Homepage der Woche

"Trend"

Nur langsam wagt sich die deutsche Linke ins Netz: Vor allem die traditionellen Marxisten halten das Internet immer noch fr einen besonders schwer zu durchschauenden Trick der internationalen Hochfinanz, w„hrend die Anarchisten und undogmatische Gruppen weniger Berhrungs„ngste mit dem Computer haben. Seit Anfang des Jahres gibt es "Trend - Die Onlinezeitung fr die t„gliche Wut" (http://ourworld.compuserve.com:80/homepages/trend/). Geduldiges Klicken bringt Interessantes hervor: Die Erkl„rung der Berliner Wagenburgen findet sich da, auáerdem ein Bericht ber die Vorbereitungen zum "revolution„ren 1. Mai", Texte ber Hausbesetzungen in Berlin, die PKK, die Autonomen, einen Aufsatz ber den Freiheitsbegriff des Anarchismus, Demo-Termine. "Trend" ist das erste linke Ezine in deutscher Sprache. Da kommen romantische Vorstellungen auf von nomadisierenden Wagenbrgern, die mit Laptop und Handy bewaffnet im Cyberspace publizieren!!!

Tats„chlich wird "Trend" von einer Gruppe Kreuzberger Linker herausgebracht, die sich selbst als "alte 68er" bezeichnen. Auáer eigener Beitr„gen haben die Links-Radikalen von "Trend" eine hervorragend recherchierte Liste mit Bookmarks zusammengestellt: von A wie "Anarchismus" bis Z wie "Zapatisten". "Mit der linken Maustaste" kann man die Marxschen "Werttheorie" downloaden; andere Hyperlinks fhren zu der Homepage der Kampagne fr Mumia Abu-Jamal oder zu Grafikdateien von revolution„ren Flugbl„ttern vom Asta der Uni Heidelberg. Auch einen Link zur "Digitaz" gibt es, weswegen wir mal so tun, als haetten wir nicht gesehen, daá unsere linksradikalen Genossen unfreundliche Worte fr unser Blatt gefunden haben: "eine Zeitung, die die Interessen des neuen Mittelstandes in Deutschland vertritt". Ts ts ts...

"Trend" ist aus einer Zeitschrift des Kreuzberger Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervorgegangen, die im vergangenen Jahr von der Gewerkschaftsleitung wegen eines miáliebigen Artikels die Untersttzung gestrichen bekam. Die drei abgeschossenen Redakteure wollten trotzdem weiter ein Magazin machen und schlossen sich dem "groáen Treck in den Cyberspace" an: Sie entschieden sich, "Trend" bei "Ourworld" weiterzufhren. "Ourworld" ist ein Programm von CompuServe, mit dem sich die Kunden des amerikanischen Online-Dienstes eine eigene "Hompage" basteln k”nnen - ein Art Visitenkarte, mit der man sich der Netz-Bev”lkerung in Wort und Bild vorstellen kann. Sie brachten sich HTML bei, den Code, mit dem Daten formatiert werden mssen, um im WorldWideWeb, der graphisch man”vrierbaren Oberfl„che des Internet, publiziert zu werden. Am 18. Januar erschien die erste Ausgabe des neuen "Trend" - nicht mehr auf Papier, sondern nur noch im Netz. Und auf einmal war das Amateur-Blatt nicht mehr bloá einer Handvoll Kreuzberger Lehrern zug„nglich, sondern den circa 40 Millionen Internet-Nutzern in der ganzen Welt. So best„tigt "Trend", was die Internet-Apostel, die seit einiger Zeit durch Deutschland ziehen, schon lange predigen: Im Internet ist jeder gleichzeitig Produzent und Konsument. Auch mit geringen Mitteln und ein biáchen Computer-Grundkenntnis kann man im Internet publizieren - und zwar gleich neben dem "Spiegel" und dem "Wall Street Journal".

Tilman Baumg„rtel 100131.2223@CompuServe.

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