Auch in Berlin ist Do-it-yourself Mode geworden. In unserer Serie stellen wir in loser Folge Selbermach-Trends und die Menschen dahinter vor. Heute: Ein Besuch im Etsy Lab in Kreuzberg.
Montagabend in einem Fabrikloft in Kreuzberg: Zwei Dutzend Frauen sitzen um einen langen, etwas wackeligen Tisch voller Stoffreste, die sie in längliche Streifen reißen. Offensichtlich geht es hier um Handarbeit. Aber was machen diese ganzen Hula-Hoop-Reifen hier?
Das ist der Webrahmen, erfährt man. Zuerst werden sechzehn Stoffstreifen sternförmig um die Reifen geschlungen. Zwischen diese werden die übrigen Stoffstreifen im Kreis durchgeflochten, sodass langsam ein rundes, knallbuntes Stück Gewebe entsteht. Je nachdem wie viel Geduld man hat, kann man so einen kleinen Untersetzer oder einen großen Bettvorleger machen.
Wir sind beim Etsy Lab, einer Bastelrunde, die der Online-Versand Etsy jede Woche veranstaltet. Die Veranstaltung ist populär; die 25freien Plätze sind immer schnell reserviert. Verena Wischniewsi ist ein regelmäßiger Gast bei den Abenden. "Die meisten Sachen, die wir hier machen, sind leicht", sagt die Studentin. "Das gefällt mir, in ein paar Stunden etwas fertig zu bekommen." Zusammen mit anderen werkelt es sich leichter, findet sie: "Hier gibt es so eine Gruppendynamik, das ist wie beim Sport."
Internet-Plattformen wie Etsy und das deutsche Gegenstück DaWanda sind der wohl wichtigste Grund, warum Handgemachtes in den letzten Jahren von einer Freizeitbeschäftigung zum Geschäftsmodell werden konnte. Statt nur für die Familie und Freunde zu basteln, verkaufen Selbermacher ihre Werke plötzlich international. Und auf einmal können manche der Hobbyisten von ihrer Passion leben. Die Modedesignerin Alex Bender etwa.
Vor drei Jahren fing sie neben ihrer Arbeit als Schneiderin an, Handtaschen und Geldbörsen aus Leder zu nähen. Erst verkaufte sie ihre Produkte in einer Boutique in Mitte. Doch dann entdeckte sie die Möglichkeit, ihre Ware online anzubieten. 2011 machte sie sich selbstständig. 30 Prozent ihrer Taschen verkauft sie in Boutiquen, der Rest geht über das Internet weg, ein Drittel davon ins Ausland. Etwa 40 Taschen verkauft sie pro Monat und kann davon leben. Dabei sind ihre bunten, minimalistischen Leder-Handtaschen mit 60 Euro nicht teuer: "Ich weiß nicht, ob das auch in München ginge. Aber Berlin ist billig, und man kommt über die Runden", sagt sie. "Ich kann von zu Hause arbeiten, zahle keine Miete für ein Atelier. Und ich habe viel Freiheit."
Do-it-yourself-Macherinnen wie sie beliefern einen Markt, der rasant wächst. Bei DaWanda bieten 190000 Hersteller 3,5 Millionen Produkte an. Nach Angaben des Unternehmens wird über die Website jede Minute eine Tasche verkauft, alle 20 Sekunden ein Schmuckstück. Für jeden verkauften Artikel berechnet DaWanda eine Transaktionsgebühr von 5 Prozent. 95 Prozent der Käufer sind weiblich. Etsy gibt keine Zahlen über Umsätze bekannt. Aber laut Sprecherin Kati Krause ist der globale Umsatz 2012 um 75 Prozent gestiegen, in Europa sogar um 92 Prozent. Etsy wurde 2005 in New York gegründet, 2010 eröffnete das Unternehmen sein erstes Büro außerhalb der USA in Berlin. Bei Treffen wie dem Etsy Lab wird Gemeinschaftssinn erzeugt, und man pflegt Kontakte.
Im Kreuzberger Hinterhof nähern sich nach anderthalb Stunden die ersten Teppiche der Vollendung. Verena Wischniewsi hat inzwischen einen Fleckerl-Teppich von etwa 30Zentimetern Durchmesser fertig. Sie ist sich nicht sicher, ob sie dasselbe zu Hause noch einmal machen wird. Aber die Treffen sind für sie trotzdem eine Inspiration. Inzwischen überlegt sie, einen eigenen Online-Shop mit selbst gefalteten Kartons zu eröffnen.
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Foto: Alex Bender näht schlichte, zeitlose Taschen und verkauft sie online.