Archivier Dich selbst!

Abandonware: Die Daten, die für viele einmal die Welt bedeutet haben, werden von Computerfreaks in eigener Regie aufbewahrt – weil es sonst niemand tut

Von Tilman Baumgärtel

Du bist die UdSSR. Oder die USA, das kannst Du Dir aussuchen. Dein Ziel ist es auf jeden Fall, „Dein geopolitisches Prestige zu erhöhen und dabei gleichzeitig einen nuklearen Krieg zu vermeiden“. Das ist das Thema des Spiels „Balance of Power“, das 1989, kurz bevor derartige Plots historisch wurden, in den USA auf den Markt kamen. Heute ist das Simulationsspiel für den PC lang vergessen, und bis vor kurzem konnte man es, wenn man Glück hatte, höchstens auf dem Flohmarkt zwischen anderem alten Plunder in einem fleckigen Schuhkarton entdecken.

Nicht mehr. Seit kurzen ist das Kalter-Kriegsspiel online zu finden, und zwar auf der Website des Digital Game Archives (www.digitalgamearchive.org). Die Website wurde vom Berliner Computerspielemuseum Berlin produziert. Das Privatmuseum, das zur Zeit keine eigenen Ausstellungsräume hat, zeigt seine Sammlung nur im Internet unter www.computerspielemuseum.de.

Das Computerspielemuseum gehört zu einer wachsenden Zahl von Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alte Computer und ihre Programme zu konservieren. Denn mit jeder neuen Generation von immer noch schnelleren Maschinen verschwindet auch historische Soft- und Hardware in der Abstellkammer oder auf dem Schrott. Computerprogramme, mit denen zum Teil Millionen von Menschen jahrelang gearbeitet (oder wenigstens ihre Magisterarbeit abgespeichert) haben, wandern so auf den Sondermüll. Damit wird nicht nur der Zugriff auf Gigabytes von Daten mit eventuell historischer Tragweite unmöglich: die Herausgeber der Briefwechsel von Gegenwartsschriftsteller werden in Zukunft zum Beispiel weitgehend ohne Material dastehen, weil deren E-Mail-Korrespondenzen zusammen mit dem Computer des Autoren verschrottet wurden. Spätestens seit die Regierung Kohl vor dem Regierungswechsel noch schnell den größten Teil der Daten auf den Rechner im Kanzleramt gelöscht hat, um ihr Finanzgebaren zu verschleiern, ist außerdem klar, dass auch die Bits und Bytes auf den Festplatten von Ministerialbeamten historische Bedeutung haben können.

Aber es sind nicht nur die Textverarbeitungs- oder Mailprogramme, die dem sogenannten „bitrot“ überlassen werden. Vor allem die Computerspiele, die seit vierzig Jahren zu den interessantesten Beispielen digitaler Kultur gehören, waren noch unlängst von extrem kurzer Halbwertszeit: Wenn ein Game aus der Mode war, und das sind die meisten nach wenigen Jahren, verschwand es einfach. Und damit auch die ersten Zeugnisse davon, was die Menschheit mit dem Computer jenseits von Rechnen und Geschäftsbriefe tippen noch getan hat und was die Möglichkeiten des neuen Mediums wirklich erprobt hat. So wie den deutschen Stummfilme aus der Zeit der Weimarer Republik, von denen heute nur noch etwa zehn Prozent existieren, so schien auch den Computerspielen zu ergehen. Und zukünftigen Generationen wäre die Möglichkeit genommen, selbst zu entscheiden, ob diese Games vielleicht ein wichtiges Zeugnis ihrer Zeit sind.

Zum Beispiel „Balance of Power“: Das Spiel, das vom Digital Games Archive wieder der surfenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist, handelt immerhin vom Kalten Krieg. War es vielleicht ein Zeichen dafür, dass auch Computerkids der Ost-West-Konfrontation müde geworden waren, eine Art digitaler „Dr. Seltsam“? Auf jeden Fall gibt dieses Game mit seiner sparsamsten Schwarz-Weiß-Grafik, auf der man noch nicht einmal mit der Mouse herumklicken kann, Hinweise auf den State-of-the-Art des Personal Computers anno 1989. Es ist nicht nur ein Beispiel für die grafischen Möglichkeiten des Rechners zu dieser Zeit, sondern auch ein Vorläufer von Strategiespielen wie „Civilization“, „SimCity“ oder „Anno 1602“, die heute von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gespielt wurde.

Bisher bemüht sich noch kein Archiv und keine Staatsbibliothek um den Erhalt dieses digitalen Kulturguts. In Deutschland sammelt lediglich das Frankfurter Museum für angewandte Kunst (MAK) ausgesuchte Computerspiele und Websites. Sonst gibt es – auch international – kaum Versuche von staatlich geförderten Museen und Archiven, die Daten, die für viele die Welt bedeutet haben, zu bewahren.

Aber Rettung naht aus dem Internet: nicht nur das Berliner Computerspielemuseum, sondern Game-Enthusiasten aus der ganzen Welt, basteln in ihrer Freizeit an elaborierten Websites, von denen man „Abandonware“ (etwa: verwaiste Software) herunterladen kann. Die meisten von ihnen sind Gamer, die ihre Lebensmitte erreicht haben, und nun der Leidenschaft ihrer Jugend ein Denkmal setzten wollen: den ungezählten Stunden, die sie daddelnd vor Spielkonsolen wie der Atari 2600 oder frühen Homecomputern wie dem Commodore 64 verbracht haben. Um die alten Programme auch auf aktuellen Rechnern spielen zu können, programmieren sie sogenannte Emulatoren, die den bandneuen Pentiumrechner in eine alte Computermühle verwandeln, mit der man wieder Gameklassiker wie „Outbreak“, „Pacman“ oder „Space Invaders“ spielen kann.

Nicht alle betrachten diese Aktivitäten als wertvolle Archivarbeit. Die Spieleindustrie hat ein anderes Wort dafür: Produktpiraterie. Für sie sind die Abandonware-Sammler nicht Hüter von digitalen Kostbarkeiten, sondern skrupellose Parasiten, die das Copyright an Software verletzten. Viele der Garagen-Firmen, die in den 70er und 80er Jahren Spiele entwickelt haben, sind inzwischen von großen Unternehmen aufgekauft worden. Und so sehen sich viele Software-Sammler plötzlich mit der Rechtsabteilung von Mediengiganten wie Vivendi oder Time Warner konfrontiert, die sie mit furchteinflössende Abmahnungen einschüchtern. Zahlreiche gut gefüllte Abandonware-Archive sind darum über Nacht wieder aus dem Netz verschwunden oder müssen sich von einer Internet-Adresse zu anderen fortbewegen, um nicht mit einem kostspieligen Gerichtsverfahren rechnen zu müssen.

Das Digital Games Archive hat sich rechtlich abgesichert, und veröffentlicht darum nur Spiele auf seiner Website, für die ihr alle Rechte eingeräumt worden sind – das sind allerdings bisher erst fünf Games, und echte Klassiker finden sich nicht darunter. Doch solange es keine Museen oder Archive gibt, die Games systematisch sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich machen, sind solche Internet-Angebote die einzige Möglichkeit, die alten Spiele noch einmal auszuprobieren. Sonst würden PacMan, Donkey Kong und die Aliens aus Space Invaders noch lange darauf warten, dass wieder jemand mit ihnen spielt.

Abandoware Ring

http://www.abandonwarering.com/

Atari Age

http://www.atariage.com/

Abandonware

http://www.abandongames.com

Classic Trash

http://www.classic-trash.com

MAME-Emulator

http://www.mame.net/