Schwanger mit Ada
"Conceiving Ada", der neue Film der US-amerikanischen Künstlerin Lynn Herschman-Leeson
Von Tilman Baumgärtel
"Conceiving Ada" von Lynn Hershman Leeson erzählt die Geschichte von Ada Byron King, Gräfin von Lovelace. Ada, die Tochter des britischen Dichters Lord Byron, wird heute von vielen Computerfreunden als die Erfinderin der Software betrachten.
Der Film von der amerikanischen Künstlerin Hershman Leeson ist eine essayistische Nacherzählung ihres Lebens, und zielt unübersehbar auf ihre Kanonisierung als wichtige, von der Geschichte übergangene Erfinderin ab. Der Plot: die Wissenschaftlerin Emmy Coer (Francesca Faridany), die auf die Erforschung künstlichen Lebens spezialisiert ist, entdeckt eine Methode, um mit ihrem Computer mit der Vergangenheit Kontakt aufzunehmen, und beginnt mit Ada Lovelace (Tilda Swinton) zu kommunizieren.
Es ist nicht der seltsame Techno-Unfug, der die Filmbiographie von Ada Lovelace problematisch macht, obwohl der oft genug an einen Science-Fiction-Film aus den 50er Jahren erinnert. Statt die Budget-Beschränkungen eines Independent Films zu ihrem ästhetischen Vorteil auszunutzten, versucht Hershman in zentralen Passagen, "Conceiving Ada" als Historienfilm zu inszenieren, ein Versuch, der spätestens dann komische Züge annimmt, wenn John Perry Barlow, der Cyberguru und ehemalige Rinderzüchter aus Wyoming, einen britischen Gentlemen des 19. Jahrhunderts gibt.
Auch sonst lassen Inszenierung wie Drehbuch zu wünschen übrig: Hauptdarstellerin Francesca Faridany ist von Beginn des Films an pampig, und geht dem Zuschauer spätestens nach einer halben Stunden auf die Nerven. Zum absurden Ende bringt sie quasi Adas Tochter zur Welt. Deswegen trägt das ganze Opus auch den doppeldeutigen Titel "Conceiving Ada". Das bedeutet nämlich sowohl "Ada begreifen" wie "Mit Ada schwanger sein". All das ist mehr als nur ein bißchen an den Haaren herbeigezogen. Als traditionelles Erzählkino überzeugt "Conceiving Ada" darum nicht, aber für einen experimentellen Independent Film ist das ganze wieder zu konventionell.
Dieselbe Unentschlossenheit schadet auch der Charakterisierung von Ada Lovelace. Vorsichtig will Hershmen Leeson eine zu simple Heroisierung ihrer Protagonistin als große Programmiererin und Mathematikerin vermeiden. Mit Adas mathematischen Leistung setzt sich der Film nicht allzu detailliert auseinander. Dafür betont sie immer wieder etwas spekulativ ihre "Doppelleben" mit Liebhabern, Drogen und Pferdewetten - und der beknackte deutsche Titel "Leidenschaftliche Berechnung" ist leider gar nicht so unpassend gewählt.
Lynn Hershman Leeson: "Leidenschaftliche Berechnung" (Conceiving Ada, USA/D/F 1997), mit Tilda Swinton, Timothy Leary, Francesca Faridany, John Perry Barlow, Musik: The Residents, 85 Minuten