Videospiele sind in Mode. Als erster Aspekt der digitalen Kultur haben die Games das Museum erobert: das Züricher Museum für Gestaltung hat im Mai mit "Game over" eine Ausstellung zur Geschichte und Bedeutung der Videospiele gezeigt, im Berliner Computerspielemuseum wird liebevolle Aufbereitungsarbeit für alte, tote Games geleistet und auch die kalifornische Uni-Zeitung Switch hat gerade eine Ausgabe mit Gamespatches von Künstlern online gebracht.
Auch die Wiener t0 Netbase hat unter dem Titel "Synworld" Anfang Juli eine Ausstellung cum Symposium zum Thema veranstaltet und nun mit beachtlicher Geschwindigkeit eine ganze CD-Rom fertiggestellt, die für die Veranstaltung gleichzeitig als Katalog und Dokumentation dient.
War schon die Website von "Synworld" eine Orgie der letzten Web-Tools wie Flash und Shockwave, so enthält auch die CD-Rom alles, was das Herz des Programmierfreaks höher schlagen läßt. Im Gegensatz zur Website schließt der Hightech die User älterer Computer und vor allem langsamer Leitungen nicht automatisch aus, obwohl auch ein normaler Pentium-Computer an die Grenzen seiner Prozessorenkapazität gelangt, wenn man sich durch die Synworld-CD-Rom klickt. Witzigerweise scheint es heute nötig zu ein, uralte Technologie mit modernsten Technologien zu re-animieren beziehungsweise zu emulieren. Schon ein kleines DOS-Fensterchen, das sich beim Anklicken dieser CD-Rom öffnet, braucht eine beachtliche Weile und gibt dem Label der "time-based art" neue Bedeutung, noch bevor man im eigentlichen - im berühmten Monitorgrün gehaltenen - Menü ist.
Wer genügend Geduld besitzt, um sich durch das etwas mysteriöse Interface zu navigieren, findet reichliches Material zum Thema Computerspiele. Da diese Seiten sämtlich in HTML programmiert sind, genügt auch ein normaler Browser, um zu interessanten Dokumenten und Texten zu gelangen. Ein Hang zu aufgeblasenem "Cyber-Slang" mit Begriffen wie "Soft Structures" erleichtert es freilich nicht gerade, sich hier zurechtzufinden. Dies ist auch der Boden, auf dem so seltsame, wurstige Statements gedeihen wie diese Projektbeschreibung:
"Die Iscapes sind Architekturen, entstanden aus der manipulierten Metaphorik von Formen und Räumen, ein Abfallprodukt kultureller Produktion."
Nicht verschwiegen werden soll, daß zu den Texten auf der CD-Rom auch ein Interview mit dem Atari-Gründer Nolan Bushnell von diesem Autoren gehört, sowie weitere Texte aus dem Telepolis-Games-Special, im Rahmen eines Text-File-Sharings zwischen TP und Synworld.
Besonders interessant ist der Teil, der sich auf dieser CD-Rom in einem leicht zu übersehenden Unter-Ordern mit dem Namen "PC-Software" verbirgt: hier sind eine Reihe von Programmen, Screensavern und Gamespatches versteckt, die aus der CD auch eine veritable Shareware-Sammlung machen. Gamespatches von Netzkünstler wie Jodi (Doom) sind hier genauso verborgen wie ein Screensaver vom amerikanischen Cyberpunkautor und Uni-Professor Rudi Rucker, der auch im Netz zu finden ist. Freilich: richtig zugänglich ist alles das nur denjenigen, die auch bei dem Symposium und der Ausstellung waren, und wissen, was es zu sehen geben sollte.
Eher enttäuschend ist leider die Präsentation der Ausstellung, die in Wien gezeigt wurde. Es gibt keine Bildern von der real existiert habenden Show, die wohl aus technischen Gründen nur wenige Tage im Wiener Museumsquartier zu sehen war und bei der man sich schon fragt, ob die ganzen Computerspiele und deren Modifikationen auch tatsächlich im wirklichen Raum gezeigt werden konnten. Aber der "Katalog" der Ausstellung beschränkt sich auf ziemlich normale Bios und ein paar, viel zu kleine Bilder der gezeigten Arbeiten. Hier wäre Mehr wirklich einmal Mehr gewesen.
Die "Synworld"-CD-Rom wird vertrieben von Public Netbase Museumsquartier Museumsplatz 1, A-1070 Vienna synworld@t0.or.at synworld.t0.or.at Preis: 100 Schilling