Als ich Anfang des Jahres in einer dunklen Winternacht aus der Videothek auf dem Kottbusser Damm herauskommen, gehen gerade zwei Hipster mit Gehbier vorbei. Der eine stößt den anderen an und sagt: „Ey, guck mal, Digga. Das ist voll Neukölln. Hier gibt’s noch Videotheken.“
Ob das der böse Fluch war, der dem Laden den Rest gegeben hat? Vor ein paar Wochen haben die letzten beiden verbliebenen Filialen von Videoworld geschlossen, die in Laufentfernung von meinem Zuhause lagen. Das Unternehmen, das in seiner besten Zeit mehr als 50 Filialen in Berlin und den neuen Bundesländern hat, schließt derzeit eine nach der anderen, sieben allein in diesem Jahr. Siebzehn Läden gibt es noch, viele von ihnen werden als Franchise betrieben. „Wir versuchen unsere Läden so lange wie möglich weiter zu betreiben“, sagt Andreas Spinkler, Geschäftsführer von Videoworld. „Aber irgendwann ist Ende der Fahnenstange. Das kann in fünf Jahren sein, das kann aber auch schon im nächsten Jahr sein. Die Kunden kommen einfach nicht mehr.“
Dabei war die Marktsituation für Videotheken in Berlin bis vor kurzem noch relativ günstig, sagt Jörn Weinrich, Geschäftsführer des Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels in Deutschland. 192 Videotheken hat es 2007 in der Hauptstadt gegeben, jetzt sind es nur noch 60: „Wegen der niedrigen Gewerbemieten konnten sich hier auch weniger umsatzstarke Videotheken halten. Und es gibt in Berlin ein Publikum für anspruchsvolle Filme, das zu spezialisierten Läden wie Videodrom oder zur Filmgalerie 451 geht.“ Aber die Zeit der Allzweck-Videotheken, die die neuesten Blockbuster und Serien ebenso vorhielten wie Filmklassiker und Kinderfilme, scheint dem Ende zuzugehen. 4173 hat es noch 2007 in Deutschland noch gegeben, 936 sind es heute.
Wie das Kinetoskop, das Stummfilmorchester oder die VHS-Kassette sind sie Opfer eines fundamentalen Medienwandels. Wer will noch am Sonntagabend die Couch verlassen, um sich eine Silberscheibe mit Filmunterhaltung auszuleihen und sie am Folgetag zurückbringen,wenn Kabelkanäle und das Internet mehr Unterhaltung bieten, als man sich in einem ganzen Menschenleben ansehen kann? Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon bieten Serien wie „Narcos“ oder „House of Cards“ schon Monate, bevor sie auf DVD veröffentlicht werden; wer ein gewisses, legales Risiko nicht scheut, kriegt sie im Internet sogar umsonst, ohne Abogebühren zu bezahlen und sofort nach Veröffentlichung.
„Streaming ist für die Kunden sicher bequemer“, sagt Spinkler, „und da gibt es auch wirklich gute Serien. Aber die Auswahl von Spielfilmen ist bei Netflix ziemlich klein.“ Erfolgreiche Filme wären bei den Streaming-Diensten auch wesentlich teurer als bei Videoworld, wo sogar eine ganze Serienstaffel mit bis zu 13 Folgen nur einen Euro pro Tag kostet. Bei Amazon muss man für einen Publikumserfolg wie „Willkommen bei den Hartmanns“ aus dem letzten Jahr 4,99 Euro zahlen; „The Avengers 2: Age of Ultron“ von 2015 ist bei iTunes, Maxdome oder Google Play teurer als eine Kinokarte: 11,99 Euro.
„7,99 Euro pro Monat für ein Netflix-Abonnement wirkt zwar erstmal billig“, sagt Spinkler. „Aber wenn man auch bei anderen Anbietern Kunde wird, kann das schnell teuer werden.“ Wie in anderen Bereichen des Internetgeschäfts könnte am Ende auch hier ein Monopolist a la Google oder Amazon übrigbleiben, der dann auch die Preise nach Belieben festlegen kann. Gerade bei Filmneuheiten, mit denen Videotheken das meiste Geld verdienen, mache die Internetpiraterie seinem Geschäft zu schaffen. „Der Niedergang der Videothek begann vor zehn Jahren, da gab es noch keine Streamingdienste“, sagt Jörn Weinrich, der findet, dass die deutsche Politik zu wenig gegen illegale Downloads tut.
„Kein Videostream-Anbieter hat so eine große und vielfältige Auswahl wie eine große, gut sortierte Videothek“, ist sich Spinkler sicher. Denn während eine Videothek jede DVD und jede BluRay verleihen kann, die es zu kaufen gibt, werden die Streamingrechte meistbietend an eine wachsende Zahl von Anbietern verkauft. So treiben neben Netflix und Amazon noch eine Reihe von anderen Unternehmen die Preise nach oben. Und der Kunde muss erst einmal auf die Pirsch gehen, bis er den Anbieter gefunden hat, der den gewünschten Film anbietet.
Wenn man nicht nur Popcorn-Kino gucken will, kann das schnell anstrengend werden – oder auch schlicht vergeblich: Von dem französischen Autorenfilmer Jean-Luc Godard spuckt die Streaming-Suchmaschine justwatch.com nur eine Dutzend seiner fast 50 Filme aus. „Element of Crime“ oder „Dogville“ von Lars Von Trier sucht man ebenso vergeblich wie Orson Welles´ „Citizen Kane“.
In Berlin gibt es zwar in öffentlichen Bibliotheken wie der AGB noch eine atemberaubende Filmauswahl von sowjetischen Märchenverfilmungen aus den 50er Jahren bis zu avantgardistischer Videokunst. Aber wenn die DVD-Abspielgeräte genauso verschwinden wie vor einigen Jahren die Videorekorder, könnte Streaming in einer ziemlich nahen Zukunft der dominante Zugang zur Geschichte und Kultur der bewegten Bilder werden. Und da ist dann – trotz kleiner Nischenanbietern wie Realeyez oder Mubi – vor allen Dingen Mainstream angesagt.
Und der wird einem regelrecht aufgedrängt: Die Algorithmen der großen Anbieter sind nie um einen Filmtipp verlegen und sorgen schon dafür, dass ihre Nutzer im vorgegebenen massenkompatiblen Rahmen bleibt. „Davon profitieren dann am Ende nur noch ein paar amerikanischen Internetunternehmen und ihre Aktionäre“, sagt Spinkler – und zwar nicht nur finanziell. Schon jetzt würden Netflix die Sehgewohnheiten seiner Nutzer genau analysieren, und wüsste, welche Genres seine Zuschauer bevorzugen oder an welcher Stelle sie mit dem Gucken aufhören. Das würde unweigerlich zu Film- und Serienproduktionen führen, die einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner bedienen: „Und irgendwann schreibt dann gleich der Computer das Drehbuch.“
Tilman Baumgärtel