Der spanische Künstler Mario Santamaria führte für die Fotogalerie C/O Berlin zu der verborgenen Internet-Infrastruktur in Berlin

Von Tilman Baumgärtel

„There is no there there“, dekretierte in den 90er Jahren der Internet-Guru John Perry Barlow über die damals neuen Online-Welt, die zu dieser Zeit noch als „Cyberspace“ bezeichnet wurde. Das Netz sollte man sich als ortlosen Ort vorstellen, der unsere physische Welt hinter sich ließ und nur noch aus immateriellen Daten bestand. Heute steckt im Begriff von der „Cloud“, in die wir unsere Fotos, Videos und Sprachnachrichten hochladen, eine ähnlich Vorstellung von einem frei flottierenden Ansammlung von Bits und Bytes.

Die höchst sehenswerte Ausstellung „Songs of the Sky. Photography & the Cloud“, die zur Zeit bei C/O Berlin zu sehen ist, bringt analoge Fotos von den Wolken am Himmel aus den 19. Jahrhundert zusammen mit digitalen Wolkenbildern, die ihre Existenz oft genau der Verbreitung und Bearbeitung in dieser virtuellen Cloud verdanken. Kuratorin Kathrin Schönegg hat dabei einen Schwerpunkt auf Arbeiten gelegt, welche die technische Infrastruktur thematisieren, die solche digitalen Bilder überhaupt erst möglich macht. Und bei einer Stadtrundfahrt am vergangenen Wochenende konnte man im Rahmen der Ausstellung einige der Installationen und Anlagen entdecken, dank derer wir Emails schicken, Netflix-Filme gucken oder uns bei Zoom-Konferenzen langweilen können.

Seit der amerikanische Science-Fiction-Schriftsteller Neal Stephenson 1996 im Auftrag der Computerzeitschrift Wired als „Hacker Tourist“ um den Globus reiste, um die Kabel und Netzknoten zu suchen, durch die das Internet zu uns kommt, sind solche Erkundungen nicht nur ein eigenes akademisches Forschungsfeld geworden – den „Critical Infrastructure Studies“. Auch in der Medienkunst sind Arbeiten, die die physische Grundlage der virtuellen Welt erforschen, mit Arbeiten von Künstlern wie James Bridle, Ingrid Burrington oder Ivar Veermäe fast ein eigenes Subgenre.

Für „Songs of the Sky“ hatte der spanische Künstler Mario Santamaria, der in der Ausstellung bei C/O Berlin auch mit einer Arbeit vertreten ist, zwei Wochen in Berlin nach der physischen Hardware recherchiert, die die virtuelle Realität erst ermöglicht. Im bequemen Reisebus ging es am Samstag aus Charlottenburg in gottverlassene Vororte und gesichtslose Gewerbegebieten. Denn die Infrastruktur des Internets rankt sich, das wurde bei der Tour schnell klar, entlang von Netzwerken, die oft viel älter sind als das Internet.

Für die industrielle Revolution entstanden im 19. Jahrhundert Straßen, Gleistrassen und Kanäle, welche die Vernetzung zwischen Fabriken und Städten, zwischen Produzenten und Konsumenten sicherten. An diesen Route standen und stehen auch die Kraftwerke, die die Energie für die Produktion und Distribution der industriellen Güter lieferten. Heute kommt von ihnen der Saft für die energieintensiven Datencenter und Netzknotenpunkte, in der post-industriellen und globalisierten Welt den Betrieb am Laufen halten und Macht und Profite sichern.

In Siemensstadt liefert zum Beispiel das mit Steinkohle betriebene Heizkraftwerk Reuter West nicht nur Strom für eine Million Haushalte. Auch das größte Datencenter Berlins, das sich in einem gesichtslosen Gebäude am Nonnendamm befindet und von dem japanischen Telekommunikationsunternehmen NTT betrieben wird, deckt seinen hohen Energiebedarf aus dem Kraftwerk an der Spree. Dass hinter einer grauen Fassade ohne irgendeine Beschriftung Social-Media-Posts, YouTube-Videos und Amazon-Bestellungen zirkulieren, würde man freilich nie ahnen. Zum Geschäftsmodells der Internetunternehmen gehört es, ihre Infrastruktur möglichst unsichtbar zu machen, um deren Sicherheit zu gewährleisten.

Auch das Colt Berlin Data Centre in Moabit hat nur ein kleines Firmenschild an einer Tür in einem Hinterhof, in dem sich auch ein Cateringservice und eine Baklava-Bäckerei befindet. Hinter den schmutzig braunen Wänden verbergen sich freilich nicht nur 5300 Quadratmeter voller Internet-Hardware, sondern auch ein eigenes, mit Benzin betriebenes Kraftwerk, das bei Stromausfall den Betrieb für drei Tage sicher stellt.

In Mariendorf sind von dem alten Gaswerk aus dem 19. Jahrhundert nur ein paar kleine Gründerzeit-Verwaltungsgebäude aus rotem Backstein übrig geblieben, die neben dem riesigen Rohbau des neuen Global Data Centers wie Dekorationselemente einer Modelleisenbahn wirken.

Das Vantage Data Center in Ludwigsfelde in Brandenburg, der letzte Stopp der Standrundfahrt, ist dann der totale Unort: zwei halbfertige Gebäudeklötze auf der grünen Wiese, aber mit Autobahnanschluss. Während man zur Zeit der industriellen Revolution die Produktionsanlagen noch mit einem Minimum architektonischer Gestaltung ausstattet, fließen die Daten der postindustriellen Gegenwart durch Bauten ohne jede Formgebung.

„Songs of the Sky. Photography & the Cloud“ noch bis zum 21. April bei C/O Berlin am Bahnhof Zoo