Dark MAGA # 1
Von Tilman Baumgärtel
Fast zwei Jahrzehnte lang war Curtis Yarvin ein obskurer Blogger, der unter dem Pseudonym Mencius Moldbug sein kleines Eckchen des Internet mit bedenklichen bis komplett durchgedrehten Sachen vollschrieb: Die Demokratie sei wie ein veraltetes Betriebssystem: voller Bugs, schwer zu patchen und ständig am Abstürzen, hieß es einst in seinem Blog „Unqualified Reservations“.
Wie ein „Reboot“ des politischen Systems für den ehemaligen Programmierer aussehen könnte? Sein „Staat 2.0“ wäre eine Art Monarchie mit Rechenschaftspflicht, die wie ein Start-Up funktionieren sollte. (Ein historisches Beispiel für diese Art von Monarchie ist übrigens ausgerechnet das Preußen von Friedrich dem Großen!) In diesen Staatsunternehmen wären die Bürger Kunde, denen das Management eine „gute Regierungsleistung“ liefern muss – sonst können die „kündigen“, also: auswandert in einen anderen Staat in dem „Patchwork“ von endlosen Mini-Staats-Corporations, welche die heutigen Nationalstaaten laut Yarvins gleichnamigen Buch ersetzen sollen.
Wahlen sind in diesem System natürlich überflüssig. Sie führen nur zu „Chaos, Inkompetenz und Korruption“. Sein CEO-Staat will effizient arbeiten – nicht debattieren; Bürger sollen nicht mitbestimmen, sondern konsumieren. Im übrigen sind manche Rassen intelligenter als andere und die US-Bürgerrechtsprogramme wurden angewandt „auf Bevölkerungsgruppen (...), die erst seit kurzem Jäger und Sammler sind“. Das Ergebnis: „absoluter menschlicher Müll“. Und, ach so, Nelson Mandela war ein Terrorist, vergleichbar mit Anders Breivik, und Präsident Franklin D. Roosevelt ein effektiverer Autokrat als Hitler.
In einer anderen Zeit wäre man mit solchen Ansichten zu Recht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. In den USA unter Donald Trump wird man als zum „Coronation Ball“ (also zum Krönungsball!) eingeladen, den der ultrakonservativen Verlag Passage Press im Ballsaal des Watergate Hotels zur Amtseinführung von Trump veranstaltete. Und die „New York Times“ (die für Yarvin zur „Kathedrale“ gehört, also einem geheimen Machtnetzwerk aus Universitäten, Medien und Kulturschaffenden, das heimlich die öffentliche Meinung und politische Richtung bestimmt) porträtiert ihn in derselben Woche in einem unkritischen, zweiseitigen Artikel; in „Politico“ durfte er ein einem langen Interview seine Einschätzung der ersten Wochen der Trump-Regierung verbreiten.
Und da sah er einiges, was ihm bekannt vorkommen musste. Hatte er in seinem Blog nicht schon vor über zehn Jahren seinen Plan “Retire All Government Employees,” kurz RAGE, beschrieben? Gemeint war eine große Säuberung des amerikanischen Regierungsapparats, die den Weg frei machen soll für „unideologische Technokraten“, die die Macht an sich reißen und die soziale Ordnung auf rationalen, datenbasierten Kurs bringen sollen. Klingt das nicht verdächtig nach Elon Musks DOGE?
Wie der US-Miliardär gegenwärtig die amerikanische Verwaltung verwüstet, hat Yarvin – der inzwischen ein Substack namens „Grey Mirror“ betreibt – zwar inzwischen mit „Schimpansen, die Wagner spielen wollen“ verglichen. Aber die „Washington Post“ zitiert einen DOGE-Mitarbeiter mit den Worten, Yarvin habe „die klarste Formulierung“ dessen geliefert, was seine Behörde zu erreichen versucht. „Es gibt diese Allianz der Medien, der Universitäten und der Regierung. Diese Leute kapern die Regierung und benutzen sie für ihre eigenen Zwecke und für ihre eigene Macht. Und das ist für uns sehr beängstigend. Wir wollen die Macht der Kathedrale beschränken.“
Ähnlich hat sich schon JD Vance 2021 in dem Podcast des Manosphere-Bizarros Jack Murphy geäußert: Sollte Trump noch einmal Präsident werden, müsse er „jeden einzelnen Bürokraten der mittleren Ebene, jeden Beamten im Verwaltungsstaat“ feuern und diese „durch unsere Leute“ ersetzen. 2022 ließ er Vanity Fair wissen: "Wir müssen die Institutionen der Linken übernehmen und sie gegen die Linke wenden. Wir brauchen so etwas wie ein Ent-Baathifizierungsprogramm, ein Ent-Woke-ifizierungsprogramm". Das erinnert an die Staatsstreichphantasien von Yarvin, mit dessen Schriften JD Vance nachweislich vertraut ist. Und es verweist auch schon auf die Schikanen, mit denen die Trump-Administration die amerikanischen Universitäten und die öffentlich-finanzierten Medien wie PBS als angebliche Horte des linken Denkens überzieht.
Es kommt auch in den USA nicht jeden Tag vor, dass der Substack eines Neo-Monarchisten die Gebrauchsanweisung für eine „disruptive“ Bundespolitik liefert. Und Yarvin ist nicht einmal der einzige seltsame Heilige, dessen Internetergüsse gerade in gefährliche und asoziale Politik umgesetzt werden, die viele Menschen ihren Lebensunterhalt, ihre Sicherheit oder sogar ihr Leben kostet.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in den Untiefen des Internet eine toxische Subkultur von Pseudo-Intellektuellen zusammengefunden, die nun als Stichwortgeber und Ideenlieferanten für einflussreiche Mitglieder der Trump-Administration dienen. Zusammengefasst wird ihre Anschauungen unter dem Begriff „Dark Enlightment“ (Düstere Aufklärung), die wiederum in den Kreisen von „Dark MAGA“ rezipiert werden, einer radikaleren, autoritärere Strömung innerhalb der US-amerikanischen Trump-Bewegung, die von einen Rachefeldzug gegen politische Gegner und der Etablierung eines christlichen Autoritarismus träumt. (Wenn man sich schon einmal gefragt hat, warum Elon Musk keine rote, sondern eine schwarze MAGA-Basecap trägt – die weist ihn als Anhänger dieser dunklen MAGA-Variante aus.)
Was Steve Bannon und die Alt-right in der ersten Amtszeit von Trump waren sind die Neoreaktionäre und Dark MAGA für die zweite: Vorbeter und Sturmtruppen, Propagandaminister und Erfüllungsgehilfen.
Außer Yarvin gehört zu den neoreaktionären „Vordenkern“ dieser Bewegung unter anderem der englische Autor Nick Land, der einst als „Internetphilosoph“ zu den Begründern des akademischen Akzelerationismus gehörte, aber inzwischen bei „Hyper-Rassismus“ und Eugenik inklusive der Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten angekommen ist. Der Begriff „Dark Enlightment“ geht auf sein gleichnamiges Essay von 2012 zurück.
Wer den Fußnoten, Querverweisen und Hyperlinks in diesem geistigen Morast folgt, entdeckt ein giftiges Biotop von Denkschulen und Ismen, von denen einigen in dieser Artikelserie vorgestellt werden sollen. Und wer sich tief genug in diesem bedrückenden Kaninchenbau verirrt, landet irgendwann bei Andrew Tate, Cthulhu und Bronze Age Pervert, einer anonymen Internetkreatur, die in Blogs und Podcasts Faschismus, Bodybuilding, das Patriarchat und Nietzsche propagiert.
Sein Pamphlet „Bronze Age Mindset“ wird offenbar inzwischen unter republikanischen Republikanern herumgereicht wie früher schmutzige Bildchen auf dem Schulhof. Curtis Yarvin hatte dem republikanischen Politiker Michael Anton ein Exemplar überlassen, der das Buch in dem konservativen Claremont Review of Books mit einer Lobeshymne bedachte. (Anton war in der ersten Trump-Regierung Direktor für strategische Kommunikation im Nationalen Sicherheitsrat und ist nun Director of Policy Planning im Außenministerium.)
Die zweite Trump-Regierung hat kein kohärentes politisches Programm; ihr Handeln ist bestimmt von einem wilden Durcheinander aus Ideologien, Ideenwelten und Verschwörungstheorien, die zum Teil sogar im Widerspruch zueinander stehen. Viele der konkreten, politischen Maßnahmen der Trump-Regierung schienen dem „Project 2025“-Schlachtplan zur Umgestaltung der US-Bundesregierung zu folgen, den der erzkonservativen Think Tank Heritage Foundation 2023 veröffentlicht hat – obwohl Donald Trump während des Wahlkampf behauptet hatte, nie davon gehört zu haben. Aber unterhalb des absurden Mischmasch aus Neoliberalismus und Protektionismus, Staatsverachtung und Isolationismus, Populismus und Alt-Männer-Ressentiments findet unter den nachgeordneten Chargen ein ideologisches Rüpelspiel statt, das sich aus trüben Internetquellen speist.
Auch wenn diese Ideenwelten viele verschiedene Namen haben, ist ihnen in der Regel gemeinsam, dass sie den Staat reprimieren oder gleich ganz abschaffen wollen. Als Ersatz für eine staatliche Ordnung bieten sie oft technologische Wunder-Lösungen an; besonders Neurotechnologie, Robotik, künstliche Intelligenz und Bitcoin werden oft als Alternativen zu angeblicher staatlicher Überregulierung, verkrusteter Bürokratie und generellem Stillstand angeführt. Die meisten dieser Ideen sind batshit crazy, und oft kann man kaum glauben, dass erwachsene Menschen so einen blühenden Unfug glauben können.
Eine weitere Gemeinsamkeit vieler dieser Blasenphantasie besteht darin, dass Peter Thiel irgend etwas mit ihnen zu tun hat. Der in Deutschland geborene und im Apartheids-Südafrika aufgewachsene Unternehmer hat unter anderem früh in Airbnb, Facebook und Palantir investiert und dadurch ein märchenhaftes Vermögen aufgehäuft, mit dem er schon den ersten Wahlkampf von Donald Trump finanzierte. Zuvor war er zu der Erkenntnis gelangt, dass “Freiheit und Demokratie nicht vereinbar sind“, weil in einer Demokratie die Interessen von Armen und Frauen zu stark berücksichtigt würden.
Seither hat Thiel sich immer weiter radikalisiert und finanziert unter anderem das Seasteading-Institut, das die Schaffung autonomer Gesellschaften auf Bohrinseln anstrebt. Er hat in das gescheiterte Software-Projekt Urbit von Curtis Yarvin investiert, aber vor allem in die politische Karriere von JD Vance, der zeitweise in seiner Venture-Capital-Firma arbeitete. Gemeinsam investierten sie in den unter Querdenkern und Verschwörungstheoretikern beliebten Videodienst Rumble, bevor Thiel Vance´ Wahlkampf mit Millionensummen sponserte.
Mit Vance als Vize-Präsidenten hat er nun einen Mittelsmann direkt im Weißen House. Weitere Thiel-Vertraute an der Spitze der amerikanischen Regierung sind Elon Musk, mit dem zusammen er einst Paypal gründete, und David Sacks, ein anderer Geschäftspartner, der kürzlich von Trump zum „Crypto czar“ gekürt wurde. Über diese Figuren tröpfelt das Gift des „Dark Enlightments“ und seiner bizarren, menschenfeindlichen und gesellschaftszerstörenden politischen Rezepte in die Politik der zweiten Trump-Regierung.
