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\* Musik auf Knochen

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\* „ Röntgenizdat“: Weil es in der UdSSR keine anderen Aufzeichnungsmedien gab, wurde verbotener Rock´n´Roll auf Röntgenbilder aufgezeichnet. Ein medienarchäologische Exkursion beim Krake Festival in Berlin

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\* Von Tilman Baumgärtel

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\* Als der britische Musiker Steven Coates 2012 auf einem Flohmarkt in St. Petersburg eine Röntgenaufnahme mit Rillen fand, konnte ihm niemand erklären, worum es sich dabei handelte. Der Händler versuchte, ihm statt der Polyester-Folie eine Pelzmütze andrehen. Und auch seine russischen Musikerfreunde hatten so eine Scheibe noch nie gesehen.

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\* Coates begann zu recherchieren, und fand heraus, dass er auf ein rares russisches Bootleg gestoßen war, eine illegal hergestellte Schallplatte mit einem in der UdSSR der 50er Jahre verbotenen westlichen Stück Popmusik. Als er die Platte auf einem Plattenspieler abspielte, hörte er „Rock around the Clock“ von Bill Haley. Bei den folgenden medienarchäologischen Grabungen in St. Petersburg entdeckte er ein selbst in Russland fast vergessenes Kapitel des Widerstands gegen die kulturelle Bevormundung in der Sowjetunion.

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\* Wie er bei der Eröffnung des Krake Musik Festivals in Berlin im Urban Spree erzählte, ging diese Praxis auf eine einzige Telefunken-Schneidemaschine zurück, die ein russischer Soldat als Kriegsbeute aus Berlin mitgebracht hatte. Das Gerät fräste Rillenspiralen in Kunststoffrohlinge von der Größe einer Grammophonplatte – vor der Erfindung des Tonbands die gängigste Methode, um Klang aufzuzeichnen. Weil in der UdSSR solche Rohlinge nicht auf dem Markt waren, kam er auf die Idee, stattdessen Röntgenbilder als Aufzeichnungsmedium zu verwenden. Die waren leicht entflammbar, wurden von den Krankenhäusern nach einem Jahr Aufbewahrung entsorgt und waren daher problemlos in großen Mengen zu bekommen. In seinem Fotostudio in St. Petersburg wurde er nach Feierabend zu einem Pionier der Musikpiraterie, die heute im Internet durch Streams und Peer-to-peer-Börsen zum globalen Massenphänomen geworden ist.

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\* In einer Zeit, in der die Musik mehr oder weniger umsonst aus dem Netz kommt, mag es schwierig sein, sich vorzustellen, dass sie einmal ein rares Gut gewesen ist. In der Sowjetunion, wo dekadente westliche Popmusik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Index stand und die Musikproduktion streng von Staat kontrolliert wurde, waren diese Folienschallplatten in den 50er Jahren die einzige Möglichkeit, Jazz und Rock´n´Roll zu hören – wenn auch in nur in dumpfer, knisternder Klangqualität.

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Schnell entwickelte sich ein Untergrund-Markt. Die „Goldene-Hunde-Gang“ professionalisiert das Geschäft und begann im großen Stil mit selbstgebauten Maschinen Folien-Schallplatten herzustellen, die sie mit eigenen Motiven zu bedrucken. Verkauft wurden sie in Parks und an Straßenecken, wo die Schwarzhändler sie gerollt im Ärmel ihrer Mäntel verbargen und für die Kundschaft blitzschnell hervor schüttelten. Weil auf den frühen Disks tatsächlich noch die ursprünglichen Röntgenbilder zu sehen waren, hießen sie im Volksmund „Knochen“ oder „Rippen“.

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\* Viele dieser Musikpiraten ihnen büßten für ihre Geschäftstüchtigkeit mit Haftstrafen im Gulag. Trotzdem war das Geschäft nicht zu unterdrücken, denn die Bootlegger waren Überzeugungstäter, die alternative Kultur unters Volk bringen wollten. Erst als 1964 in der UdSSR die ersten Tonbandgeräte auf den Markt kamen, endete das Zeitalter des „Röntgenizdat“.

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Inzwischen experimentieren Musikbastler wieder mit der Methode, Musik in artfremde Medien wie

\* Straßenschilder, Schokolade oder Pizzakartons zu schneiden. Der ebenfalls aus England zum Krake Festival angereiste Aleksander Kolkowsk erweckt so selbst die etwas aus der Mode gekommenen CD zu neuem Leben: Die kann man dank eingraviertem Sound nun mit dem Plattenspieler hören.

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\* Als Versuchskaninchen für eine Live-Aufnahme mit der reaktivierten Technik hatte sich Alexander Hacke, der Gitarrist der Einstürzenden Neubauten, zu Verfügung gestellt. Der hatte ein Röntgenbild von seinem von Arthritis befallenen Fuß mitgebracht, das als Rohling für eine Aufnahmesession diente. Hacke brachte ein Stück für bearbeitete E-Gitarre und Kehlengesang zur Aufführung, und war von der dumpfen, grummeligen Aufnahme begeistert: „Ich wünschte, dass könnte ich auch.“

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\* Das Knistern und Knacken der Röntgenplatten war in gewisser Weise das Grundrauschen des gesamten Krake Festivals, bei dem seit 2010 die eher rumpelige Spielart der elektronischen Musik gepflegt wird. Organisiert wird das Festival von den Machern einer monatlichen Party im Suicide Circus, bei der ein rauer, experimenteller Sound zelebriert wird. Im Anschluss an die Vorstellung des „X Ray Audios“ demonstrierte das DJ-Kollektiv „Vinyl, Terror und Horror“, was für kaputte Klänge man sonst noch so mit zerbrochenen Schallplatten und beschädigten Abspielgeräten produzieren kann.

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\* Nach einer Party mit dem Alt-Berliner Radaubruder Alec Empire im Suicide Circus am Freitag zog man am Samstag in die Neuköllner Griessmühle weiter, wo ab Nachmittag auf einer Art Techno-Flohmarkt Platten, Instrumente und Merchandising verkauft wurde. Bei der folgenden Party wurden nochmal alle Register des elektronischen Herumlärmens gezogen: Unterm Dach der Griessmühle schraubte man bei einer zwölfstündigen Jam-Session die ganze Nacht an historischen Modularsynthesizern herum. Auf den beiden zappendusteren und übertrieben vollen Tanzflächen pochte Musik, die von Industrial bis zu Klängen reichte, die einem einen glaubwürdigen akustischen Eindruck davon vermittelte, wie es klänge, wenn man in einem Ölfass voller Metallschrott einen Abhang herabrollen würde.