Wie sich deutsche Fotokünstler mit Überwachung auseinandersetzen.

Von Tilman Baumgärtel

Berlin ist wahrscheinlich die einzige Stadt der Welt, die gleich zwei Museen zum Thema Überwachung und Spionage hat. Am Leipziger Platz findet sich das Deutsche Spionage Museum, das Touristen mit aufwendigen Multimedia-Installationen nahebringen will, wie während der Kalten Krieges Deutsche und Alliierte einander bespitzelten. Aber auch wie in Deutschland sowohl unter den Nationalsozialisten wie auch in der DDR die Regierung ihr Volk ausforschten. Und in der Normannenstraße in Lichtenberg kann man die Zentrale der Stasi besuchen, die eine bemerkenswerte Innenperspektive einer Geheimdienstes erlaubt.

Der Kontinuität der Überwachung in der deutschen Geschichte ist es auch zu verdanken, dass der Schutz der Privatsphäre in Deutschland immer noch eine besondere Bedeutung beigemessen wird und die NSA-Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden mit besonderer Empörung aufgenommen wurden. Auch eine Reihe von Kunstinstitutionen hat sich des Themas angenommen. Nach der „Globale“-Ausstellung am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe im vergangenen Jahr sind aktuell unter anderem am Berliner Museum für Fotografie und im Münchner Stadtmuseum Ausstellung zu sehen, die zeigen, wie Künstler darauf reagieren, dass sich die Welt zielstrebig in einen riesiges, digitales Panoptikum zu verwandeln scheint.

Die Ausstellung „Watching You, Watching Me“ im Museum für Fotografie, die von George Soros’ Open Society Institute organisiert wurde und schon in New York und Budapest zu sehen war, versammelt vor allem Arbeiten, die sich mit gefundenem Bildmaterial aus Archiven oder dem Internet auseinandersetzen. Wie es der Zufall so will, findet die Pressekonferenz für die Ausstellungen just zur selben Zeit statt, als Bundeskanzlerin Angela Merkel im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagen muss – das Thema scheint von bleibender Aktualität zu sein. Mit der deutschen Tradition der Überwachung beschäftigt sich der deutsche Künstler Simon Menner, der Bilder aus dem Archiv der Staatssicherheit der DDR vollkommen unbearbeitet an die Wände gehängt hat. Dass man mit den Relikten der Arbeit eines Geheimdienstes so unbehelligt arbeiten kann, ist wohl eine weitere deutsche Besonderheit: Nach dem Untergang der DDR wurde die Arbeit der Stasi von einer eigenen Behörde aufgearbeitet.

Der westdeutsche Bundesnachrichtendienst (BND), der bis heute existiert, ist wesentlich weniger entgegenkommend, wenn es um Einblicke in sein Innenleben geht. Blicke hinter seine Kulissen gewährt der BND so gut wie nie. Erst der geplante Umzug der Zentrale von Pullach in Bayern in die Bundeshauptstadt Berlin ermöglichte es der Fotografin Alessandra Schellnegger 2013 im Auftrag der Süddeutschen Zeitung die bereits weitgehend leeren Büros des Nachrichtendienstes mit der Kamera zu erkunden. Ihre Fotos sind derzeit im Münchner Stadtmuseum zu sehen und erlauben einen gleichzeitig ersten und letzten Blick hinter die vier Kilometer lange Mauer, hinter der sich laut Schild am Eingang die „Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle Pullach“ befand, tatsächlich aber deutsche Spione ihrer Arbeit nachgingen.

Über den Bildern liegt eine gewisse Patina, die Gebäude und ihre Ausstattung wirken altmodisch und melancholisch. In ihrer Antiquiertheit erinnern sie erstaunlicherweise an die Büros des libyschen Geheimdienstes, die der deutsche Fotograf Edu Bayer 2011 nach der Absetzung des Diktators Gaddafi dokumentieren konnte. Die Schergen des libyschen Machthabers benutzen noch Telefone mit Wählscheiben bei der Ausforschung ihrer Untertanen; der Attacke der Amerikaner konnten sie aber auch nichts mehr entgegensetzen und von ihren Aktivitäten blieb nichts außer zertrümmerten Möbeln und Kabelsalat auf dem Fußboden.

Die Banalität der heutigen Hightech-Überwachung an der europäischen Außengrenze demonstrieren die Fotos von Julian Roeder. Er zeigt die polnische Frontex-Einheiten mit Thermokameras oder französische Polizisten mit Radargeräten, mit denen Flüchtlinge aufgespürt werden sollen. Aber in seiner Serie „Mission and Task“ ist auch eine eine Hochleistungs-Kamera zu sehen, die mit Laser und Infrarot arbeitet. Die alte Logik von Grenzen, Mauern und Zäune ist durch eine digitale Durchdringung von Grenzgebieten ersetzt worden. Und die beginnt, sich der visuellen Dokumentation zu entziehen: Nicht nur die Funktion der Kamera erschließt sich nur durch die erläuternde Bildunterschrift. Die technische Matrix, in die sie eingebunden ist, um Flüchtlingen an der Grenze aufzuhalten, ist gänzlich körperlos, unsichtbar und darum auch unfotografierbar.

„Watching You, Watching Me“, Museum für Fotografie, Berlin, bis zum 2. Juli 2017http://www.smb.museum/ausstellungen/detail.html?tx_smb_pi1%5Bevent_id%5D=95576&tx_smb_pi1%5BexhibitionUid%5D=1229&cHash=1481fecb331cb101da8d4149fa3dff9a

„No Secrets – Bilder der Überwachung“, Münchner Stadtmuseum, bis zum 16. Juli 2017https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/no-secrets-bilder-der-ueberwachung.html

Tilman Baumgärtel ist Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule Mainz.