Uwe Warnke gründete 1982 in Ost-Berlin die Künstlerzeitschrift „Entwerter/Oder“. Ein Gespräch über das Publizieren unter DDR-Bedingungen, Netzwerke ohne Internet und das Weitermachen nach der Wende.

Interview: Tilman Baumgärtel

?: Sie haben 1982 in der DDR zusammen mit Siegmar Körner die Künstlerzeitschrift „Entwerter/Oder“ gegründet. Unabhängiges Publizieren war in der DDR eigentlich nicht möglich. Wie kam es trotzdem dazu?

!: Siegmar Körner und ich kannten uns aus dem Studentenclub der TU Dresden, wo ich Kartografie studierte, auch von gemeinsamen Besuchen von Jazzkonzerten und vom Trampen usw.. Irgendwann offenbarte ich ihm, dass ich ein paar Gedichte geschrieben hätte. Er darauf: Ich auch. Wir wollten das öffentlich machen und haben von Anbeginn an nicht daran gedacht, diese Texte an Redaktionen oder Verlage zu schicken und so auf Veröffentlichung zu hoffen, sondern uns gesagt: Das machen wir selber. In Dresden gab es die Obergrabenpresse, betrieben von Künstlern wie Eberhard Göschel, A. R. Penck und anderen – die hatten eine Tiefdruckpresse aufgestellt und stellten tolle, aber sehr teure Künstlerbücher her. Das kannten wir, aber wir hatten diese Technik nicht und nicht die Fertigkeiten. Es war uns auch ein Stück weit zu edel.

?: Aber waren solche Publikationen in der DDR überhaupt erlaubt?

!: Es gab da eine Art ungeschriebenes Gesetz – oder besser gesagt: eine geduldete Praxis. Künstler durften bis zu einer Auflage von 99 Exemplaren drucken, ohne eine offizielle Druckgenehmigungsnummer beantragen zu müssen. Das galt auch dann, wenn Schriften, Gedichte oder andere Texte Bestandteil der Arbeit waren – solche Textelemente wurden als künstlerisches Mittel angesehen, als Teil der Bildsprache, und fielen damit nicht unter die üblichen Druckgenehmigungsvorschriften. Keine Ahnung, wie das kontrolliert wurde. Diese Lücke haben wir ausgenutzt. Die Auflagen von „Entwerter/Oder“ lagen deutlich darunter: 4, 10, 15, 20, 25, 33.

?: Was stand Ihnen für den Druck der Zeitschrift für Mittel zur Verfügung?

!: Es gab in den frühen 1980er Jahren in der DDR keine Kopierläden, noch keine Personal Computer, keine Drucker – unser Printmedium war die Schreibmaschine, dazu Kohlepapier und Durchschlagpapier. Original und vier Durchschläge – das ließ sich realisieren und war noch einigermaßen lesbar. Ich hatte mir eine Breitwagen-Schreibmaschine gekauft, in die man A4-Papier quer einspannen konnte, damit habe ich die erste Ausgabe getippt.

?: „Entwerter/Oder“ – was ist das eigentlich für ein Name?

!: Solche Wortspiele waren einfach angesagt. Man sagte „Grünau“ statt „Genau“. „Was bleibt mir Walter Ulbricht“ statt „Was bleibt mir weiter übrig“ usw. Das gab es schon vor der Gründung der Zeitschrift.

?: Waren solche Sprachspiele nicht auch eine Methode, mit der Sinnentleerung der Alltagssprache in der DDR durch leere Parolen und geistloses Nachplappern umzugehen, das ad absurdum zu führen?

!: Ja. Es hatte aber auch mit konkreter Poesie zu tun. Meine erste Begegnung mit dem Dichter Ernst Jandl hatte ich in den späten 1970er Jahren in Dresden – Lothar Fiedler, ein Jazzgitarrist, gab mir ein Bändchen in die Hand: „Laut und Luise“. Er hatte das aus der Sächsischen Landesbibliothek. Das war nicht ganz legal, man durfte das nur im Lesesaal ausleihen. Aber er kannte eine Bibliothekarin, die hat ihm das rausgetragen. Die Begegnung mit diesem Buch war für mich eine wichtige Prägung. Später, als Jandl in der DDR publiziert wurde, habe ich ihn auch bei einer Lesung im Palast der Republik gehört.

?: Wie sah die Produktion Ihrer Zeitschrift unter den eingeschränkten Bedingungen der DDR praktisch aus?

!: Am Anfang hieß das noch nicht mal Zeitschrift. Es gab einfach eine erste, dann eine zweite, dann eine dritte Ausgabe. Irgendwann stellten wir fest: Da erscheint jetzt etwas regelmäßig, das ist dann wohl ein Periodikum. Aber was ist es denn nun genau? Am Ende haben wir uns auf „originalgrafische Künstlerzeitschrift“ geeinigt. Von der ersten Ausgabe haben wir im März 1982 vier Exemplare mit der Schreibmaschine produziert, den Umschlag handgemalt und mit Faden zusammengenäht. Diese vier Exemplare erschienen unter Pseudonymen, ohne Impressum.

?: Vier Exemplare!

!: Heute fasst man sich an den Kopf. Siegmar Körner hat eins bekommen, ich eins, und dann haben wir eins nach Karl-Marx-Stadt geschickt, zu Frank Herrmann, einem befreundeten Künstler, und eins nach Wismar, zu einem Freund und Kommilitonen, der Dresden verlassen hatte. Wir waren der Meinung, das gibt der Verbreitung die größtmögliche Chance: die beiden äußersten Enden der Republik. Und tatsächlich wurde das Heft herumgereicht. Bei der nächsten Ausstellungseröffnung im Kreiskulturhaus Treptow sprach man mich an: Ich habe da gehört, du machst da so etwas wie eine Zeitschrift. Ich will da mitmachen. Bei Nummer zwei waren wir schon zu fünft, da kriegte einer kein Exemplar mehr.

Dann meldeten sich die bildenden Künstler: Sie wollten sich gern beteiligen aber das Format A5 sei ihnen zu klein. Also machten wir Nummer drei im A3-Format und in zehn Exemplaren. Von Nummer drei an gab es neben dem handgemachten Umschlag immer Fotografien und Originalgrafiken: Holzschnitt, Linolschnitt, Radierung, Lithografie, Siebdruck. Fotografien waren natürlich nicht geprintet, sondern Dunkelkammerabzüge. Der Aufwand, den jeder Einzelne betrieben hat, war immens. Die Texte waren immer Erstveröffentlichungen. Jeder der mitmachte bekam ein Exemplar. Ab der Nummer vier war das endgültige Format A4 gefunden.

?: Trotzdem blieben Sie immer unter 100 Exemplaren?

!: Wir bleiben meist weit drunter. Einen Text kann man relativ schnell 50 oder 100 Mal vervielfältigen. Aber der bildende Künstler musste seine Radierung 100 Mal abziehen. Da musste ich immer aufpassen, die Zumutung an handwerkliche Arbeit im Gleichgewicht zu halten. Aber es hat sich nie einer beklagt – die wollten ja auch Öffentlichkeit haben.

?: An Kopierer sind Sie nicht gekommen?

!: Später schon, auch über Umwege. Aber: Mitte der 1980er Jahre gab es einen Laden der Produktionsgenossenschaft des Handwerks „Farbe und Raum“ auf der Schönhauser Allee Dort gab es einen Kopierer – ein riesiger Apparat, mit dem man aber, so die Vorschrift, nur fünf Kopien machen durfte. Ich bin also mit Zeichnungen hin gegangen und habe fünf Kopien verlangt. Dann bin ich um den Block gegangen und wieder rein. Der Angestellte schaute kurz, was das ist, dann drehte er sich um, um zu gucken, ob niemand im Laden war. „Wie oft wollen Sie denn noch kommen?“ Ich sage: Ich brauche 20 Kopien. Er sagt: „Ich mache Ihnen die jetzt alle auf einmal – aber Sie zahlen als drei Einheiten.“ Die erste Kopie kostete 80 Pfennig, jede weitere 40. Bei fünf Kopien mal vier war man schnell bei 10 Mark, das war für 20 Kopien eine Menge Geld.

?: Wovon haben Sie selbst gelebt?

!: Ich war arbeitslos …

?: Ich dachte, in der DDR gab es keine Arbeitslosen?

!: Ja, Vollbeschäftigung und somit auch keine Unterstützung. Ich habe es eine Zeit lang geschafft, ohne Arbeit zu leben. Ich bin Diplomingenieur für Kartografie, war kurz am Kartografischen Dienst in Potsdam, dann 14 Monate beim Verlag Neues Leben als Pressereferent. Aber das war grottig. Das war nicht die Literatur, die ich lesen wollte. 1984 habe ich da aufgehört. Da haben mich alle gewarnt: Hier kommen jeden Tag Germanisten und hochstudierte Leute vorbei, die wollen bei uns arbeiten, die fahren Taxi – und du hörst jetzt hier auf. Ich hab's trotzdem gemacht.

Ich habe Gelegenheitsjobs gemacht. Ein bisschen Handel mit Westschallplatten. Auch Freunde haben einen mit Jobs weitergeholfen. Dann sagte ein Freund, der auf dem Friedhof arbeitete, dort sei jetzt Eindeckungszeit, sechs Wochen vor dem Totensonntag, sie brauchten Leute. Eindecken heißt: die Gräber werden winterfest gemacht. Ich habe dann, auch aus Interesse, auf dem Invalidenfriedhof angefangen. Und nach den 6 Wochen hat mich der Friedhofsdirektor gefragt: Willst du nicht weitermachen? Und ich, nur so aus Quatsch: Aber nur zwei Tage die Woche. Und er: Ist gemacht. Und dann habe ich tatsächlich drei Jahre lang, meistens mittwochs und donnerstags, auf dem Friedhof gearbeitet. Ich war dadurch sozialversichert und verdiente zwischen 190 und 210 Mark im Monat. Nach und nach arbeiteten da nur noch Freunde. Wir waren die bestausgebildetsten Friedhofsarbeiter der Welt.

?: Das klingt nach einer bescheidenen Bohème-Existenz.

!: Das war es auch. Aber Sie glauben gar nicht, wie schnell fünf Tage rum sind und man schon wieder arbeiten gehen muss. Ich habe sehr viel gelesen, an Texten gearbeitet, „Entwerter/Oder“ herausgegeben, und gefühlt war ich jeden Abend irgendwo unterwegs. Ich hatte keinen Fernseher – nicht weil ich es mir nicht hätte leisten können, sondern weil ich keinen wollte.

Und irgendwann meldeten sich wegen „Entwerter/Oder“ das Deutsche Literaturarchiv in Marbach bei mir, dann die Stadt- und Unibibliothek Frankfurt und die Osteuropasammlung in Bremen. Die hatten von uns Wind bekommen und kauften meine Zeitschrift für Westgeld, natürlich inoffiziell. 1987 kam ein Brief von der Sächsischen Landesbibliothek Dresden: „Ich erfuhr ihrer Zuständigkeit für ‚Entwerter/Oder'. Wir sind am regelmäßigen käuflichen Bezug eines Exemplars, auch eventuell noch vorhandener zurückliegender Nummern, interessiert.“ Die haben ab dieser Zeit jede Ausgabe für 150 Mark das Stück gekauft – in DDR-Zeiten war das nicht schlecht. Gleichzeitig kam per Post immer mehr Material von Künstlern aus West-Berlin, Hannover, Düsseldorf und auch aus den USA an. Es funktionierte tatsächlich.

?: Und das ging alles, ohne dass es der Stasi aufgefallen wäre?

!: In meiner Stasi-Akte findet sich ein Bericht, in dem ein Berliner Mitarbeiter schreibt: Uns ist zu Ohren gekommen, Warnke verkauft regelmäßig an die Sächsische Landesbibliothek – dem müssen wir jetzt nachgehen. Die Hauptabteilung XX in Berlin wusste offensichtlich noch nicht, dass die Sächsische Landesbibliothek regelmäßig bei mir kauft. Die Stasi in Dresden wusste das längst – aber die in Berlin noch nicht. Ich wurde jedoch nicht Opfer von Repressionen. Wie ich heute weiß, beließen sie es beim Beobachten und Sammeln von Informationen.

?: Was für eine Szene war das, aus der die Mitarbeiter von „Entwerter/Oder" kamen, und in der das gelesen wurde?

!: Das waren vielleicht 500 Leute in der ganzen DDR. Alle zwischen 20 und 35, von Dresden bis Erfurt, Schwerin, Berlin, Leipzig, Weimar, Magdeburg. Wir kannten uns alle, zumindest flüchtig. Man wusste voneinander, hatte voneinander gehört. Man traf sich in Kneipen, in Jugendclubs, die kleine Ausstellungen machten, in kommunalen Galerien, bei Filmvorführungen, Wohnungsausstellungen und -lesungen. Nicht in Museen oder größeren staatlichen Häusern. Wir waren ständig unterwegs. Uns hat es Spaß gemacht, immer am Stachel zu löcken. „Behauptung des Raums“ – so heißt ein Film von Claus Löser und Jakobine Motz. Das trifft es. Die Methode war: Ich mache etwas, bin unsicher, aber naiv genug, es zu tun. Passiert etwas? Gibts Reaktionen? Wenn nicht, ging man einen Schritt weiter, erweiterte diesen behaupteten Raum. Dann traute man sich den nächsten Schritt: Jetzt machen wir eine Lesung, jetzt eine Ausstellung, immer weiter, immer weiter ...

Um das alles wahrzunehmen musste man hinfahren – es gab kein Internet, keine sozialen Medien. Die Bahn war zwar preiswert, aber viel Geld hatte man trotzdem nicht. Ich habe von 200 Mark im Monat gelebt, die Wohnung kostete 29 Mark, Theater 3,50, Kino 1,20, ein Brötchen 5 Pfennig – die Fahrt nach Dresden für 17 Mark kostete relativ viel Geld, also Trampen.

?: Welche Rolle haben Künstlerzeitschriften wie „Entwerter/Oder“ in dieser Szene der späten DDR gespielt?

!: Diese Künstlerzeitschriften waren ein Sammelbecken und Experimentierfeld. Sie stellten Kommunikation her. Es gab in den 1980ern über 20 Künstlerzeitschriften unterschiedlicher Prägung. Dann folgten die Künstlerbücher. Der Dresdner Maler Andreas Hegewald hat einmal gesagt, 1988 sei für ihn das Jahr des Buches gewesen – so viele Angebote hatte er, an solchen Projekten mitzuwirken. Man spricht heute von ungefähr 300 Künstlerbüchern, die in den 1980er Jahren in der DDR erschienen sind, möglicherweise sind es sogar noch mehr. Die Technik war vorhanden: Siebdruck auf dem Küchentisch, Farben, einfache Mittel. Man konnte damit künstlerische Ideen umsetzen, auch mit subversiven Inhalten, und das Ergebnis ließ sich wie eine Blackbox von Hand zu Hand reichen.

?: Nach dem Mauerfall gab es solche Einschränkungen der Kreativität und der Meinungsfreiheit wie in der DDR nicht mehr. Die neue Freiheit hat dazu geführt, dass sich viele Oppositionsgruppen und Kulturinitiativen aufgelöst haben. „Entwerter/Oder“ hat die Wende überlebt. Wie ist das gelungen?

!: Erstens gab es keine Redaktion die sich streiten und auflösen konnte, sondern nur mich. Es kamen aber auch die Künstler auf mich zu und sagten: Das ist doch ein Ort für das Experiment, den brauchen wir weiter. Ich hatte keine Lust auf den riesigen Aufwand, eine richtige Zeitschrift mit Redaktion, Druck, Vertrieb und so weiter zu betreiben. Also haben wir einfach erst mal weitergemacht wie vorher. Den entscheidenden Anstoß gab 1991 der Victor-Otto-Stomps-Preis der Landeshauptstadt Mainz, den ich für meine verlegerische Leistung für „Entwerter/Oder“ auf der Mainzer Minipressen-Messe bekommen habe. Diese 5.000 Mark waren nicht nur eine finanzielle Hilfe, sondern haben mich auch motiviert zu sagen: Ja, wir machen weiter.

Ich hatte schon im Januar 1990 den Uwe-Warnke-Verlag gegründet und mich auf grafische Editionen und Malerbücher spezialisiert. Seitdem lebe ich von diesen Aktivitäten: vom Verlag, von Editionen, Vorträgen und kuratorischer Arbeit, besonders zur Fotografie, über die ich auch mehrere Sonderausgaben von „Entwerter/Oder“ gemacht habe. „Entwerter/Oder“ war immer die Basis meiner herausgeberischen Arbeit. Wenn Leute auf mich zukamen und sagten, sie würden gerne mit mir ein Buch machen, habe ich immer gesagt: mache erstmal ein Beitrag für „Entwerter/Oder“. Dann sehen wir weiter.

?: Heute sind viele der Künstlerbücher aus der DDR Collectors´ Items. Hat das auch zum Erfolg Ihres Verlags beigetragen?

!: Die Künstlerzeitschriften und -bücher aus den 1980er Jahren galten als authentisch. Im Gegensatz zur hochoffiziellen DDR-Kunst wurden uns diese Sachen nach der Wende geradezu aus den Händen gerissen, Sammlungen wurden vervollständigt. Heute zahlt man 1.000 Euro und mehr für eine frühe Ausgabe von „Entwerter/Oder“. Dabei war das bei Erscheinen eine absolute Non-Profit-Angelegenheit. Geld spielte keine Rolle.

?: Wie war die Reaktion in Westdeutschland, wo es ja auch eine Tradition der Künstlerbücher gab, die bis zu Dieter Roth Anfang der 1960er Jahre zurückging?

!: Die Verleger, Künstlerinnen und Künstler, die Bücher wie wir gemacht haben, also solche, die sich mit dem Buch als Medium beschäftigten, haben uns freundlich in ihrem Kreis aufgenommen. Da gab es nie Konkurrenz. Aber dann kuratierte 1994 Michael Glasmeier die Ausstellung „Die Bücher der Künstler. Publikationen und Editionen seit den sechziger Jahren in Deutschland“ für das Institut für Auslandsbeziehungen, finanziert vom Auswärtigen Amt, die durch die ganze Welt gereist ist. Und da kam der Osten so gut wie nicht vor. Wir sind zur Pressekonferenz gegangen und haben gesagt: Die Ausstellung hat einen falschen Titel. Sie müsste heißen: „Die Bücher der Westkünstler". Glasmeier rastete aus, er lasse sich das nicht unterstellen. Ich sagte: Doch. Im Jahre 4 der Deutschen Einheit machen Sie eine Ausstellung über den Westen und nennen das gesamtdeutsch – das stimmt so nicht.

?: Von „Entwerter/Oder“ sind bis heute 102 Ausgaben und 26 Sonderausgaben erschienen, die Nr. 102 zur aktuellen Ausstellung in Berlin. Dort hieß es aber, das sei die letzte Ausgabe. Wirklich?

!: „Entwerter/Oder“ wurde immer in unregelmäßigem Erscheinungsrhythmus von einer offenen Gruppe gemacht – von Ruth Wolf-Rehfeldt über Horst Bartnig bis zu Dick Higgins und Emmett Williams haben sich viele Künstlerinnen und Künstler daran beteiligt. Manche einmal im Jahr, andere alle zehn Jahre. Der eine findet das großartig und ist regelmäßig dabei, der andere sagt, ich kann nicht häufig solchen Aufwand betreiben. Persönlich und technisch könnte ich immer weitermachen. Ich sag mal so: Ein Sonderheft geht immer noch.

Uwe Warnke, geboren 1956 in Wittenberge, ist Schriftsteller, Kurator und Verleger. Nach einer Kartografenlehre und dem Studium der Kartografie in Dresden ging er 1982 nach Ost-Berlin und gehört seitdem zu den prägenden Akteuren der DDR-Künstlerbuch- und Samisdat-Szene. Gemeinsam mit Siegmar Körner gründete er 1982 die originalgrafische Künstlerzeitschrift „Entwerter/Oder“, die er seit 1984 als alleiniger Herausgeber verantwortet.

Jede Ausgabe versammelt Originalgrafik, Zeichnungen, Fotografie, Collagen und erstveröffentlichte Texte – oft so hergestellt, dass das Publizieren selbst zum künstlerischen Verfahren wird. Aktuell zeigt die Ausstellung „Entwerter/Oder und das sogenannte ‚Zeitschriftenunwesen'“ Blätter und Arbeiten aus dem Umfeld der Zeitschrift bis zum 12.04.2026 im Willy-Brandt-Haus in Berlin.