Auch Wissen muss vor Ausbeutung geschützt werden.
REUTERS/PAUL HACKETT Räumung des Lesesaals des British Museum, 1997, nach 140 Jahren
Am Ende der Paneldiskussion tritt ein junger Mann mit langen Haaren ans Saalmikrofon. In der Sowjetunion, so sagt er, hätte es doch auch Spitzenforschung gegeben. Die Naturwissenschaftler seien so schlecht bezahlt worden, dass das Streben nach materiellem Gewinn nicht der Grund gewesen sein könne, aus dem sie oft mit großem Einsatz und viel Ehrgeiz geforscht hätten. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Untergang der UdSSR kann man also wieder Fragen nach der Spitzenforschung ebendort stellen, ohne dass man als altlinker Romantiker ausgelacht oder als ideologischer Spinner verteufelt wird. Wenigstens bei der Konferenz "Wizards of OS", die kürzlich im Berliner Haus der Kulturen der Welt stattfand.
Dabei handelte es sich eigentlich gar nicht um eine Konferenz über Naturwissenschaft oder verschwundene politische Systeme. Das OS im Titel stand vielmehr für "Open Source" Software, also für Computerprogramme wie das Betriebssystem Linux. Deren Code kann nämlich - im Gegensatz zu kommerzieller Software wie zum Beispiel Microsoft - jeder Benutzer ansehen und - wenn er es denn kann - verändern. Den Erfolg, den diese Programme in den letzten Jahren gehabt haben, hat Kommentatoren zu der Formulierung verführt, bei Freier Software wie Linux handele es sich um einen "Kommunismus, der funktioniert".
Absurde Besitzstände
Linux wird von Programmierern aus der ganzen Welt, die per Internet miteinander kooperieren, geschrieben, und zwar ohne Bezahlung - fast wie bei den sowjetischen Wissenschaftlern von einst - und freiwillig. Die Motivation dafür scheint ähnlich wie im akademischen Betrieb nicht in erster Linie Geld, sondern die Anerkennung der Kollegen und der Ruf in der Fachwelt zu sein. So verbreitet sich Wissen - und Computercode ist nichts Anderes als praktisch angewendetes Wissen - in der akademischen Welt weiter.
Ganz anders sieht das freilich die "Verwertungsindustrie": So verschiedene Unternehmen wie Medienkonzerne, Pharmafirmen oder Software-Companys versuchen ihr Wissen und ihre Forschung durch Patente und Lizenzen zu schützen und damit dem Rest der Darin unterscheidet sich die Software-Schmiede Microsoft nicht von der Biotechnologie-Firma Caldera: Die Ergebnisse ihrer Forschung hüten beide Unternehmen wie Staatsgeheimnisse. Effektiv führt das zu einer "Schließung des Wissens", glaubt Volker Grassmuck, Organisator der Konferenz "Wizards of OS". Langfristig können diese Entwicklungen zu einer Behinderung jeder Art von Forschung und damit der Weiterentwicklung der Gesellschaft führen. Die Konferenz, die unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung getragen wurde, wollte nach anderen Beispielen suchen, bei denen nicht Profitmaximierung, sondern das öffentliche Interesse die Auswertung von Wissen und
Denn die Patente und Lizenzen, mit denen geistiges Eigentum in zunehmendem Maße geschützt werden, bedeuten private Kontrolle über den Zugang zum Wissen. James Love von Consumer Project on Technology aus Washington spricht von einem "Regime des geistigen Eigentums". Damit meint er zum Beispiel die Patente, die westliche Firmen auf Aids-Mittel angemeldet haben. Dadurch verhindern sie, dass Aids-Mittel in Ländern wie Südafrika, wo die Hälfte aller Schwangeren HIV-positiv ist, hergestellt werden können. Die Firmen bieten die Medikamente zu für ein Entwicklungsland viel zu hohen Preisen an. Sie rechtfertigen die über den Herstellungskosten liegenden Preise damit, dass sie ja auch Forschung betreiben müssen.
Diese, so argumentiert Love, könnte man auch an Universitäten durchführen, wenn sich die Pharmafirmen an akademischer Forschung beteiligen würden. Dann würden wissenschaftliche Erkenntnisse auch "public domain", also öffentliches Eigentum, bleiben. Dafür müssten die Verfechter der Offenheit geistigen Eigentums allerdings stärker als bisher auch als politische Lobbyisten tätig werden, war bei der Konferenz immer wieder zu hören. Denn bisher haben nur die Profiteure von Lizenzen und Patenten eine professionell arbeitende Vertretung ihrer Interessen. Und damit halten sie auch absurde bis gruselige Besitzstände aufrecht: In Island wird die nationale Datenbank, die die Krankenakten der gesamten Bevölkerung enthält, von einem Unternehmen organisiert, das seinen Firmensitz in den USA hat und zum Teil
Eine Wissensschutz-Bewegung
Weit entfernt ist man noch von einer "Informations-Ökologie", wie sie der amerikanische Wissenschaftler James Boyle vorgeschlagen hat. Wissen, so glaubt er, muss so vor der Ausbeutung durch Unternehmen geschützt werden wie die Natur; was fehle, sei eine Art Wissensschutz-Bewegung, die sich - ähnlich wie die Umweltschutzbewegung der 70er-Jahre - für den Schutz des öffentlichen Das sei in der Informationsgesellschaft, in der Wissen zum wichtigsten Rohstoff der Ökonomie geworden ist, besonders wichtig. Drängend wird diese Frage nicht zuletzt auch durch die zunehmende Bedeutung digitaler Medien, bei denen man Daten beliebig oft kopieren und über das Internet in der ganzen Welt verbreiten kann.