Warum ich in diesem Jahr nicht zur Transmediale gehe

Von Tilman Baumgärtel

Das Berliner Medienkunstfestival Transmediale zeigt in diesem Jahr keine Ausstellung. Statt dessen wird bei diversen Panels und Podiumsdiskussionen darüber diskutiert, welche Rolle Gefühle und Empathie in der digitalen Kultur spielen; eine Keynote handelt von „Formen der Langeweile in prekären Zeiten, Gefühls-Infrastrukturen und der gegenwärtige Politik.“ Soso.

Dem unvoreingenommenen Beobachter mag es merkwürdig vorkommen, dass eine Kunstveranstaltung praktisch ohne ausgestellte Kunst auskommt. Doch in diese Richtung hat Festivalleiter Kristoffer Gansing die Transmediale seit seinem Amtsantritt 2012 systematisch gesteuert: aus einer Ausstellung mit diskursivem Beiprogramm wurde eine Diskursveranstaltung mit beigefügter Kunst – oder eben auch ohne Kunst. Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Transmediale auf eine Ausstellung verzichtet, als wäre eine solche etwas irgendwie Degoutantes.

2013 veranstaltete man in dem Ausstellungssaal im Haus der Kulturen der Welt, wo das Festival stattfindet, lieber einen Hackathon, bei dem Bastler aus der ganze Welt an ihren Technikprojekten schraubten. Und 2015 machte schon das Festivalmotto „Conversationpiece“ (Konversationsstück) klar, dass das Reden gegenüber den bildenden Kunst im Vordergrund stand, eine Ausstellung entfiel abermals.

Es handelt sich also nicht um ein einmaliges Ausscheren, das die eingespielte Routine des Festivals produktiv stören soll, wie wohlmeinende Interpreten die Ausstellungsverweigerung verstehen wollen. Eher hat die Transmediale unter Kristoffer Gansing durchgehend den Eindruck erweckt, dass sie auf die Präsentation von sinnlich erfassbarer Kunst eigentlich gut verzichten kann oder dies als lästige Pflicht ansah, die man am besten externen Kuratoren überantwortet.

Ich finde das schade. Denn ich würde die Kunst, die die Transmediale zeigen könnte, gerne sehen. Aber im diesjährigen Programm finde ich nichts, das mich dazu bewegen würde, mich durchs winterlich kalte Berlin zum Haus der Kulturen der Welt zu verfügen.

Dabei bin ich quasi die Definition der Transmediale-Zielgruppe. Seit ich vor zwanzig Jahren ein Buch über Kunst im Internet geschrieben habe, interessiere ich mich dafür, wie Künstler mit Medientechnologien umgehen. Wie sie die Grenzen der Technik ausreizen oder diese wie Hacker knacken. Wie sie Medien gegen ihre scheinbar unhintergehbare Nutzungslogik einsetzen. Wie sie aus dem angeblich objektiven und alternativlosen Funktionieren der Maschinen die eingeschriebene Ideologie heraus präparieren.

Viele dieser Arbeiten verzichten dabei auf ihre Materialisierung im Ausstellungsraum und sind tatsächlich schwer ausstellbar. Sie finden im Netz oder in einer App oder als Oberflächenfunktion der Blockchain statt; ihre mediale Rezeption kann für die Wirkung solcher Arbeiten relevanter sein als ihre physische Existenz. Genau so viele Werke der aktuellen Medienkunst können aber problemlos ausgestellt werden, oder funktionieren sogar nur im Raum einer Galerie oder eines Museums.

Wenn man sie dort zeigt, ist das eine Einladung, sich mit ihnen zu auseinanderzusetzen, die Möglichkeit, eine Diskurs zu beginnen. Das Projekt der Transmediale, die Debatte unter Experten auf den verschiedenen Bühnen im Haus der Kulturen der Welt zu monopolisieren, ist darum eine Stück weit auch eine Entmündigung des Publikums.

Und die verläuft nach dem immer gleichen, müden Ritual: Panel nach Panel werden Powerpoint-Präsentationen heruntergespult, auf deren Gestaltung oft große Mühe verwendet wurde; sollte es sich um ein „Diskussion“ handeln, kommen weitere Sprechende hinzu, und man wechselt sich mit Überleitungen wie „Thanks for the great talk“ und „You just made an excellent point“ ab. Auch bedingt durch den zunehmenden Sauerstoffmangel in den gut besuchten, mollig warmen Konferenzsäle werden beim Zuhörern irgendwann die Augenlider schwer. Dann werden drei Fragen aus dem Publikum erlaubt. Und dann ist Schluss, weil man die Bühne das nächste Panel räumen muss, aber wir können uns ja draußen weiter unterhalten.

Ganz anders macht es CTM, das hyperaktive „Schwesterfestival“, das einst als Abendveranstaltung mit dem Namen Club Transmediale aus dem Medienkunstevent hervorgegangen ist. Sage und schreibe sechs Ausstellungen an verschiedenen Orten der Stadt sorgen dafür, dass das Festival auch jenseits seiner Zielgruppe zur Kenntnis genommen wird und immer weitere Kreise zieht. Die spektakuläre Installation „Skalar“ im Kraftwerk Mitte sahen im vergangenen Jahr 40.000 Leute – und dass, obwohl sich CTM bis vor kurzem von Jahr zu Jahr mit Förderung aus immer anderen Töpfen durchhangeln musste.

Die Transmediale wird hingegen mit einem regelmäßigen Budget der Bundeskulturstiftung bedacht. Nicht auszuschließen, dass man sich dort angesichts der anämischen Präsentation früher oder später überlegen wird, ob man weiterhin eine Veranstaltung unterstützen will, der offenbar ihr Gegenstand abhanden gekommen ist. Man will Kurator Gansing nicht unterstellen, dass ihm die Zukunft des Festivals gleichgültig ist und er es sich deswegen leicht macht. Aber es ist schon so, dass seine Amtszeit 2020 endet und etwaige Konsequenzen seiner Verweigerungshaltung ein Nachfolger ausbaden muss.

Vielleicht gibt es 2021 unter neuer Leitung aber auch wieder Kunst beim Medienkunstfestival zu sehen. Und dann gehe ich auch wieder hin.

Transmediale bis zum 3. Februar 2019 im Haus der Kulturen der Welt