Bis zur letzten Platte

Portrait von André Galluzzi, dem ehemaligen Resident-DJ des Ostguts

Von Tilman Baumgärtel

„Ich war zur letzten Party 25 Stunden im Ostgut und bereue nicht eine einzige Sekunde innerhalb dieser drei Jahre, die ich am geilsten Ort der Welt verbracht habe. Ich kann immer wieder nur heulen, wenn ich daran denke, nie wieder das alte Ostgut betreten zu können. Ich habe meine geilsten Partys bei Euch und mit Euch gefeiert, super viele Leute kennen gelernt, zig Liter Schweiß verloren und Millionen von Tränen fürs Ostgut gelassen, und ich sehe kein Ende in Sicht... WARUM TUT ES NUR SO WEH??? Alle Leute die zum Ostgut gehörten und immer noch gehören (das gesamte Team, die DJ’s und die ganzen Party-Gäste) und natürlich die megageilste Location, die es jemals gab, erst das alles hat es ermöglicht, diese Legende zu erschaffen!!! Ich könnte nur noch schreien, weinen... und dann tauchen wieder diese schönen Erinnerungen auf... und wieder muss ich weinen... ICH VERMISSE EUCH ALLE SO!!!“

So steht es im Gästebuch auf Website des Ostguts. Zwar wurde der Club vor mittlerweile drei Wochen geschlossen, weil an seiner Stelle im ehemaligen Ostberliner Güterbahnhof demnächst von einer amerikanischen Investorengruppe eine Sporthalle gebaut werden soll. Aber immer noch vergeht kein Tag, an dem nicht einige Nachtschwärmer ihre Trauer über den Verlust des Ostguts im Internet dokumentieren: ****„Was wir (im Ostgut) erlebt haben, ist für Menschen, die nie dort gewesen sind, wohl nicht nachvollziehbar. Eine Schöpfung aus Wahnsinn, Lust und Schmerz, aus Liebe und maßlosem Sex, bizarren Substanzen und Extase. Eine Schöpfung, die ohne geniale Inspiration nicht möglich gewesen wäre. Ein eigenes Universum. Anarchie. Immer ganz oben. Immer bis an die Grenzen. Und die Grenzen wurden jedes Wochenende durchbrochen, um neue Maßstäbe zu setzen. Und das ist auch jedes mal gelungen. Ich habe noch keinen Ort erlebt, an dem alle nur denkbaren Gegensätze gelebt werden konnten. Das Ostgut war wie der Turmbau zu Babylon. Ein ehrgeiziges Projekt, am Ende doch zu Fall gebracht von kleingeistig-pietistischen Gemütern aus dem Norden Amerikas.“

Andere halten wehmutsvoll ihre Erinnerungen fest: ****„Bisher habe ich keinen anderen Ort gefunden, wo man die Brüste einer wunderschönen Frau in den Händen halten darf, während man sich mit ihr und ihrem Lover über Sprachphilosophie, mittelalterliche Baukunst und das Paarungsverhalten von Tintenfischen unterhält – derweil auf den Sesseln gegenüber sich zwei Tätowierte im Rentenalter mit stundenlanger Hingabe gegenseitig einen blasen und im Hintergrund die göttlichste, ausgeklügeltste und herzenzersprengendste Musik der ganzen weiten Welt tobt“.

Das Gästebuch des Ostguts ist zu einem beeindruckendes Dokument der Berliner Clubkultur geworden. Würde man es ausdrucken, könnte man inzwischen wohl die Wände eines mittelgroßen Zimmers damit tapezieren; wer einmal angefangen hat, darin zu lesen, kann nicht anders als sich berührt fühlen. Und ein Name taucht immer wieder auf, wenn die Nächte und darauffolgenden Tage im Ostgut beschrieben werden: „André“. „Laberstunden (gern mit netten Wildfremden) in durchgesessenen Sofas, durch-die-Gegend-laufen-und-die-anderen-suchen, einen ausgeben, zu Andrès Musik tanzen und grinsen, ausruhn, durch pitschnasse Klos stapfen, wieder tanzen müssen und irgendwie glücklich sein.....und dann wurde es draußen erst hell, dann wieder dunkel und dann fast wieder hell :-) und ich war immer noch und wieder am tanzen.“

„André“ – damit ist André Galluzzi gemeint, der als „Resident-DJ“ des Ostguts mehrere tausend Menschen nächte- und tagelang am Tanzen gehalten hat. Denn Galluzzi war mehr als ein DJ, er gehörte zu den Attraktionen des Clubs. Mindestens acht Stunden, meistens noch länger legte er Platten auf, dann schleppte er gegen Morgen seine beiden Plattenkoffer noch in den Garten des Ostguts.

In den kamen zwar nach einen Ostgut-Spruch „nur die Harten“. Doch obwohl er direkt an der Berliner Bahntrasse lagen, hatte er im Sommer etwas von einer Oase. Und da spielte er dann für den beginnenden Tag noch mehr Musik, nun ein bisschen sanfter als in der Partyhölle auf dem Mainfloor, bis er endgültig nicht mehr konnte und die letzten Platte auflegte. Und dann, nach Bitten und Betteln seiner Fans, noch eine letzte Platte. Und noch eine. Und noch eine.

Im Internet-Gästebuch des Ostguts schreibt einer: „Galluzzi kommt!!! Wann spielt er??? Was zieh ich an??? Sind meine Haare so ok??? Endlich wird mein Ohr mal wieder gefickt!!! Und dann auch noch so schön von hinten quer links rein!!!“ Und ein anderer: „Schon wieder mal die Seele aus dem Leib getanzt und schon wieder mal vergessen, dass es so spät war, ging ja auch nicht anders ... danke Andre!“ Und noch ein anderer: „Mit der Musik vom Meister Galluzzi selbst im Ohr vergingen die Stunden, ohne das man das so wirklich mitbekommen hat. Plötzlich war Sonntagabend... Wir sollten uns einfach am nächsten Samstag wieder im Ostgut einfinden und Herrn Galluzzi huldigen.“

„Dass musst du unbedingt schreiben, dass ich mich bei all den Super-Leuten bedanke, die mich im Ostgut so unterstützt haben“. Das sagt André Galluzzi dreimal während unseres Interviews, und sieht mir dabei direkt in die Augen. Er sieht einem überhaupt oft in die Augen. Denn André Galluzzi geht es um den direkten Kontakt mit seinem Gegenüber, egal ob es ein Interviewer oder eine Meute feiernder Menschen ist. „Kleine Party-Sau“ nennt man in ihn einer Eintragung im Gästebuch des Ostguts liebevoll.

Andere Berliner Diskjockeys suchen lediglich den Blickkontakt mit den Etiketten auf ihren Platten. Auf der Tanzfläche sieht man von ihrem nach vorne über das Mischpult gebeugten Gesicht nur die Haarsträhnen, die ihnen in die Augen hängen. Im Vergleich dazu ist André Galluzzi ein Volkstribun, der auch gerne mal ein Bad in der Menge nimmt: „Wenn ich aufs Klo musste, habe ich eine lange Platte aufgelegt, bin quer über die Tanzfläche gegangen und habe ein bisschen mit den Leuten gefeiert.“ Wenn er es hinter den Plattentellern vor Vergnügen über den eigenen Mix gar nicht mehr aushielt, drehte er kurz die Musik runter, und brüllte seinen Schlachtruf über die Tanzfläche.

Wenn man ihn am hellen Nachmittag darauf anspricht, scheint ihm das kurz peinlich zu sein, den Ruf kann er jetzt auch nicht nachmachen, aber dann sagt er: „Für mich ist Plattenauflegen eben auch Entertainment.“ Doch wie eine „kleine Partysau“ sieht er eigentlich nicht aus, als er mir an einem Tisch in einem Café in Berlin-Mitte gegenüber sitzt. Da haben wir einen jovialen Menschen, der allen Gepflogenheiten des Nachtlebens widersprechend so gut wie pünktlich zu unserer Verabredung eintrifft und einen sofort in ein Gespräch verwickelt. Zwar murmelt er beim Eintreffen standesgemäß etwas von „nur drei Stunden Schlaf“ und dass es gestern „beim Geburtstag eines Freundes spät geworden“ sei, bevor er sich von der Kellnerin ein Glas puren Zitronensaft bringen, den er sich zum Wachwerden in einem großen Schluck herunter gießt. Aber bei der folgenden Fotosession im eisigen Café-Garten lässt er sich geduldig in der winterlichen Kälte herumschieben. Und bei unserem anschließenden Gespräch lässt er vor lauter Auskunftsfreude sein Essen stehen.

„Dass Ostgut war definitiv der Club, der mich inspiriert hat, das Letzte zu geben. Manchmal habe ich über zehn Stunden aufgelegt.“ Sein Rekord war die Silvesterparty 2002/2003, bei der er 14 Stunden hinter den Plattentellern stand. Wie er das physisch ausgehalten hat? „Das möchte ich auch mal wissen. Im Ostgut war es am er DJ-Pult oft so heiß wie in einer Sauna. Da ist mir manchmal schon nach wenigen Minuten der Schweiß von den Händen auf die Platten getropft ist. Die sind mir oft buchstäblich weggeschwommen.“ Schnell stand Galluzzi mit bloßem Oberkörper am Mischpult, und mixte und mixte. „Wenn die Leute auf der Tanzfläche das Stück, das gerade läuft, hören, bin ich mit dem Kopfhörer meist schon beim nächste, und in Gedanken beim übernächsten. Manchmal kommt man sich dabei vor wie ein ISDN-Anschluss, bei dem gleichzeitig drei Telefonate reinkommen. Wenn ich mit dem Auflegen fertig bin, ist mein Gehirn richtig durchgespült und ich höre ich nur noch Strukturen und Wege von einem Stück zum anderen“, sagt er.

Dass er so lange spielen kann, war seine ausdrückliche Bedingung, als er erster DJ im Ostgut wurde: „In drei Stunden muss ich das, was ich sagen will, total komprimieren. Was ich mache, kann man vielleicht am ehesten mit einem Film oder einem Theaterstück vergleichen. Dafür sollen sich die Leute erst mal richtig eingrooven. Im Ostgut hing es dann erst zwischen 4 und 8 Uhr morgens so richtig zur Sache.“ Manche Clubgänger haben bei seinen Gigs acht Stunden ohne Unterbrechung getanzt, und sich von ihm in „Klanglandschaften“ mitnehmen lassen. Von DJ-Tricks wie Scratchen oder Cutten hält er nichts: „Für mich ist es am wichtigsten, dass die Leute hypnotisiert werden. Wenn ich eine Platte aussuche, dann soll sie auch ganz laufen. Manche Stücke entfalten sich erst nach zwei Dritteln“, sagt Galluzzi mit unüberhörbarem hessischen Akzent.

Seine DJ-Karriere hat Galluzzi 1990 in Frankfurt/Main begonnen. Den dort praktizierenden Sven Väth betrachtet er als Geistesverwandten: „Sich beim Auflegen gehen lassen, nicht auf die Uhr gucken – da sind wir uns ähnlich.“ 1995 kam er nach Berlin, wo der 29jährige Halb-Italiener zuerst im Tresor auflegte. Zusammen mit dem Musiker und Produzenten Paul Brtschitsch gründete er sein Label „Taksimusic“, auf dem in dieser Woche auch die Mix-CD „Im Garten“ erscheint, die den Sound seiner Ostgut-Garten-Sessions dokumentiert. Galluzzi lebt heute in Prenzlauer Berg, und ist seit einem Jahr verheiratet – die Trauung fand in der Sat.1-Sendung „Sag ja“ statt.

Nach einem neuen Club, in dem er als Resident auflegen kann, sucht er bis auf weiteres nicht. In Berlin wird er darum erst mal nur noch sporadisch bei Partys zu hören sein, und ansonsten Gigs in Deutschland und im Ausland annehmen: „Ich warte, ob die Macher von Ostgut einen Ort für einen Club finden. Erst wenn sie mir sagen, dass es definitiv kein neues Ostgut geben soll, suche ich mir eine andere Stelle als Resident-DJ.“

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Andre Galluzzis Mix-DC „Im Garten“ ist gerade bei taksimusic erschienen. Am 24. Januar legt er im Glaswerk in Alt-Stralau auf.

Tilman Baumgaertel

Tilman Baumgaertel

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