Die Ausstellung „Berlin. Zentrum der Netzkunst“ zeichnet die Entwicklung eines Kunstgenres in der deutschen Hauptstadt nach
Von Tilman Baumgärtel
Zugegeben, eine Augenweide ist diese Ausstellung nicht. Etwas angegilbte Computer mit Röhrenmonitoren aus den 90er Jahren stehen im Zentrum des Raums in der Panke.
Gallery in Berlin-Wedding; Projektionen von Websites und autonom ablaufenden Computerprogrammen sind an die Wand projiziert. Die Ausstellung „Berlin. Zentrum der Netzkunst. Damals und heute“, die die Entwicklung einer eigens für das Internet produzierten Kunst in der deutschen Hauptstadt dokumentiert, demonstriert gleich auf den ersten Blick, warum sich die Kunstwelt bis heute schwer damit getan hat, dieses Genre zu akzeptieren: Man muss schon ein bisschen Nerd sein, um sich zwischen der ganzen Technik wohl zu fühlen.
Und um zu verstehen, dass hier ein höchst ambitioniertes Unterfangen zu besichtigen ist: Die Ausstellung stellt kluge Verbindungen zwischen historischen Netzkunstarbeiten aus der Frühzeit des WorldWideWebs und Arbeiten aus der Gegenwart her. Um das tun zu können, mussten einige der historischen Werken allerdings zunächst einmal aus dem digitalen Nirvana geholt werden. Dank abgestürzter Festplatten, verschwundener Server und mangelndem Interesse ihrer Schöpfer waren drei Arbeiten schon gar nicht mehr im Netz zu finden, die in der Ausstellung gezeigt werden. Kurator Robert Sakrowski musste sich darum zunächst als digitaler Restaurator betätigen und rettete drei Arbeiten vor Bitrot und dem Vergessen. Auch die gammeligen, zwei Jahrzehnte alten Computer sind Teil des mit größtem Ernst betriebenen Bemühens, der Geschichte der Netzkunst historisch korrekt zu erzählen und die historischen Bits auf dem entsprechenden Equipment zu zeigen.
Die geretteten Arbeiten verdeutlichen, warum die Netzarbeiten aus den 90er Jahren es auch heute noch wert sind, gesehen zu werden. Da ist zunächst einmal das Internet-Projekt Internationale Stadt, ein „soziales Medium“, bevor es den Begriff gab, das schon Mitte der 90er Jahre die Funktionen anbot, die es heute bei Facebook gibt: Man konnte sich eine Seite anlegen, mit anderen Nutzern vernetzen und sich Daten zusenden, Gruppen gründen und sich dort mit Gleichgesinnten austauschen. Die Zukunft des Webs war in diesem Projekt vorweg genommen.
Für viele Künstler war der Server des Berliner Internetprojekts auch die erste Möglichkeit, eigene Arbeiten im Web zu zeigen: Webspace war zu dieser Zeit teuer und man musste die Programmiersprache HTML beherrschen, um überhaupt etwas veröffentlichen zu können. Die österreichische Künstlerin Eva Grubinger schuf bei der Internationalen Stadt gleich zwei ihrer ganz frühen Arbeiten: „C@C. Computer Aided Curating“ von 1995, einer Art Gebrauchsanleitung für den Erfolg in der Kunstwelt. Ihr „Netzbikini“ aus dem selben Jahr war aus heutiger Sicht ein Vorläufer der endlosen DIY- und Selbermach-Projekte, die von YouTube-Tutorials bis zu Etsy zu einem definierenden Element der Mitmachkultur des Internets geworden sind. Die Arbeit liefert quasi die Anatomie dieser Projekte: Ein Schnittmuster für den Bikini konnte aus dem Netz heruntergeladen werden; wer ein Bild von sich im selbst geschneiderten Bikini an die Künstlerin schickte, bekam ein Label zum Einnähen mit dem Namen der Künstlerin und besaß so ein Werk von Eva Grubinger, die inzwischen eine international erfolgreichen Karriere hingelegt hat.
Die Macher der Internationalen Stadt sind noch mit einem weiteren Projekt vertreten: dem Clubnetz, einem Chatnetzwerk, das die damals angesagtesten Berliner Clubs wie WMF, Elektro, Tresor, Frisör und andere Berliner Clubs der ersten Stunde miteinander verbunden. In einer Neuauflage in Form einer Android-App kann man mit den Nachtschwärmern von einst parlieren, deren Konversationen auf dem Server des Projekts gespeichert blieben. Ein bisschen unheimlich ist es schon, mit der Vergangenheit eine Art verstrahlten WhatsApp Chat zu führen – in diesem Fall mit orangen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund wie bei den monochromen Kathodenstrahl-Monitoren der Computer-Frühgeschichte.
Die Netzkunst der 90er Jahre verstand sich als kritischer Kommentar zum Hype und der Begeisterung, mit der das Internet in dieser Zeit gefeiert wurden. Doch auch die Künstler von heute, die das Internet als Medium nutzen, formulieren in ihrer Arbeit Alternativen zum Status Quo des Internets. Harm van den Dorpel hat mit “Deli Near Info“ ein alternatives soziales Medium enwickelt, bei dem die Inhalte den Usern nicht mehr von einer linearen „Timeline“ aufgedrängt werden, sondern einfach frei flottierenden über den Bildschirm schweben und mit ihren Betrachter Fangen spielen. Sebastian Schmieg hat bei seiner Arbeit „Search by Image“ Bilder aus der Google Image Suche zu einem Video zusammengefügt, das auch klar macht, wie viel des visuellen Erbes der Menschheit von dem Konzern archiviert und gehalten wird. Durch die Kombination solcher aktuellen mit historischen Arbeiten funktioniert diese Ausstellung fast schon wie eine extrem komprimierte Retrospektive der Netzkunst der letzten 20 Jahre.
„Berlin. Zentrum der Netzkunst. Damals und heute“ bis zum 23. 11. in der panke.gallery, Gerichtstr. 23, Hof 5, 13347 Berlin
Website mit dem Programm der Workshops und Vorträge während der Ausstellung: netzkunst.berlin