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Künstliche Paradiese

arte-Themenabend "Internet", Dienstag, 21:40 - 2:15 Uhr

Das Internet ist ein Thema, das sich der Darstellung im Fernsehen entzieht. Der raumlose Raum des weltweiten Computernetzwerks, in dem es keine Zeit und keine Entfernung gibt, verweigert sich der Darstellung im TV, das als Bildmedium sichtbare Objekte braucht. An diesem Problem laborierte auch der arte-Themenabend zum Internet eher erfolglos herum.

Martin Messonniers gut zweieinhalbstündige Dokumentation behalft sich mit exzessivem Einsatz von elektronischen Effekten und mit Talking Heads: Sattsam bekannte Netzexperten wie Wired-Herausgeber Louis Rosetto, der amerikanischen Futurist Alvin Toffler oder Germany´s very own Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club redeten und redeten und redeten - oft unterbrochen von elektronischen Geflacker und unterlegt mit Techno. Danach erschien das Internet als ein Symptom männlicher Hysterie (Frauen kamen im Film nicht vor), dem beliebige Attribute zugeschrieben werden können: ein "riesiges Kunstwerk" und eine "multidimensionale Demokratie", die unter anderem "Afrika aus seinen Fesseln" befreien wird, außerdem Cybersex, Kinderpornographie, das globale Dorf undsoweiterundsofort. Der aus Funk und Fernsehen bekannte Internet-Hype also, der langsam seine mediale Halbwertszeit erreicht hat. Bloß eine Passage über eine Demo-Party voll Hackern im Teenageralter war wirklich sehenswert.

Wesentlich gelungener der folgende Dokumentarfilm, der sein Thema - von Menschen geschaffene Welten ohne die Unzulänglichkeiten des wirklichen Lebens - zur Methode machte: "Synthetic pleasures", eine Dokumentation ohne aufklärerische Absicht des amerikanischen Regisseur Iara Lee, bestand aus einem ununterbrochen Strom von Bildern, manche "echt", manche virtuell, die von körperlosen Stimmen aus dem Off kommentiert wurden: Virtual Reality Enviroments, Computersimulationen, Spielcasinos in Las Vegas, Techno Raves, eine Hochzeit im Cyberspace, Gehirn-Scans schloßen sich zusammen zu einer anschaulichen Darstellung eines technologisch-künstlichen Paradieses - die nebenbei so einlullend war, daß der Rezensent über die virtuellen Traumbilder, nun ja, einnickte. Über "Cyber Guerilla", den letzten Film des Abends, muß daher geschwiegen werden.

Tilman Baumgärtel