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Die 90er Jahre Show

Die „Matrix“-Triologie ist Höhepunkt und Ende eines halb vergessenen Genres: Cyberpunk. Vielleicht wirkt der dritte Teil darum etwas melancholisch. Ein Rückblick auf ein schon wieder halb vergessenes Kapitel der Science Fiction Literatur

Von Tilman Baumgärtel

Die Einflüsse und Zitate, aus denen „Matrix Revolutions“ zusammengesetzt ist, werden in den nächsten Wochen und Monaten in der Presse und im Internet wohl wieder ausführlich diskutiert und analysiert werden – wie schon bei Teil eins und Teil zwei. Auch wenn die beiden Fortsetzungen die Erwartungen, die die erste Folge ausgelöst hatte, letztlich nicht erfüllen konnten, bietet der Film immer noch genug Stoff für Websites und in Fan-Diskussionsboards mit Titeln wie „Matrix Essays“

Die “Matrix”-Triologie ist die 90er-Jahre-Show. Die Filmserie sammelt einige der wichtigen kulturellen Praktiken des vergangenen Jahrzehnts zusammen: Verschwörungstheorien werden salonfähig, die Kultur wird elektronisch, die kulturelle Bruchstücke vergangener Kulturen sind ein Steinbruch, aus dem sich jeder sein eigenes postmodernes Pastiche zusammen zimmern kann, und dreht sie durch den Wolf. Sogar einen Rave haben die Gebrüder Wachowski so gut inszeniert, wie es das Kino in den 90er Jahren trotz allgegenwärtigem Techno und Loveparade nicht geschafft hat. Und für die akademische Community haben sie mit Colonel West als Statisten in den Senats-Szenen einen der Theoriestars der 90er Jahre untergebracht. Und die Computerisierung, Digitalisierung und Vernetzung des vergangenen Jahrzehnts bildet die Folie, ohne die das Ideenuniversum der „Matrix“ überhaupt nicht möglich wäre...

Die Gebrüder Wachowski haben nichts Neues erfunden. Die “Matrix”-Trilogie, deren dritter Teil

aktualisiert uralte Zweifel an der Natur des Seins, im Taoismus und in der Hindu-Mythologie, bei Descartes und im Buddhismus. (“Matrix: Reloaded“ startete in den USA zu Buddhas Geburtstag.)

Die „Matrix“-Filme popularisieren die im Untergrund einer hermetisch abgeschlossenen Szene entwickelte Ideen und Formen, nämlich des Cyberpunks. Unter den Bedingungen des Digitalisierung sind diese Ideen in den 80er Jahren in den Science-Fiction-Romanen der “Cyberpunk”-Bewegung weitergeschrieben worden.

In Neal Stephensons “Snow Crash” treffen sich die Protagonisten im computersimulierten Metaverse, einem platonischen Ideen-Universum, in das man sich bereits über den Rechner einloggen kann.

Der Autor William Gibson hat nicht nur den Begriff “Cyberspace” geprägt, die Matrix spielt in seinen Romanen (wie “Neuromancer” oder “Mona Lisa Overdrive”) die eigentliche Hauptrolle. Selbst die Daten-Steckdose im Nacken, mit denen sich die Kämpfer in die Matrix einloggen, hat er schon in seiner Kurzgeschichte “Johnny Mnemonic” vorweggenommen. In der (gefloppten) Verfílmung von dem Künstler Robert Longo spielte Keanu Reeves zum ersten mal einen “renegate programmer”, einen Cyberpunk. Hollywood übernahm auch in Filmen wie “RoboCop” und “Terminator” die Themen und das apokalyptische Weltbild der Cyberpunks, aber vor allem seinen schnoddrigen, düsteren Stil. (Im ersten Terminator-Film gibt es eine Kneipe, die “TechNoir” heisst - was wahrscheinlich ein besserer Genre-Name als Cyberpunk gewesen wäre...)

Darin gleicht sie einer Band wie Rammstein. Die heute international erfolgreichsten deutschen Rockgruppe hat wenig mehr getan, als die Ästhetik und die Konzepte, die in den 80er und 90er Jahren in der Industrial Music von Bands wie Front 242, Nitzer Ebb oder Laibach entwickelt wurden, noch einmal zur Wiederaufführung gebracht hat – gerade als man glaubte, diese Ästhetik und diese Idee hätten sich endgültig überlebt.

Die Cyberpunk-Autoren begannen zu der Zeit zu schreiben, als die Digitalisierung der westlichen Alltagswelt begann. Anfang der 80er Jahre kamen die ersten PCs auf den Markt, die man bedienen konnte, ohne Informatik studiert zu haben und die sich normale Leute leisten konnten - nicht bloß “das System”, also Staat und Großunternehmen. In den USA und Europa entwickelte sich eine rege Computer-Gegenkultur, die plötzlich die technologischen Machmittel der anderen Seite in ihren Händen fand. Aus diesem Erlebnis speist sich der Anti-Establishment-Impuls der frühen Hacker-Kultur.

“The street finds it own use for things”, schrieb Gibson. Um die ersten Homecomputer mit Online-Anschluß entwickelte sich eine Szene von juvenile deliquents, die geknackte Software verbreitete und in fremde Rechner einzubrechen versuchte: Teenager-Hacker. Manche waren noch nicht mal im Stimmbruch, als das FBI mit Durchsuchungsbefehl vor der Haustür ihrer Eltern stand. Cyberpunk-Autor Bruce Sterling hat die konzertierte Anti-Hacker-Aktion der US-Polizei in seinem Buch “The Hacker-Crackdown” beschreiben. Auch in Deutschland landeten Hacker vor Gericht.

Neo und seine Mitkämpfer sind Hacker. Sie bedienen sich der Technologie, um gegen die Technologie zu kämpfen. Sie sind keine Ludditen, keine Maschinenstürmer, aber sie wehren sich dagegen, von Technologie beherrscht zu werden. War im ersten Teil der “Matrix” noch undifferenziert vom “Kampf gegen die Maschinen” die Rede, geht es in einer der etwas langatmigen philosophischen Debatten in “Matrix: Reloaded” um genau das komplexe Kontroll-Verhältnis zwischen Mensch und Maschinen. Die Maschinen versuchen zwar, die Menschheit zu vernichten. Aber die unterirdische Stadt Zion kann auch nur wegen der Maschinen überleben, die Trinkwasser und Licht liefern. Und am Ende schließt Neo tatsächlich Frieden mit den Maschinen, der Krieg ist vorbei.

Mit Technologie rebellisch sein - das ist der eigentliche Plot der “Matrix“-Trilogie. Morpheus spricht von seiner “hohen Affinität zum Ungehorsam”. Zwar richtet sich der Aufstand der Untergrund-Armeen gegen die “Maschinen”, die die Menschheit unterjochen und in einem computersimulierten Nirvana in Dauer-Trance halten, um sie als Energiequelle zu nutzen. Doch um gegen die Maschinen (die übrigens allesamt eher wie Schöpfungen aus der Zeit der industriellen Revolution denn wie zeitgenössische Digitaltechnik aussehen) zu kämpfen, bedienen sich unsere Helden selbst avancierter Technologie.

Hollywood hat immer wieder versucht, den Hackermythos für das Kino aufzubereiten. Mit “Matrix” ist das zum ersten Mal gelungen. Der Film hat der Informationsgesellschaft einen Helden gegeben: Neo. Er ist (wie der Cowboy im Western oder Luis Trenker im Bergfilm) eine Identifikationsfigur für sein Publikum - wenn auch keine mit Bezug auf eine National-Mythologie, sondern eine für die globalisierte, vernetzten Welt. (Nicht umsonst wird er von einem Halb-Hawaiianern gespielt, nicht umsonst sind unter den Einwohnern Zions für einen US-Action-Film überdurchschnittlich viele persons of color.)

Die “Matrix”-Triologie ist eigentlich der groß angelegter Versuch, die Vorgänge innerhalb des Computers und des Netzes sichtbar und damit kinotauglich zu machen. Immer größere Teile unseres täglichen Lebens verschwinden in der digitalen Technologie, die uns wie ein Netz umgibt, und entziehen sich damit der Darstellung im Film. Denn das Kino braucht abfilmbare, visuelle Vorgänge, auf das es seine Kamera richten kann. “Matrix” wagt den Kompromiss, Vorgänge im Inneren des vernetzen Rechners mit den Bildern des Actionkinos zu erzählen. Der Einbruch in die “Source”, die Quelle, mit der „Matrix Reloaded“ endet, ist der - mit Designergewalt und mythologischen Obertönen - verbrämte Hack eines Server-Computers. Man könnte diese Auseinandersetzung auch erzählen, indem man ein paar Typen zeigt, die vor dem Computer sitzen und auf die Tastatur einhämmern. Das wäre aber langweilig . (Trotzdem sind die Gebrüder Wachowski Nerds genug, originalgetreu zu zeigen wie Trinity ein Unix-System knackt. In anderen Filmen würden wir an dieser Stelle auf dem Computermonitor wild rotierende dreidimensionale Buchstaben sehen, aber die Wachowskis tun es nicht unter einem echten “SSH-Exploit“.)

Die 90er Jahre Show

Tilman Baumgärtel

Tilman Baumgärtel