Politiker chatten

Wenn deutsche Politiker über das Internet reden, hat man selten den Eindruck, daß sie so ganz genau wissen, was das eigentlich ist. Unvergessen ist bis heute der bayrische Ministerpräsident Stoiber, der bei einem Internet-Kongress in München den Teilnehmern zurief: "Seien auch sie auf Linie!" Auf Linie, also online, ist an diesem Wochenende nun der deutsche Bundeskanzler zu erleben. Am Samstag, dem 18. September, wird es ab 12:00 Uhr mittags unter www.cdu.de einen Livechat mit Helmut Kohl geben. "Der erste deutsche Kanzler, der im Internet diskutiert" wurde die Choose angekündigt. Kunststück - als das letzte mal jemand anderes als Kohl Bundeskanzler war, hatte Westdeutschland noch gar keinen Anschluß ans Netz der Netze. Wer mitdiskutieren möchte, kann Kohl ja mal an seine erste Begegnung mit den Internet erinnern. Als 1995 bei einer Fernsehdiskussion ein IBM-Manager den Kanzler nach der deutschen Datenautobahn fragte, antwortete der, daß der Straßenbau Ländersache sein. Kohls Herausforderer wurde im Netz übrigens bislang nur auf der SPD-Homepage (www.spd.de) gesichtet. Der geplante Webchat mit Gerhard Schröder auf der Site von Wahlkampf98 (www.wahlkampf98.de) findet nun doch nicht statt - angeblich wegen Terminschwierigkeiten.

Studierende diskutieren

Gleich weiter diskutieren kann man auf den Mailinglisten, die von Studierenden an einer Reihe von deutschen Universitäten eingerichtet wurden. Diese Mailinglisten entstanden aus den Studentenprotesten des vergangenen Jahres, die so offenbar wenigstens im Internet weitergeführt werden. Eine Liste der Mailinglisten gibt es unter http://infopool.uni-duisburg.de/; debattiert wird unter anderem - streng nach Thema getrennt - über Hochschulreform, Elitenbildung, Interdisziplinarität, Linke Theorie und - ahem - über die Neurophysiologie der Werte. Eine eigene Liste für Unfug gibt es auch. Doch zum reinen Geplänkel sind die Diskussionslisten nicht gedacht: Langfristig sollen aus diesen Listen Studiengruppen werden, die Mitarbeit an ihnen soll mit Scheinen belohnt werden - an einigen Universitäten angeblich schon im nächsten Semester.

Linke publizieren

Eine neues Ezine aus dem linksradikalen Lager ist "com.une.farce" (http://www.copyriot.com/unefarce), seit kurzem mit einer Nullnummer im Netz. In der ersten Ausgabe der Publikation, die dreimal im Jahr erscheinen soll: ein Interview mit Johannes Agnoli, eine Kritik des Autonomennachrufs "Feuer und Flamme" sowie ein Feature über die Situation osteuropäischer Migratinnen in Deutschland. Zwar mußten die Macher erstmal einiges theoretisch-ideologisches Magendrücken hinter sich bringen, als sie sich für die Verbreitung im Netz entschieden, wie diese gewundenen Sätze aus dem Editorial beweisen: "Wir wissen, daß wir mit der ausschließlichen Publikation im Netz neue Ausschlüsse produzieren.... Andererseits sind die Ausschlüsse bei klassischen linken Zeitschriften, die es lediglich in ein oder zwei Buchläden in ein dutzend Städten zu kaufen gibt, kaum minder problematisch..." Doch dann überwand man sich schließlich, denn "es geht auch darum, Erfahrungen mit der Nutzung eines für linke Zeitschriften neuen Mediums zu machen, es sich anzueignen." In der nächsten Ausgabe sollen die multimedialen Möglichkeiten des Internets genutzt werden: dann wird es außer Texten auch Ton und bewegte Bilder geben.

Tilman Baumgärtel

tilman@icf.de