Jailhouse Rock" und "Unchained Melody". Das sind zwei Titel, die jeder kennt und die immer noch bei Napster zu finden sind. Carey Ramos, der Anwalt des Verbands der Amerikanischen Musikindustrie (RIAA), hatte am Vorabend des Gerichtstermins gegen Napster noch einmal nachgesehen und die Pop-Klassiker im Archiv der Musiktauschbörse gefunden. Hätte er weitergesucht, er hätte noch viel mehr Musik gefunden, die zwar durch das Urheberrecht geschützt ist, aber trotzdem bei Napster heruntergeladen werden kann.
Denn bisher sind die Versuche von Napster, copyrightgeschützte Musik aus ihrem System zu verbannen, von wenig Erfolg gekrönt gewesen. Eine Liste mit 600 000 Titeln, die umgehend aus dem System zu entfernen seien, hatte die Musikindustrie Napster Anfang März zur Verfügung gestellt. Bei einem Gerichtstermin am Dienstag in San Francisco behaupten die Vertreter des Unternehmens, dass sie inzwischen 311 000 Songs mit einer neuen Software ausfiltern könnten.
"Es funktioniert nicht"
Ganz anders sahen das die Anwälte der Plattenindustrie: Trotz der gerichtlichen Anordnung zur Löschung aller urheberrechtlich geschützten Songs stünden immer noch 84 Prozent der von der R.I.A.A. genannten Musiktitel bei Napster zum Download zur Anwalt Ramos: "Was auch immer sie unternehmen, es funktioniert nicht." Die Software, die Napster zum Blockieren der Titel verwende, sei nicht ausreichend. Nach Ansicht der RIAA gleiche der Filter einem "Regenschirm voller Löcher, der als Hurrikan-Schutzraum ausgegeben wird".
Napster hält dagegen, die Musikindustrie habe gar nicht alle Informationen zur Verfügung gestellt, um die Auflagen des Gerichts zu erfüllen, alle geschützen Werke zu blockieren. Die Listen enthalten zahlreiche Schreibfehler und andere Unklarheiten.
Doch Richterin Marilyn Patel schloss sich der Ansicht der Musikindustrie an: Die Filterversuche von Napster seien "erbärmlich". Wenn es den Usern möglich sei, gesperrte Songs zu finden, dann müsse auch die Filter-Software dazu in der Lage sein. "Finden Sie eine Methode, die Songs auszufiltern, nach denen man suchen kann", wies die Richterin die Vertreter des Unternehmens an, und fügte hinzu: "Sie haben dieses Monster geschaffen, Sie bringen das auch wieder in Ordnung." Wenn es nicht möglich sei, die copyrightgeschützten Songs zu sperren, "müsse man das System vielleicht ganz schließen", warnte Patel.
Vor einem endgültigen Urteil gegen das ums Überleben kämpfende Unternehmen will das Gericht aber noch einen technischen Sachverständigen anhören: A.J. Nichols. Der Computerexperte genießt in den USA hohes Ansehen. Er beriet die Gerichte schon im Rechtsstreit zwischen Sun Microsystems und dem Software-Riesen Microsoft. Laut der Internet-Publikation CNET ist er seit zwei Wochen mit dem Fall befasst.
So blieb die einzige gute Nachricht für Napster, dass das Gericht nicht beabsichtigt, die Investoren des Unternehmens für mögliche Verstöße gegen das Urheberrecht zur Rechenschaft zu ziehen. "Die Investitionen sind nicht groß genug, um sie haftbar zu machen", sagte die Richterin. Die Bertelsmann AG und die US-Risikokapitalfirma Hummer Winblad sind Napsters wichtigste Unterstützer. Auch Verfahren gegen Napster-Gründer Shawn Fanning und Hank Barry, den Geschäftsführer des Unternehmens, wollte sie nicht eröffnen.
Außerdem lehnte die Richterin den Antrag ab, das von den führenden US-Musikkonzernen betriebene Verfahren gegen Napster um eine Sammelklage von mehreren tausend Musikern und Textautoren zu erweitern. Darum bemüht sich der Verband der Musikpublizisten (NMPA), der 26 000 Mitglieder vertritt.
Nach Angaben von Napster ist inzwischen jeder dritte Angestellte mit dem Blockieren der Songs beschäftigt. Die Anstrengungen hätten dazu geführt, das die Nutzer im Durchschnitt weniger als halb so viele Dateien austauschen wie früher. Dem widersprach das US-Internet-Marktforschungsunternehmen Webnoize. Nach seinen Angaben stieg die Anzahl der getauschten Dateien in der letzten Märzwoche um 25 Prozent auf 593 Millionen Downloads im Vergleich zur Vorwoche.
Der deutsche Medienkonzern Bertelsmann bemüht sich unterdessen darum, von allen großen Plattenfirmen die Lizenz für den Musikvertrieb im Internet über ihre Firma MusicNet zu bekommen. Bertelsmann hatte vor zwei Wochen zusammen mit den Plattenfirmen EMI und Warner Music sowie dem Software-Unternehmen Real Networks die Internet-Musikplattform MusicNet gegründet. Von MusicNet soll Napster eine Lizenz erwerben können, wenn die Firma einen sicheren und kostenpflichtigen Service anbietet, sagt Sprecher Frank Sarfeld. "Das wird am 1. Juli der Fall sein."
Lizenzen tauschen
Größter Konkurrent von MusicNet ist der Online-Dienst Duet, den die beiden Plattenfirmen Sony und Universal gegründet haben. Zurzeit verhandeln Bertelsmann-Manager darüber, ob Duet und MusicNet ihre Lizenzen austauschen. Dann könnten Internet-Unternehmen wie Napster die Rechte für etwa 80 Prozent aller Musiktitel bei einer einzigen Firma erwerben.
Die "Financial Times" hatte am Mittwoch berichtet, Bertelsmann habe seinen Plan aufgegeben, die anderen Plattenfirmen von einem Beitritt zur Allianz mit Napster zu überzeugen. "Es gibt keine Änderung unserer Strategie", dementierte Bertelsmann-Sprecher Sarfeld.
Bertelsmann war im Herbst aus der Reihe der gegen Napster klagenden Unternehmen ausgeschert und will die kostenlose Internet-Musiktauschbörse in einen kostenpflichtigen Abo-Dienst umwandeln.
Das könnte allerdings zu spät kommen. Viele Beobachter vermuten, dass die Musikkonzerne mit ihren neuen Firmen den Vertrieb von digitaler Musik im Internet nun selbst übernehmen können. "Nach den Ankündigungen der vergangenen Wochen glaube ich, dass die Großen Napster nicht mehr brauchen", sagte ein Analyst des Marktforschungsinstituts Gartner Inc. der Nachrichtenagentur dpa.