Mit Heilungsrituale gegen Mobiltelefone

Von Tilman Baumgärtel

Die Geschichte der Informationsgesellschaft seit 1900 ist ein Strich. Ein Strich an der Wand, und über und unter demselben tauchen Jahr für Jahr mehr Textkästen auf. Geht es in den 20er Jahren etwa um Dziga Vertovs Film „Der Mann mit der Kamera“ und das Radio gehören der Börsengang des chinesischen Internethändlers Alibaba und die Gründung des Internet-Taxiunternehmens Uber zu den neueren Einträgen, die sich in immer größerer Häufung um den Zeitstrahl gruppieren je näher wir der Gegenwart kommen.

So war es als Wanddiagramm zu sehen in der Ausstellung „New Paradigms“, die von dem Wiener Forschungsprojekt Technopolis während der Transmediale in der Neuen Gesellschaft für bildenden Kunst (nGbK) in Kreuzberg gezeigt wurde. Für wen es an der Wand nicht genug zu lesen gab, für den hatte es eine Handbibliothek mit Klassikern der Medienwissenschaft und Tische voller kopierter Aufsätze und Tablets mit Videoclips. Mehr in den Raum übersetztes Universitätsseminar als Ausstellung erinnerte die Präsentation immerhin an einen Aspekt von Medien und Technologie, der bei Festivals wie der Transmediale gerne vergessen wird: dass die aktuellen Entwicklungen von Netzkultur und Medienkunstwerke, die solche Veranstaltungen abbilden wollen, immer eine Vorgeschichte haben und in einer Tradition stehen.

So machte die Ausstellung auch darauf aufmerksam, was die dreißigste Transmediale nicht war: eine historische Bestandsaufnahme nach drei Jahrzehnten. Lediglich ein Bücherregal mit Katalogen, Broschüren und Monographien erinnert an die vorangegangenen Festivals. Aber ansonsten ist die Veranstaltung so mit der Gegenwart beschäftigt, dass sie der Geschichte der Medienkunst und -kultur kaum Beachtung schenkt. Nur die von Florian Wüst kuratierte Filmprogramme gönnen sich das Vergnügen, weit in die Geschichte des Experimentalfilms zurückzugreifen und enthalten sogar Filme, die in der Vergangenheit schon einmal bei der Transmediale gezeigt wurden. Immerhin hat man zum 30. Geburtstag Material aus dem Transmediale-Archiv digitalisiert und so kann nun auf der Website des Festivals alte Kataloge oder Videomitschnitte von vergangenen Podiumsdiskussionen finden. Aber bei der Veranstaltung selbst ist ganz dem medialen Hier und Jetzt verhaftet.

Und das ist – wie der englische Festivaltitel in diesem Jahr behauptet – „ever elusive“, also flüchtig oder trügerisch. Neue allgegenwärtige digitale Medientechnologien sollen, so die These des Festivals, unsere Vorstellung von dem, was der Mensch ist, in Frage stellen und dem „Nicht-Menschlichen“ – etwa Algorithmen, Big Data oder der Steuerung durch Programme aus dem „Internet der Dinge“ – eine zunehmende Bedeutung einräumen.

Vor solchen gefährlichen Mystifizierungen von Technologie warnte die holländische Künstlerin Marloes de Valk in einem Vortrag. Die Auswertung riesiger Datenmengen durch Datamining würden keine objektiven, unhinterfragbaren Tatsachen schaffen, sondern seien eine Art Rückkehr zum Orakel von Delphi mit Hilfe modernster Technologie. Computer würden keine allgemeingültige Antworten geben, sondern nur die Ergebnisse liefern, die von ihren Programmierern vorbereitet worden sind.

So glasklare, aufklärerische Ansagen waren selten bei der Veranstaltung. Die britische Künstlerin Suzanne Treister rückt der Komplexität der durchdigitalisierten Gegenwart zu Leibe, indem sie diese in eine eigene Privatmythologie irgendwo zwischen Hokuspokus und wahnhafter idée fixe einverleibt. Ihr Projekt „HFT The Gardner“ handelt von einem wahnsinnig gewordenen Börsenspekulant, der aus seinem Studium der Inhaltsstoffe von psychoaktiven Pflanzen Rückschlüsse auf die Kursentwicklung von Fortune 500-Firmen zieht und diese in Zeichnungen im Stile des Outsider Artists Adolf Wölfli festhält.

Ein Tarotkartenspiel, mit dem man in der Informationsgesellschaft Orientierung schaffen kann, hat sie auch schon entworfen. Damit war sie dann schon die zweite Hexerin bei dem Festival neben dem deutschen Künstler Johannes Paul Raether, der mit schamanistischen Heilungsrituale gegen Mobiltelefone vorgeht.