld Karmka ("Der Totmacher") agieren die Darsteller zwar eher theaterhaft, um das Ende des 20. Jahrhunderts mit einem allgemeinen Untergang des Sozialen in Deutschland zu verbinden; und auch in Achternbuschs "Neue Freiheit keine Jobs" ist die Krise eher ein dramatischer Plot, der auch im Theater stattfinden könnte. Aber spätestens in "Münchner Freiheit " von Harald Rumpf kommt es dann knallhart: der Regisseur hat lange genug selbst Platte gemacht, um seinem Thema (Obdachlose in München) mehr als nur Pitoreskes oder Mitleidiges, wie es das deutsche Fernsehen liebt, abzuringen.
Keine Berlinale wäre freilich vollständig ohne einen neuen Film von Lothar Lambert - das ist auch kein Problem, denn der Berliner John Waters produziert seit 1971 mindestens einen abendfüllenden 16-Milimeter-Film pro Jahr. Wahrscheinlich werden in Lamberts Produktionen noch Transen zu "Village-People"-Nummern durch Berliner WG-Zimmer tanzen, wenn sich außer ihm niemand mehr erinnernd kann, wer die "Village People" waren: "Und Gott erschuf das Make-Up" spielt - aber das ist schon fast egal - in einem Therapie-Projekt für obdachlose Transsexuelle, eine Handlung kann man sich aus dem Kabarett-artig aneinander montieren Szenen auch zusammenklauben, wenn man wert darauf legt, und einer der Running Gags ist ein türkischer Transvestit mit Putzfimmel (weil die Mutter Putzfrau war).
Entweder man findet sowas lustig, oder eben nicht. Über die Berliner Schwulen-Szene ist Lambert im Gegensatz zu Rosa von Praunheim kaum hinausgekommen, aber hier wird er geliebt. Und als Lambert nach der Premiere von "Und Gott erschuf das Make-Up", der der Abschlußfilm der 98er Berlinale war, mit seinen Darstellern vor die Leinwand trat, kam sogar mal sowas wie Glamour auf: So viel glitzernden Schmuck, so hoch toupierte Haare, und so extravagant geschnittene Kleider, waren bei der offiziellen Preisverleihung auf keinen Fall zu sehen!