Videoüberwachung in Kunst und Aktivismus
Von Tilman Baumgärtel
Die „Total Information Agency“ (TIA) ist ein Projekt, wie es wohl nur in den USA nach dem 11. September ausgeheckt werden kann. Die neue Behörde soll digitale Daten sammeln, wie sie zum Beispiel aus Telefonverbindungen, E-Mail-Wechsel, Kreditkartentransaktionen und Kontobewegungen entstehen. Diese sollen in einer riesigen Datenbank gesammelt werden, in der das FBI nach Verdächtigen suchen können. Wohlgemerkt: die Daten, die hier erhoben werden, sollen von allen Amerikanern stammen und das FBI soll ohne einen konkreten Verdacht und ohne Haftbefehl in der Datenbank nach Informationen suchen dürfen.
Chef des Projekts ist ausgerechnet John Poindexter, der ehemalige „Sicherheitsberater“ unter George Bush Senior, der Anfang der 90er Jahre wegen seiner Rolle in der Iran-Contra-Affäre zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde und lediglich wegen eines Formfehlers begnadigt werden musste. Einige amerikanische Datenschutz-Aktivisten, die aus der Hackerszene stammen, aber anonym bleiben wollen, haben sich im letzten Monat entschieden, den frisch gebackenen Chef der Total Information Agency einer Behandlung zu unterziehen, wie sie in Zukunft jedem TIA-Opfer bevorstehen kann.
Auf diversen amerikanischen Websites finden sich nun die Privatadresse von Pointdexter und seine Telefonnummer 001 301 424 6613, damit „ihr mal anrufen und dem korrupten Politiker Eure Meinung sagen könnt“. Auch die Namen seiner Nachbarn sowie ein Satellitenbild von Pointdexters Haus wurden auf den Websites von verschiedenen Internet-Organisationen veröffentlicht. Kaum nötig zu erwähnen, dass Pointdexters Telefon inzwischen abgestellt ist, nachdem verschiedene amerikanischen Zeitungen über den Hack berichtet haben.
Der Netz-Streich ist nur ein Beispiel für die zunehmende Zahl von Aktionen, die sich mit den um sich greifenden Überwachungsgelüste von Regierungen und Unternehmen beschäftigen. Denn spätestens seit dem 11. September sind vage Ängste vor terroristischen Anschlägen ein gängiges Argument dafür geworden, um die Kontrolle von öffentlichem wie immateriellen Daten-Raum voranzutreiben, und auch die Angst vor einer angeblich „immer weiter zunehmenden Kriminalität“ hat dazu beigetragen, dass gerade die Videoüberwachung in Geschäften, Fußgängerzonen, Bahnhöfen und anderen öffentlichen Orten inzwischen eine wesentliche größere Akzeptanz genießt als noch vor zehn Jahren. Zur Zeit gehört die Sicherheitsindustrie wegen der regen Nachfrage nach Überwachungssystem eine der wenigen Branchen, die trotz weltweiter Wirtschaftsflaute kräftige Gewinne einfährt.
Trotz Protesten von Datenschützern und obwohl statistisch nicht nachzuweisen ist, dass Videokameras an „gefährlichen Orte“ tatsächlich Verbrechen verhindern, werden zur Zeit Spionagekameras an allen möglichen und auch einigen ziemlich unmöglichen Orten aufgehängt: An der Berliner Humboldt-Universität etwa mussten die Studenten erst mit einer Klage drohen, damit die Verwaltung sich dazu durchringen konnte, die Überwachungskameras aus den Hörsälen zu entfernen.
Dass sich die bespitzelten Subjekte dagegen wehren, dass ihr Lebensraum zu einem Panoptikum umgebaut wird, ist freilich eine neue Qualität in der Auseinandersetzung darum, wie viel Privatheit im öffentlichen Raum noch möglich ist. Die kanadische Gruppe „Citizenlab“ will die ununterbrochene Überwachung nicht länger hinnehmen, sondern fotografierte zurück: am 24. Dezember rief sie über ihre Website Leute in der ganzen Welt dazu auf, versteckte Überwachungskamera zu fotografieren, die sie anschließend im Internet veröffentlichte. In einem amerikanischen Shopping-Center entdeckte ein aufmerksamer Fotograf immerhin 63 Kameras, zum Teil versteckt hinter Fenstern, in Beleuchtungskörpern und Rauchmeldern.
Zu den Gruppen, die bereits seit längeren gegen die zunehmende Ausspähung der Bürger aktiv ist, gehören die „Surveillance Camera Players“ (SCP) aus New York. Seit Mitte der 90er Jahre führen sie vor Überwachungskameras in Shopping Malls und U-Bahn-Stationen stumme Kurz-Versionen von Stücken wie „Pere Ubu“ oder „Warten auf Godot“ auf, „damit es den Leuten vor den Überwachungsmonitoren nicht so langweilig ist“, wie Bill Brown von den SCP mit einem Augenzwinkern sagt. Tatsächlich wendet sich die Gruppe eher in der Tradition von politischem Straßentheater wie dem des frühen Living Theaters an die Passanten. Die werden von ihnen auch gleich mit Flugblättern und Warnungen vor den gut getarnten Kameras versorgt, und davon gibt es im Big Apple reichlich: nach London ist New York die Stadt mit der höchsten Dichte von Überwachungskameras in der ganzen Welt.
„Wir wollen die alltägliche Routine der Leute unterbrechen“, sagt Brown, „und ihnen zeigen, dass es keinen Grund gibt, sich von diesen Kameras einschüchtern zu lassen. Außerdem wollen wir zeigen, dass nicht alle Proteste laut und langweilig sind, sondern dass man das auch mit Humor tun kann.“ Dass sie eher mit Witz als mit Zitaten aus George Orwells „1984“ an ihr Thema herangehen, haben die Surveillance Camera Players mit einer Reihe von anderen Künstlern und Aktivisten gemeinsam, die sich mit der Überwachung des öffentlichen Raums beschäftigen. Denn anders als Künstler wie Julia Scher oder Ingo Günther, die sich bereits in den 80er Jahren mit Videoüberwachung auseinander setzten, fehlt ihnen auch jeder Respekt vor der Technologie.
Der kanadische Künstler und Universitätsprofessor Steve Mann hat sich sogar gleich komplett in Technik eingehüllt. Der Cyborg Marke Eigenbau sieht seine Umwelt nur noch über die Monitore, die er in seine Brille eingebaut hat; die Bilder stammen von einer Miniatur-Videokamera, die er auf der Stirn trägt. Dass macht das Gehen zwar nicht gerade leichter und auch in Supermärkten und Einkaufszentren hat ihn der Sicherheitsdienst schon des öfteren des Hauses verwiesen, aber gerade solche Reaktionen will Mann als wandelnde Elektroinstallation erreichen: „Die Videoüberwachung ist vollkommen außer Kontrolle geraten, und manchmal fürchte ich schon, dass es überhaupt keinen Datenschutz mehr gibt. Aber mit meinen Apparaturen versuche ich, mich auf meine Weise gegen diese Kontrolle zu wehren. Wenn die mich filmen können, kann ich sie auch filmen. Ich mache Überwachung von unten. Meine WearCam gibt mir eine Form der persönlichen Sicherheit, die sich bisher nur das Establishment leisten konnte.“
Eine andere Methode, sich gegen die zunehmende Überwachung zu wehren, praktizieren einige politische Gruppen, die Karten von Überwachungskameras in ihren Städten anlegen und diese im Internet zugänglich machen. In Deutschland gibt es solche Karten schon von Berlin, Köln und Bremen. Das amerikanische Institute for Applied Autonomy hat sogar eine Website angelegt, auf der man sich gleich anzeigen lassen kann, wie man von einem Punkt in New York zu einem anderen kommen kann, ohne von einer Überwachungskamera gefilmt zu werden. Dank der Kameradichte werden dazu allerdings oft riesige Umwege notwendig: manchmal muss man halb Manhattan umqueren, um wenige 100 Metern zu überwinden.
Weblinks (vielleicht ein Screenshot von iSee als Illustration?)
Das Haus von John Poindexter im Internet:
http://cryptome.org/tia-eyeball.htm
Steve Mann
Surveillance Camera Players
http://www.notbored.org/the-scp.html
CCTV, Berlin
Institute for Applied Autonomy: iSee
http://66.93.61.121:8080/isee/s1?zm=0&id=2527
Aktuelle Kamera, Bremen
http://www.aktuelle-kamera.org/
Chaos Computer Club, Köln
http://koeln.ccc.de/prozesse/zombies/cctv/
City Crime Control,
http://tv.citycrimecontrol.net/
Videoüberwachung als ein Thema der Kunst
Tilman Baumgaertel
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