Move fast and break things

Es ist ein interessantes Gedankenexperiment: Wie sähe das Internet wohl aus, wenn es einst von der Deutschen Bundespost erfunden worden wäre? Und wie Facebook, wenn es die Bundesnetzagentur entwickelt hätte?

Eigentlich undenkbar, denn die Entwicklung des Internets findet seit den 90er Jahren im Geiste des Neoliberalismus statt: Obwohl das Internet in den 60er und 70er Jahren mit massiver finanzieller Unterstützung des Pentagons aufgebaut wurde, zog sich der amerikanische Staat unter Bill Clinton weitgehend aus dessen Ausgestaltung zurück und überließ diese dem Markt. Die Konsequenz dieser Laissez-faire-Politik sehen wir heute: Einige wenige Unternehmen – wie Google, Facebook oder Amazon – haben Quasi-Monopole aufgebaut, die jede Konkurrenz ausbremsen.

Diese Marktmacht hat dazu geführt, dass jedes dieser Unternehmen Jahreseinnahmen hat, die das Steueraufkommen vieler Nationalstaaten übertreffen. Mit diesen astronomischen Geldreserven werden zielstrebig neue Geschäftsfelder erschlossen und innovative Newcomer-Firmen aufgekauft, die sicherstellen, dass diese Technologiekonzerne auch in Zukunft der Konkurrenz voraus sind. Außer den Erfolgsapps Instagram und WhatsApp hat Facebook zum Beispiel die Virtual-Reality- Firma Oculus VR übernommen – für 400 Millionen US-Dollar in bar und 1,6 Milliarden US-Dollar in Facebook-Aktien!

Aber Unternehmen wie Google, Facebook und Co gelten bisher nicht als finstere Trusts, sondern als bewundernswerte Firmen, deren Erfolg schlicht durch überlegene Leistungen zu erklären ist. Ihre Gründer werden als geniale Erfinder verehrt, die in der Presse gefeiert und von der Politik hofiert werden: Google-CEO Eric Schmidt war der Geschäftsmann, der sich am häufigsten mit Präsident Barack Obama getroffen hat. Als dessen Nachfolger Donald Trump im Dezember 2016 zu einem „Tech-Gipfel“ im Trump-Tower einlud, war unter den Gästen auch Larry Page von Google.

Der amerikanische Autor Jonathan Taplin beschreibt in seinem Buch „Move Fast and Break Things“ nicht nur, wie es zu der Marktmacht einiger, weniger Unternehmen kommen konnte. Er zeigt auch, dass diese neuen Monopole weder gottgegeben noch allein durch brillante Innovationen einzelner Unternehmer entstanden sind. Oft beruhen sie eher auf Skrupellosigkeit und einem strategischen Desinteresse an der Rechtslage. Und er macht auf eine Reihe von wenig bekannten Figuren aufmerksam, die dafür verantwortlich sind, dass Winner-takes-all-Märkte heute als akzeptables ökonomisches Modell gelten.

Da ist zunächst einmal der Jurist Robert Bork, zu dessen Studenten in Yale Anfang der 70er Jahre unter anderem Bill und Hillary Clinton gehörten. Bork, ein Anhänger des Neoliberalismus der „Chicago School“, vertrat die Theorie, dass Monopole keinen wirtschaftlichen Nachteil für die Konsumenten bedeuten, solange sie zu sinkenden Preisen führen. Diese Lehrmeinung Borks hat für Taplin die Wirtschaftspolitik von der Ford- bis zur Obama-Administration geprägt: Selbst gegen offensichtliche Monopolisten wie Microsoft, Walmart oder die Internet-Konzernen der Gegenwart wurde lax oder gar nicht vorgegangen.

Diese Art der „Wirtschaftsfreundlichkeit“ hat Kreaturen wie den deutschstämmigen Investor Peter Thiel hervorgebracht. Als Mitgründer des Bezahldienstes PayPal, einem der Internet-Monopolisten von heute, wurde er reich, und ist als Berater und Finanzier von Firmen wie Facebook und Palantir eine Schlüsselfigur im Silicon Valley. Thiel hat mit seinem Privatvermögen, das auf 2,7 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, den republikanischen Rechtsaußen Ron Paul und die Tea Party durch Millionenspenden unterstützt. Im US-Wahlkampf trat er als einer der wenigen prominenten Fürsprecher von Donald Trump beim Parteitag der Republikaner auf. Sein Weltbild ist von den Büchern der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand geprägt, die in Romanen wie „The Fountainhead“ beschreibt, wie große Einzelne kraft ihrer Genialität der Mehrheit ihren Willen aufzwingen.

„Competition is for losers“, verkündete Thiel in einer Artikel für das Wall Street Journal, in dem er dafür plädierte, als Unternehmer ein marktbeherrschendes Monopol anzustreben. Genauso operieren für Taplin Unternehmen wie Google oder YouTube, die ihr Geschäftsmodell so „awesome“ finden, dass sie geltende Gesetze nur als lästige Behinderungen wahrnehmen. So wie Google einfach mal das Internet auf die eigenen Computer kopiert, ganze Büchereien scannt und für Street View den halben Globus abfotografiert, und gar nicht auf die Idee kommt, dafür um Erlaubnis zu fragen. So wie YouTube bis heute urheberrechtlich geschütztes Material streamt, aber sieben Jahre brauchte, um sich mit der GEMA auf ein Honorierungssystem für Komponisten zu einigen. So wie AirBNB und Uber sich nicht an die nationalstaatlichen Regulierungen ihrer jeweiligen Geschäftsfelder gebunden fühlen, da sie ja nur Vermittlungsplattformen sind, nicht Hoteliers oder Taxiunternehmen. Dafür noch Steuern zu bezahlen? Pah, da wickelt man seine Geschäfte lieber über Steuerparadiese in der Karibik ab.

Taplins Empfehlung: eine Entflechtung der so entstandenen Kartelle und eine Vergesellschaftung des Wissens, das diese Unternehmen angehäuft haben. Mit der gegenwärtigen US-Regierung dürfte das freilich kaum zu machen sein.

Jonathan Taplin: Move fast and break things. How Facebook, Google and Amazon cornered Culture and undermined Democracy, Little, Brown and Company, 2017, § 16.99

Tilman Baumgärtel

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