Die Rückkehr der Masse 1.0: Wie wird aus BRD-Wohlstandsbürgern ein Mob von Internet-Trollen? Schlag nach bei Gustave Le Bon!
Von Tilman Baumgärtel
Nicht erst „seit Köln“ herrscht in den sozialen Medien in Deutschland ein bedenklicher Ton. Bei Facebook oder Twitter, in den Kommentarspalten der Websites von tagesschau.de bis Zeit Online ist es nichts ungewöhnliches mehr, dass Menschen, weil sie anderer Meinung sind, beleidigt, der Lüge bezichtigt, gelegentlich sogar mit körperlicher Gewalt oder sogar mit dem Tod bedroht werden. Auch rassistische Schmähungen, Leugnung des Holocaust und andere strafbare Äußerungen sind in Online-Debatten ungeahndeter Alltag. Und je brausender der nationalistische Furor ist, desto größer die Schwierigkeiten mit der deutschen Orthographie. Lange habe ich mir darum den deutschen Internet-Troll so vorgestellt wie er einst in einer denkwürdigen Reportage der FAZ am Sonntag dargestellt wurde: als invaliden Frührentner, der in Jogging-Hosen in einer nikotingeschwängerten Einzimmerwohnung auf der Schlafcouch sitzt und sich die Zeit damit vertreibt, im Internet über Lügenpresse, Gutmenschen und Wirtschaftsflüchtlinge abzukotzen. Aber wenn man sich die Facebook-Profile der übelsten Online-Motzer ansieht, stellt man mit Entsetzen fest: die meisten von ihnen scheinen stinknormale Leute zu sein, die neben einem im Bus sitzen oder im Treppenhaus grüßend an einem vorbei gehen könnten.
Wenn sie sich online nicht gerade über Sozialschmarotzer, Rapugees oder Verschwulung ereifern, posten sie bei Facebook Bilder vom neuen Rennrad oder vom Urlaub in Gran Canaria. Wenn sie nicht missliebige Politiker und andere „Gutmenschen“ in dem in den sozialen Netzen inzwischen üblichen Ton anpöbeln („Vaterlandsverräter“, „Psychopath“ etc), setzen sie die Welt darüber in Kenntnis, dass sie ein Level bei Pyramid Solitaire Saga geschafft oder mit dem Rauchen aufgehört haben; sie sind „in einer Beziehung“ oder rufen die Facebook-Freunde auf, beim „Pausenhofwettbewerbs von Antenne Bayern“ mitzumachen.
Wie ist es möglich, dass BRD-Normalos sich im Internet zu einer Art Online-Lynchmob zusammenschließen? Und hier ein unverschämtes Benehmen an den Tag legt, das sich wohl keiner der Beteiligten alleine oder in der wirklichen Welt erlauben würde? Eine ähnliche Frage hat vor 120 Jahren der französische Soziologe Gustave Le Bon in seinem Buch „Die Psychologie der Massen“ zu beantworten versucht: Wie ist es möglich, dass Einzelne in der Masse plötzlich Dinge tun (Lynchen, Plündern, „Kopf-ab-Rübe-runter“-Schreien), die ihnen alleine nie in den Sinn kämen?
Die Masse war zu dieser Zeit ein neues soziales Phänomen, und zwar eins, das untrennbar mit der Moderne und der industriellen Revolution verknüpft war: Menschen, die nach dem Ende des Feudalismus auf der Suche nach Fabrikarbeit ihre dörfliche Heimat und damit auch deren verbindlichen Normen und Regeln hinter sich gelassen hatten. In den sich entwickelnden Großstädten und Industriegebieten fanden sie eine moralische tabula rasa vor, in der es keine gewachsene Gemeinschaft gab, die auf die Einhaltung von gesellschaftlichen Grundregeln achtete. Hier sehen wir die erste Parallele zwischen der Masse a la Le Bon und den Internet-Hatern von heute. Auf den Facebook-Seiten etwa von Grünen-Politikern sind viele der Dauer-Pöbler zwar Netz-Trolle mit klar rechtsradikaler Grundeinstellungen. Aber viele derjenigen, die besonders unverschämt auftreten, sind relative Newbies, die sich oft gerade erst bei Facebook angemeldet haben. Und nun auszuprobieren scheinen, ob man sich hier wirklich so aufführen kann, ohne dass am nächsten Morgen die Polizei vor der Tür steht.
Und, ja, man kann! Man kann seine destruktiven Triebe, die „Überreste aus der Urzeit sind, die in jedem von uns schlummern“ (Le Bon), freien Lauf lassen, zum Beispiel, in dem man einem Reporter der Berliner Zeitung bei Twitter den Selbstmord nahelegt – ganz wie Le Bon über die Masse schreibt: „Für den einzelnen wäre es zu gefährlich, diese Triebe zu befriedigen, während ihm sein Untertauchen in einer unverantwortlichen Masse, durch die ihm Straflosigkeit gesichert ist, völlige Freiheit der Triebbefriedigung gewährt.“
Die Masse, die Le Bon entdeckt hatte, war im Grunde ein Mob, gesteuert vom Unterbewussten, das vernünftiges Handel unmöglich machte. Für Le Bon war die Masse triebhaft, leichtgläubig, grausam, ungeduldig. Wer Teil einer Masse wird, entwickelt sich gleichsam eine Evolutionsstufen zurück. In der Masse gibt man seinen gesunden Menschenverstand und die Fähigkeit zur Kritik auf, die Persönlichkeit wird durch „Rückenmarkdenken“ ersetzt.
Die Masse, die Le Bon 1895 beschreibt und die ich „Masse 1.0“ nennen möchte, hat bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit dem Online-Krakelern der Gegenwart: Auch die Internet-Wutbürger sind schnell und ohne lästiges Nachzudenken davon zu überzeugen, dass „südländisch aussehende“ Täter sich an der 13jährigen Lisa aus Marzahn vergangen haben. Dass die Vergewaltiger aus Gründen der „political correctness“ von der Polizei gedeckt werden. Dass Angela Merkel persönlich die politische Linie der deutschen „Systemmedien“ von der Tagesschau bis zur Bild vorgibt. Und dass die Flüchtlingskrise ein Trick der USA ist, um die Deutschen ins Verderben zu stürzen.
Der Facebook-Algorithmus, der darauf programmiert ist, Vertreter solcher Ansichten in einer wohligen „Filterblase“ mit Gleichgesinntem einzuschließen, erweckt bald den Eindruck, dass die ganze Welt so denkt. Und schnell werden derartige Einsichten im Online-Rudel rotzfrech heraus posaunt, denn die „Massen kennen weder Zweifel noch Ungewissheit und ergehen sich stets in Übertreibungen. Ihre Gefühle sind stets überschwänglich.“ (Le Bon)
Eine Stänker-Industrie aus Pegida, AfD, Compact etc dient als Stichwortgeber für eine überschaubare Zahl von Phrasen („Gutmensch“, „Lügenpresse“ etc). Deren gebetsmühlenhafte Wiederholung ist die Basis des Weltbilds des Internet-Trolls. Jede Behauptung, schreibt Le Bon, „hat nur dann wirklichen Einfluss, wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken.“
Nein, ein Demokrat war Le Bon nicht. Seine Abneigung gegen die Massen speiste sich aus seiner Wahrnehmung der Februarrevolution 1848 und der Pariser Kommune, historische Ereignisse, die man durchaus als fortschrittlich hätte interpretieren können. Doch Le Bon war ein Bourgeoise und Bildungsbürger, der auf das neu entstandene Proletariat – letztlich nur ein anderes Wort für Masse – verächtlich herab blickte.
Trotzdem kann man seinen Einfluss nicht überschätzen: Seine Massenpsychologie beeinflusste Sigmund Freud und Max Weber. Die Nazis studierten seine Vorschläge zur Massenmanipulation ebenso gewissenhaft wie William Bernays, der in den USA als Erfinder der Public Relations bekannt wurde und von dem mehrere Generationen von Werbern, Propagandisten und Spin Doctors ihr Handwerk lernten. Bücher wie „Der Aufstand der Massen“ (1929) von José Ortega y Gasset und „Masse und Macht“ (1960) von Literaturpreisträger Elias Canetti hielten die Massenpsychologie bis in die Nachkriegszeit in der Diskussion und lieferten die Grundlage für eine fortgesetzte elitäre Massenverachtung des Bürgertums auch in Deutschland.
Erst in der jüngeren Vergangenheit hat der Begriff der Masse seine negativen Konnotation für viele Intellektuelle verloren. Nicht nur hatte die Loveparade oder die „Reclaim the Streets“-Demos der 90er Jahre bewiesen, dass unorganisierte Massenveranstaltungen keineswegs automatisch in einem kollektiven Blutrausch enden müssen. Doch vor allem das Internet trug dazu bei, dass eine gesichts- und führerlose Masse plötzlich geradezu als eine soziopolitische Ressource erscheinen konnte, die unaufgefordert und selbstgelenkt Betriebssystem programmierte und Online-Lexika vollschrieb.
Diese Masse 2.0 war ein „Smart Mob“ (Howard Rheingold), der von „Schwarmintelligenz“ statt von einem dunklen Unterbewusstsein gelenkt wurde und schuf statt zerstörte. Autoren wie James Surowiecki (in seinem Buch „The Wisdom of Crowds“), Yochai Benkler (in „The Wealth of Networks“) oder Clay Shirky (in „Here Comes Everybody“) waren die Propheten eines neuen, kooperativen Zeitalters, in dem führerlose Online-Massen sozialen und politischen Fortschritt hervorbringen konnten. Als Beweis dienten nicht-hierarchisch und dezentral mit Hilfe des Internets organisierte „Crowds“ wie Attac, Occupy, die Piratenparteien oder der arabische Frühling.
Inzwischen sind diese „Crowds“ genau wegen dieser nicht-hierarchischen und dezentralen Organisationsformen zu epic fails geworden. In den sozialen Medien, die noch vor ein paar Jahren als technische Vollendung von Habermas´ „bürgerlicher Öffentlichkeit“ erschienen, hat die „Masse 1.0“ mit den von Le Bon beschriebenen Eigenschaften Einzug gehalten. Und beweist dort täglich, dass man sich nicht physisch am selben Ort befinden muss, um kollektiv zu verrohen.
Dass im Internet BRD-Wohlstandsbürger zu verbalen Amokläufern werden, bedeutet nicht nur den Abschied vom Blütentraum vom Internets als diskursiven Freiraums. Die Pöbelherrschaft, die in weiten Teil des deutschen Netzes inzwischen herrscht, hat ganz reale Auswirkungen in der wirklichen Welt: Wer diesem verwahrlosten Genörgel lange genug ausgesetzt ist, dem mag es irgendwann womöglich als unumgänglich erscheinen, eine Handgranate in ein Flüchtlingsheim zu werfen oder die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin auf offener Straße niederzustechen – aus „Gehorsam gegen einen Einfluss, der um so mächtiger wirkt, weil er einer Gesamtheit entstammt“ (Le Bon).